Hund.

Mein Leben als Hund begann an dem Tag, an dem Kafkas Gregor Samsa als Ungeziefer aufwachte. Genauer gesagt, Gregor wurde Käfer, ich Cockerspaniel. Gut, dachte ich mir, Gregor wäre auch lieber Hummel oder Glühwürmchen geworden, zumindest hätte ich das gewollt, wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, aber Cockerspaniel? Ohren wie eine Mädchenfrisur aus den Fünfzigern, die Beine eines höher gelegten Dackels und ein Image wie aus der Waschmittelwerbung. Ach wie niedlich, ach wie süß, Sie wissen schon, wehende Haare im Zeitlupenwind auf dem Weg zu Frauchen, ein totes Frettchen im sabbernden Hundemaul, äh. Kämmen! Man wird dauernd gekämmt, weil sich Kletten und Zecken am Fell festtackern oder Äste, Wurzeln, Hagebutten und Rosenzweige ohne mich nicht mehr leben wollen. Ich hasse das. Ich hasse mein Hundeleben! Wenn es einen Gott der unheimlichen Verwandlungen gibt: Beim nächsten Mal wäre ich gerne eine Currywurst.

Total Crazy.

Ich bin so total crazy. Ich streiche mir die Haare Miss Piggy like out of the face und werfe entrüstet den Kopf into the Hintergrund. Ich bin so crazy, dass ich mich frage, wie Superman das mit dem Schweben über dem Boden macht, komplett flippy floppy over the ground. Der ist auch so crazy, denkt sich ‚Ach, jetzt schweb ich mal ein bisschen‘ und dann schwebt er? Noch crazieer ist nur mein Kumpel Bernie, the guy from Mäckforepom short before the polnische Grenze. Der ist erster beim Abwerfen vom Elektrischen Bullen geworden, Bullriding, you know? Total crazy, ist so schnell runter von dem Bullen wie sonst keiner. Sag doch auch mal was, Le Bart, ist das nicht crazy?
Le Bart guckt runter zu Big Dodo, der im Dunkeln nach etwas sucht. Ja, echt crazy, was machst du überhaupt da unten? Und hör auf mit diesem denglisch, das versteht doch kein Mensch. Miss Piggy, wer ist das noch?
Ich weiß, total crazy. Ich glaube, mir ist gerade eine Kontaktlinse ins Klo gefallen.

Le Bart und Big Dodo schielen.

Le Bart hatte sich das Schienbein an einem Mülleimer gestoßen, nun war er der Meinung, Mülleimer stünden absichtlich so rum, ohne Sinn und Verstand. Ständen, meinte Big Dodo dazu, wenn schon, dann ständen sie rum, stünden gäbe es nicht, sonst hieße gäbe ja gübe. Worauf Le Bart seine weiteren Ansichten zu Mülleimern für sich behielt, dies aber mit einem Augenverdrehen bekräftigte. Und Verstand haben Mülleimer schon mal gar nicht, sonst wäre derjenige, an dem Le Bart sich gestoßen hatte, ja aus dem Weg gegangen. Le Barts Augen verbogen sich ob dieser Äußerungen seines Freundes zu einem veritablen Schielen, was Big Dodo einäugig beantwortete. Ein Freundschaft ist eben mehr Wert als ein Mülleimer.

Algen.

Algen kichern. Ich muss es wissen, ich bin eine. Es heißt, Algen seien grün und glücklich, eigentlich ein guter Grund zum Kichern, aber alle Algen, die ich kenne, liegen braunrot müffelnd am Strand der Ostsee, eine in der Sommerluft trocknende Masse undefinierbaren Umfangs. Sie kichern trotzdem. Algen werden getreten, bespuckt und mit dem Fuß auf der Suche nach Bernstein beiseite geschubst. Hunde rümpfen die Nase und heben das Bein, Katzen ignorieren uns und Kleinkindern wird unsere Nähe verboten: Ilse, geh da weg, das ist Igitt. Morgens wuchtet jemand die Algen mit einem Riesenbagger vom Badestrand zum Algenfriedhof, abends kichern wir uns in den Schlaf. 

Genau so geht es mir. Auch ich habe einen undefinierbaren Umfang, morgens müffel ich und manchmal trockne ich meinen Körper in der frischen Brise eines Sommerföhns. Ich kichere immer. Das ist es. Ganztägiges, algenartiges Gekicher.

Elfenvision.

