Die Fahne.

Hallo. Ich möchte mich und mein Problem kurz vorstellen. Mein Name ist Günter, ich bin ein farbenblinder Fahnendesigner und bekam eines Tages den Auftrag, eine Fahne für den Kleingartenverein „Harmonie“ zu entwerfen. Mein erster Versuch zeigte einen grauen Hamster vor grauem Hintergrund, was wenig Anklang fand, da niemand den Hamster finden oder einen Zusammenhang mit dem Kleingartenverein herstellen konnte.
Als nächsten Vorschlag brachte ich ein verfremdetes Foto meiner Frau Gisela, die darauf wie Marylin Monroe aussah, ein wenig wie Elizabeth Taylor, aber hauptsächlich wie Mao Tse Tung. Meine Frau fand das „obszön“, ein Wort, das sie sonst nur  gebrauchte, wenn sie das Kind unserer Nachbarn beschrieb. Den Damen und Herren vom Kleingartenverein fehlte leider jegliches kulturhistorisches Verständnis, tatsächlich wollten sie mich vierteilen und kompostieren.
Heute weht über dem Verein eine grüne Fahne mit der üblichen Silhouette eines Gartenhäuschens. In dem Haus leben, selbstverständlich nicht sichtbar, ein grauer Hamster und das Kind unserer Nachbarn, aber das habe ich niemandem verraten. Oben auf dem Haus weht eine kleine Fahne mit dem unleserlichen Schriftzug:  Mao lebt! Nieder mit dem Establishment! Soweit ich weiß, ist „Harmonie“ der einzige Kleingarten westlich von China, der den großen Hamster Mao auf diese Weise ehrt.

Keine Haare, altes Brot.

Ich wachte auf und hatte keine Haare mehr, allerdings nur auf dem Kopf, was mich zunächst erschreckte, bis mir wieder einfiel, dass es gestern morgen genauso gewesen war. Ich dachte dann an vorgestern und vorvorgestern und davor und noch davor davor, aber es blieb dabei, ich hatte seit mindestens letzten Montag keine Haare mehr am Kopf. Dafür hatte ich behaarte Arme. Was mich ebenso erschreckte. Und einzelne Haare auf den Ohrrändern und ein immer wieder nachwachsendes Haar oberhalb des Wangenknochens und natürlich oben auf den Füßen. Beruhigend waren da die Fußsohlen und meine komplett haarlosen Ellenbogenspitzen. Dort hatte es noch nie nicht mal das kleinste Härchen oder auch nur den Ansatz eines Gedankens an eine Haarwurzel gegeben, jedenfalls nicht so, dass ich davon wüsste.

Neulich fragte ich meine Frau, warum ich immer altes Brot essen musste. Sie meinte, ich hätte doch gerade erst neues Brot gekauft, worauf ich zustimmte und erklärte, dass sie jedes Mal, wenn ich von dem neuen Brot essen wollte, sagte, ich solle doch bitte zuerst das alte Brot aufbrauchen, was ich dann selbstverständlich tat. Wenn das alte Brot dann endlich aufgegessen war, ging ich zum ehemals neuen Brot über, das nun, während des Erst-das-alte-Brot-Aufessens, selbst ordentlich gealtert war. Also aß ich wieder altes Brot. Ehrlich, ich weiß nicht mal mehr, wie neues Brot schmeckt. Ich glaube, alter Käse schmeckt besser.

Man gut, dass altes Brot nicht behaart ist.