Erste Lesung.

Guten Abend. Dies ist die erste Lesung meiner Werke in der Öffentlichkeit. Ich bedanke mich für ihr zahlreiches Erscheinen, insgesamt sind wir also, Moment, zu viert: der Buchhändler, die beiden Damen und meine Wenigkeit. Wie? Sie sind Zwillinge und wollen als eine Person gezählt werden? Na, meinetwegen, also zu dritt. Ich beginne mit der Lesung. Sie sind tatsächlich Zwillinge? Nein, das war jetzt noch nicht die Lesung, eher eine Publikumsfrage. Und Sie leben auch zusammen? Ich meine, Sie gehen immer gemeinsam zu Veranstaltungen wie dieser? Wegen der Anzahl Zuhörer, verstehen Sie? Wie, Sie verstehen nicht? Ach, Sie sind gar nicht von hier? Von wo sind Sie denn weg, wenn ich das fragen darf? Dänemark? Hängen geblieben wegen des Bahnstreiks? Hier wars noch offen und Licht und warm? Ich verstehe. Ich beginne also mit meiner Lesung. Vor einem dänischen Zwillingspaar auf der Durchreise und dem Buchhändler. Sie sind gar nicht der Buchhändler? Der Schwippschwager? Und der Buchhändler ist, aha, beim Tennis, Vereinsturnier, ich verstehe. Und Sie sind von Beruf, aha, Tauchlehrer, zur Zeit ohne Anstellung, wohnen eigentlich auf Mallorca, keine Saison derzeit, klar, kann ich nachvollziehen. Ich beginne dann mit meiner Lesung. Vor mir sitzen ein älteres dänisches Zwillingspaar mit rudimentären Deutschkenntnissen und ein Tauchlehrer mit eher geringem Interesse an Literatur. Ich fasse es nicht. Die Lesung wird heute sehr sehr kurz.

Existenzialistischer Waldpilz.

Hallo E.

Eineiigkeit hat ja im Gegensatz zur Dreieiigkeit den Vorteil, dass ich sie verstehe: ein Dingens vs. drei Dingens, da gewinnt bei meinem Intellekt immer das eine Dingens. Zum Beispiel kann ich einer Gruppe dreieiiger Klöpse, die sich zappelnd in einer Königsberger Soße streiten, nichts abgewinnen, das will ich nicht, das kann ich nicht. Ein einzelner Waldpilz dagegen, der sich einsam im feuchten Schatten einer Fichte Gedanken über ein mögliches Großstadtleben und die entsprechenden Aufregungen an Straßenkreuzungen macht, den mag ich, da kann ich mit um, das hat so was existenzialistisches. Also, falls dich mal jemand fragen sollte: drei Klöpse sind doof, ein Pilz ist knorke. Alles klar?

Dein P.

P.S. Habe gerade erfahren, dass du keine Königsberger Klopse magst und auch nicht weißt, was „Knorke“ bedeutet. Kann ich verstehen. Kapern muss man mögen und Knorke ist tatsächlich schon etwas älter.