Wie Morton Müller zum Himmel fuhr.

Fortsetzung und Schluss von
Morton Müller.
Wie Morton Müller bewies, dass er keine Füße am Kopf hatte.
Wie Morton Müller mit der Pretty Belinda was hatte.
Wie Morton Müller den heiligen Gral fand.
Wie Morton Müller vom Ohio kam.

Morton Müller starb unvorhergesehen, als er meinte, bei Rot die Kreuzung Holstenstraße/Streesemannstraße überqueren zu können, frei nach Jesus, der ja auch übers Wasser gegangen war. Morton Müller wurde von drei aus verschiedenen Richtungen kommenden Autos überfahren, von einer Elektro-Byciclette angekarrt und von einem mit Wasserstoff angetriebenen Smart vorderrädrig überrollt. Fünf oder sechs simsende Fußgänger traten aus Versehen auf ihn drauf und etwa zwölf taubenähnliche Mövenvögel spickerten auf seinem Kopf herum. Nebenbei rettete er einer Gruppe Schulkindern das Leben, da eines der Fahrzeuge (die Byciclette) außer Kontrolle geraten gerade auf eine der üblichen Bushaltestellen-Katastrophen zusteuerte, als Morton Müller, wie schon erwähnt, versuchte, die gefährlichste Kreuzung Nordeuropas bei komplettem Fußgängerrot zu überqueren, etwas das niemand macht, weil es einfach nicht geht. Die Byciclette drehte kurzfristig ab nach links an den Schulkindern vorbei hinein in einen türkischen Obst- und Gemüseladen, und Morton Müller starb so, wie er gelebt hatte: selbstlos und übertrieben dramatisch. Als er von einem Hubschrauber aufgenommen in Richtung AK Altona entschwebte, meinte er, man könne sich jetzt mal in aller Ruhe die Stadt von oben angucken. Natürlich fiel er aus diesem vermaledeiten Hubschrauber und landete (nach einem Sturz von etwa um und bei dem Gewicht seines guten Freundes Hinrichsen umgerechnet in Pi-mal-Daumen-Höhenmeter) ohne weitere Umwege in einem Garten der Kleingartenkolonie „Schöne neue Welt“ in einem vor Hasen-, Reh- und Schneckenbiss abverdrahteten Geviert der letztjährigen Kleingartenkönigin Helga Schubert, die ihn, fünfundneunzigjährig, taub und fast blind, sofort mit einem Gartenstichling attackierte. Sie trachtete zunächst, eines der oberen Körperteile Morton Müllers zu erdolchen, stellte dann aber recht wütend diesen Giftzwerg zur Rede, der es wagte, ihren Siegergarten für sein Ableben zu missbrauchen. Wegen ihrer fast Blind- und ihrer vollkommenen Taubheit erstach sie übrigens den Kirschbaum und sprach mit ihrer Buchsbaumhecke, die sich weder wehrte noch Widerworte sprach. Ganz im Gegensatz zu Morton Müller, der mit allem um sich schmiss, was dieser wunderbare Garten hergab: Möhrchen, Gürkchen, Böhnchen, Kartöffelchen und, äh, sagmalschnell, Rübchen. Mit einer der Rübchen traf er dann Frau Schubert, diese wunderbare Königin der kleinen Gemüse, die ihrerseits nichts für das konnte, was sie dann tat, weil sie einfach tat, was sie als Bohnenkönigin tun musste. Morton Müller starb nämlich endgültig in dem Moment, als Frau Schubert seinen Kopf mit dem gusseisernen Tritt ihrer Gartenlaube streifte, den sie mit unmenschlichen Kräften aus dem Boden gerissen und in das schon angesprochene, gut abverdrahtete Geviert geschleudert hatte, in Richtung dieses kreischend fuchtelnden Viechs, das sie zunächst für einen Fuchsteufel, dann für einen Otter und zuletzt für einen neuseeländischen Hobbit hielt (Frau Schubert war begeisterte Kinogängerin, intellektuell bei Woody Allen beheimatet und missbilligte im Übrigen jegliches Elfengezeuchs und alles Hobbitartige). Wahrscheinlicher aber ist, dass Morton Müllers Tod ebenso erfunden war, wie die Meldungen über seine Auffahrt gen Himmel mit Regenbogen und klassischer Musik, begleitet von einem Chor holder Nymphen und engelähnlich jubilierender Fischverkäuferinnen: Hallelujah! Ein Tod, an dem Hinrichsen wie immer herumnörgelte, dass es ein etwas weniger spektakulärer Abgang in einem Ballon oder ein ruhiger Abstieg in die am tiefsten gelegene Lügenhölle doch auch getan hätten. Aber bei Morton Müller kann man sich mit nichts sicher sein. Hinrichsen für seinen Teil verweigerte sich allen Überlegungen zum Tod seines Freundes: Der alte Klabüsterer sitzt doch jetzt schon wieder auf irgend einem hohen Berg, füttert einen goldscheißenden Esel und baut an einem Schloss, in dem er und diese Frau Schubert Rübchen züchten und Karöttchen und der Chor der Fischfräuleins jubiliert den ganzen Tag, und so weiter und so fort bis in alle Ewigkeit. Ja, so wird es wohl sein mit dem Morton Müller, meinte zumindest der Hinrichsen, der alte Nörgler der. Was soll man dazu sagen?

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