Das leise Plöpp des entschwundenen Marsmannes hauchte noch nach, als ich am Fußende meines Bettes einer Imagination sondergleichen entgegensah: Drei Elfen traten liebreizend durch den Vorhang eines silbrig glänzenden Wasserfalls in mein Schlafzimmer. Professionell balancierte die eine der Elfen, eine kräftige mit Muskeln wie ein Gewichtheber, einen Elefanten auf dem Kopf. Der intonierte trötend Pomp and Circumstances von Elgar, während er aus einer Möhre ein bratschenähnliches Musikinstrument schnitzte. Die Möhrenbratsche sollte ein Geschenk für das Nilpferd werden, welches von der zweiten Elfe einarmig hochgestemmt und herumgewirbelt wurde. Seltsamerweise hockte im offenen Maul dieses wahrlich großen Nilpferds mein Zahnarzt Dr. Müller-Sonnenschein, der diesen für einen Zahnzieher recht fröhlich klingenden Doppelnamen seiner Frau Elsbeth verdankte, die eigentlich Schwarzbrot-Murmansk mit Nachnamen geheißen und eine Namensumbenennung erfolgreich vor Gericht erstritten hatte. Ihr Wunschname Sonnenschein und ihre Hochzeit mit meinem Dr. Müller brachte diesem mürrisch und depressiv Zähne ziehenden Misanthropen einen unerwarteten Zulauf an Patienten. Wer denkt schon bei einem Zahnarzt mit Sonnenschein im Namen an Karies oder einen Hang zu vorschnellem Zähneziehen? Wie er dahin gelangte oder was er da wollte, weiß ich nicht, trotzdem schabte der Dr. im Maul des wirbelnden Nilpferds in aller Seelenruhe an einem Eckzahn. Es sah aus wie der Vorhof zum Zahnärzteparadies. Im Hintergrund, kurz vor dem Gaumenzäpfchen in diesem supergroßen Schnappmichrachen jubilierte Elsbeth Müller-Sonnenschein Beethovens Ode an die Freude, während die dritte Elfe mittig vor meinem Bett stehend glockenhell die Zimbeln schlug. Es war, man muss es einfach so nennen, bombastisch. Und natürlich ein klein wenig übertrieben.

Ypsilon.

Der Marsmann stand plötzlich, unmittelbar nach dem glücklich überstandenen Abenteuer mit der springenden Spinne, vor meinem nächtlichen Bett. Er gestikulierte beruhigend, zumindest meinte ich, das aus seinem windmühlenartigen Armgefuchtel herauslesen zu können, hob eine Augenbraue, die andere war im Dunkel des Schlafzimmers nicht zu entdecken, wahrscheinlich besaß er sowieso nur eine, der Marsmann hob also diese eine Augenbraue, öffnete seinen Marsmannmund mit den originellen, marsmäßig schief sitzenden Zähnen und sprach die Worte, die ich im Leben nicht mehr vergessen werde: Du wollen kaufen Ypsilon?
Ich zahlte überhastete dreieurofuffzich für diesen verdammt lächerlich aussehenden Buchstaben und der Marsmann verschwand mit einem hingehauchten Plöpp aus meinem Schlafzimmer. Auch ihn habe ich, wie diese fiese springende Spinne, nie wieder gesehen.

 

Berührung.

Früher dachte ich, Berührung käme von berührt sein, zum Beispiel vom Anblick einer, äh, Maus oder so. Maus passt eigentlich nicht ganz, ich denke da eher an etwas pelzartig Handschmeichlerisches, den behaarten Körper einer handtellergroßen, in Taiwan oder Südkorea gefertigten Plastikriesenspinne mit Echtkurzhaarimitatborsten, was zum Anfassen eben, das, wenn man sich denn getraut, bei Berührung berührt, unangenehm, aber gefühlt einer wirklichen Spinne sehr ähnlich. Genau das kam mir in den Sinn, als eben diese eine bestimmte Spinne über meine Bettdecke juckelte und an die Panik gemahnte, die mich beim Anblick von Spinnen immer befällt, unabhängig von Größe, Entfernung oder Art der Spinnenrückenbehaarung. Ich geriet also kurz vor einer längeren Ohnmacht in jenen katatonischen Schockzustand der Stocksteife und glitt anschließend ohne Murren und Knurren hinüber in jenen Schlaf, den die Götter wohl für die Spinnenparanoiker erdacht haben: Unruhig, albtraumhaft und geifernd mit Händen und Füßen um sich schlagend. Ich erwachte aufgrund des anfangs erwähnten Berührtseins, nämlich dasjenigewelche eines Spinnenbeins auf meiner Nasenspitze, ein Kitzeln, der Drang zu kratzen, wo Glaube an Rettung von außen ins Leere ruft: Zu Hilfe, eine Spinne will mich fressen! Es folgte meinerseits das dem Kratzen sehr ähnliche Schlagen mit der offenen Handfläche auf Nase, die Spinne, ich vermute eine von der Art der kleinen springenden, tat das ihrige und jumpte ansatzlos von Nase auf Stirne, hastete quer über meinen kahlen Kopf nach hinten und verschwand, flugs und von mir nicht gesehen, im Nirwana der Kissenberge meines ach so wunderbaren Bettgewühls. Ich atmete durch, erholte mich schneller als erwartet und gesundete ohne bleibende Schäden von diesem aufregenden Abenteuer. Tatsächlich ist mir diese Spinne nie wieder begegnet, dem Gott des mangelnden Schlafes sei gedankt dafür.