Wie Morton Müller vom Ohio kam.

Fortsetzung von
Morton Müller.
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.
Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.
Wie Morton Müller den heiligen Gral fand.

Und dann war da die Geschichte mit der Zeit und der Uhr am Hamburger Rathaus und Morton Müllers raffiniertem Versuch, mittels geistiger Osmose oder transzendentaler Identifikation (oder so ähnlich) die Uhrzeit vorherzusagen, ohne groß auf die Uhr zu gucken, also sozusagen blind, auf dem Rathausmarkt, dem Hamburger, dem riesigen, jawohl. Wobei Hinrichsen vorher noch behauptet hatte: Erstens, man könne die genaue Uhrzeit nicht vorhersagen und zweitens, die Hamburger Bürger hätten gar kein Interesse an einem Uhrzeitvorhersager, da sie ja eine Rathausuhr besäßen, die die Uhrzeit anzeigte, und drittens mache er nicht jeden Quatsch mit, nur damit das dann abends im Fernsehen gesendet wird. Woraufhin sich Morton Müller, in einen Kaffeesack gekleidet, ein Häufchen Asche auf dem Kopf, Büßermiene, auf den Rathausmarkt hockte, den Kopf zwischen die Hände nahm und ohne viel nach oben zu gucken (dort war die Uhr, von der Hinrichsen gesprochen hatte), dreiuhrdreiundzwanzig sagte, genau als es dreiuhrdreiundzwanzig wurde. Hinrichsen schluckte, suchte nach einer Erklärung und fand keine, als Morton Müller sein Mysterium wiederholte, diesmal, zwecks größerer Aufmerksamkeit, jogamäßig beinverschränkt auf einem Bein stehend, und, flashmobmäßig angekündigt, exakt die Sekunden bis vieruhrvierundvierzig herunterzählte, natürlich unter heimlicher Verwendung eines Zauberspiegels in der Innenfläche seiner rechten Hand. Mit einem Zauberspiegel kann man übrigens alles erreichen, was man will, zum Beispiel erster Kassenwart in der Kleingartenkolonie „Schöne neue Welt“ werden oder Bundeskanzlerin oder Assistent des Chefs der Vereinigung der Burgruinenkenner oder so was.
Eine zufällig vorbeikommende, nicht ganz kleine Gruppe japanischer Touristen hielt Morton Müller Verhalten (das auf-einem-Bein-Herumstehen und das Zeitvorhersagen) für ein urhamburgisches Ritual zur Erhaltung geistiger Frische, und stellte sich, Hinrichsens Beteuerungen nicht verstehend, dass es sich um eine Blödelei, eine hamburgische, handelte, neben und um Morton Müller herum auf den Rathausmarkt und vorhersagte auf japanisch die Uhrzeit, was natürlich niemand nachprüfen konnte. Bis Morton Müller dann bei sechsuhrsechundsechzig kurzfristig seinen Zauber abbrach und den Fehler in seinen Berechnungen damit überspielte, dass er ganz ganz laut über den Zustand seines Kaffeesacks schimpfte und behauptete, er sei von Japanern umzingelt (was ja seltsamerweise stimmte und gar nicht erfunden war oder übertrieben). Hinrichsen wies dann auch das Fernsehteam vom Hamburg Journal auf die Blödelei hin, was dieses mangels anderer aufregender Geschichten einfach nicht interessierte, so dass Morton Müller es tatsächlich ins Fernsehen schaffte und mit einem kurzen: Gutnahmnd, Hamburg! das abendliche Journal eröffnete, jogaverwurstelt in seinem Kaffeesack herumhüpfend, erschöpft und für fünfzehn Minuten berühmt, zumindest im dritten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Morton Müller beschrieb vor laufender Kamera seine schamanische Herkunft vom Ohio und seine Reise hierher an diesen Zeitort,  wobei er dramatischen Blickes auf die Rathausuhr deutete, der ihn (mit zitternder Stimme unterlegt) auch wieder nach Hause bringen würde, bald schon, vielleicht. Dann machte es „Plopp“ und Morton Müller verschwand in einem undurchsichtigen Nebel, wie er so oft und unerreicht plötzlich Hamburg heimsucht, zurück zum Ohio oder von wo auch immer er gerade gekommen war. Hinrichsen blieb die Spucke weg, jawohl, die Spucke, und die Stimme auch. So konnte er dem Team vom Fernsehen tatsächlicher Weise nichts weiter berichten als: Äh, ja, wieso jetzt?

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