Der Koffer.

Beim Edeka an der Stresemannstraße lag eines Tages in einer der Schmuddelecken ein Koffer, von dem es schien, als sei er nachts plötzlich vom Himmel gefallen. Der eine Johnny, der mit der Hinz & Kunzt, fragte den anderen Johnny, den Flaschensammler, ob er den Koffer denn schon inspiziert hätte. Da war es so ungefähr mittags. Johnny & Johnny stimmten überein, dass da was zu holen wäre, zogen den Koffer in eine der noch dunkleren Ecken der Stresemann und öffneten den Deckel. In dem Koffer lagen (beschrieben nach der Reihenfolge ihres Auffindens): Der Abschiedsbrief eines mondsüchtigen Engländers an seine Ex-Frau. Das Logbuch des französischen Luftschiffs „Aeronaut“ mit den Aufzeichnungen einer Reise über den afrikanischen Kontinent. Bei diese Reise soll die Mutter des mondsüchtigen Engländers ihr Herz an einen Afrikaner verloren haben. Ein bebilderte Fibel über suchtauslösende Medikamente und die Gefahren der Luftschifffahrt. Eine Schweizer Walzen-Spieldose mit der Melodie von Dr. Schiwago. Eine verblichene Fotografie des jungen Omar Sharif, der den Dr. Schiwago gespielt hat: Sharif lächelt traurig und ruft nach Lara. Eine Schalmei, das Oberstück einer Oboe und ein vollständig erhaltenes Cembalo. Ein Autogramm von Udo Lindenberg, mit der Widmung: Oh, du meine Schalmeie!. Ein Pfund Karokaffee und die an der Verpackung des Karokaffees klebende Aufforderung: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses.

Diesen Moment nutzten Johnny & Johnny um sich gegenseitig ihres Unverständnisses zu versichern. Nichts davon hatte auf der Straße einen Marktwert. Aber, so Johnny (der mit den Zeitungen) zu Johnny (dem mit den Flaschen): Man soll die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen. Oder so.

In einer Ecke des Koffers lag ein schlafender Hund, daneben sein schlafendes Herrchen. Beide sahen ziemlich englisch aus: der Hund sowieso, sein Herrchen trug einen Tweed Anzug, das tun nur Engländer. Rechts neben dem Hund befand sich eine kleine Tür, auf der „Paralleluniversum“ stand. Die Tür war so klein, dass gerade mal Johnny & Johnnys Zeigefinger hindurch passten. Die Finger lebten seitdem in einer besseren Welt, der Rest von Johnny & Johnny verkaufte das Cembalo zu einem unglaublich superguten Preis, weil sie behaupteten, es sei ein echtes Bachsches Cembalo. Hund und Herrchen verließen den Koffer und fuhren mit der S-Bahn zu den Landungsbrücken. Dort bestiegen sie eine Fähre nach England. Der Engländer rettete etwa einen Monat später einer ohnmächtig gewordenen Londoner U-Bahn-Fahrerin mit einem Kugelschreiber, einem Taschenmesser und einem Luftröhrenschnitt das Leben. Die Gerettete wurde dann seine Frau (aus Liebe, nicht aus Dankbarkeit). Der Koffer verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Johnny & Johnny kamen, nachdem das Geld vom Bachschen Cembalo verjubelt war, zu ihren angestammten Plätzen und Tätigkeiten zurück. Niemand glaubte ihnen ihre Erklärungen, wie sie beide zur gleichen Zeit den Zeigefinger verloren hatten.

One comment on “Der Koffer.

  1. DFDS Seaways sagt:

    Hallo Kay, wir sind grad über deinen Blog gestolpert und du hast einen tollen Schreibstil! Nur eine Kleinigkeit: Leider fahren wir ab den Landungsbrücken nicht mehr nach England – heute gehen unsere Fähren ab Amsterdam, Esbjerg oder über den Ärmelkanal nach England;)
    Maritimen Gruß, Dein DFDS Seaways Team

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