Inseltheater.

Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…
Rechts am Strand liegt eine leere Kekstüte, ehemals Heimat wohlschmeckender Zuckerkränze, jetzt das Büro einer Gruppe Wanderameisen. Daneben hat Armin der Inselkrebs seine Idee für ein Strandschloss umgesetzt: zwei Dosen Cola ohne Cola, ohne Zucker, ohne Farbe. Auf einer schrägen Strandkiefer hocken drei Überlebende eines Tankerunglücks und karaoken indonesische Liebeslieder über ein Mädchen namens Lisa. Lisa ist eine Fast-Miss-Nordrhein-Westphalen und Ex-Betreiberin einer Pommesbude, gestrandet und geblieben, Liebling aller Inselbewohner und Objekt der Anbetung der indonesischen Schiffbrüchigen. Lisa besitzt die einzigen beiden Esel der Insel, Montgomery und Clift. Montgomery macht meistens nichts, Clift brüllt gerne. Am Ende der ehemaligen Landebahn für Militärflugzeuge verschenkt ein Elvisdouble hawaiianische Blumenkränze an indigene Völkerschaften, die sich in der Regenzeit mit trockenen Witzen über Wasser halten. Die Lebenspartnerin des Künstlers mit der Coladose ist Ethnologin und wird Rene Magritte gerufen. Ihr derzeitiges Forschungsobjekt ist der Sozialpolitiker Robert, der nach seiner Anlandung versucht hatte, eine Gesundheitskasse für Gibbonaffen einzuführen. Mangels Affen zeichnet Robert seitdem mit seinem großen Zeh jeden Nachmittag ein Smiley in den Sand, was Rene Magritte sorgfältig in einem schwarzen Büchlein vermerkt. Jenseits der Smileys in den Kiefernwäldern verbringt der einzige halbwegs vernünftige Humboldtpinguin der Insel seine Zeit mit dem Aufbau eines Homeshopping TV-Senders. Sein Motto für den Start des Senders und alle anderen Fälle ist „White Christmas“, was gleichzeitig der Lieblingssong des Künstlerkrebses mit der Coladose ist, wenn er im Sonnenuntergang als Bing Crosby auftritt. Das Leben ist ein Reigen, ein ewiger Durchfluss von Strandgut, ein Bing Crosby auf einer Insel…

Everything will be alright.

Eines Tages wird alles gut sein. Dann wird ein großer Müllschlucker durch die Welt wandern und Müll schlucken. Anschließend wird es nichts Braunes mehr geben, keinen Hundekot, keine rechte Suppe, keine Rassisten, keine fremdenfeindlichen Theorienfanatiker. Keine Hasskommentare auf Facebook, keine Menschenfänger, keine Feuerleger. Alles, was man sieht, ist bunt und echt. Es ist hell und nichts liegt im Verborgenen. Wir kennen und verstehen uns.

Jeden Tag gibt es Shrimps. Oder Grünkohl und Obstsalat mit und ohne Vanillesoße, freie Wahl für jeden Flüchtling. Liebe geht durch den Magen.

Es gibt keine Kriege mehr. Krieg wird ersetzt durch Kampf gegen den Krebs. Und gegen Alzheimer und MS. Drohnen werden gestartet um Wüsten zu bewässern.

Religion verabschiedet sich vom Fanatismus. Die Kirche spendet Geld zum Bau von Moscheen. Gut sein ist Bestandteil des Glaubens. Alle Menschen werden Brüder.

Wir fahren Autos ohne darüber nachzudenken, ob sie auch das machen, was uns versprochen wurde. Auf Produktverpackungen steht, was das Produkt enthält. Zucker ist Zucker und Salz ist Salz.

Fußball findet wieder auf dem Platz statt, bei Olympia wird nicht gedopt, und die Tour de France ist ein ganz normales Radrennen.

Russland ist eine friedliche Demokratie, die Krim gehört allen und in Ungarn ist Gulasch wichtiger als Zaun. Syrien ist eine kulturelle Touristenhochburg, die größte direkt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Eines Tages wird alles gut sein.

Flughörnchenmann.

George übte. Er tänzelte auf dem Geländer des Balkons und visualisierte seinen geplanten Flug. Man sollte ihn fliegen sehen, den Flughörnchenmann, den Helden der Nachbarschaft, den Jäger der hopsenden Erdnuss. Das Heldenkostüm hatte den pelzigen Belag von Eichhörnchenflaum im frühen Herbst und die Farben des Indian Summer. George lippenmurmelte, so nannten Flughörnchenexperten das Zusammenpressen der Lippen mit gleichzeitigem Kraulen der Flughörnchenöhrchen. Unten im Hinterhof vermuteten sie eine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation, was der Wahrheit recht nahe kam. George murmelte, kraulte und unter seinem Kostüm ran der Schweiß. Sein Problem war nicht der Flug oder die Landung, unten wartete sowieso das Sprungkissen der Feuerwehr. Nein, es ging um das Fluggeräusch. Was machte Flughörnchenmann, wenn er sich ansatzlos in die Tiefe stürzte? Jubilieren? Grunzen? Vielleicht sollte er ‚Timber!‘ rufen oder ‚Da bläst er!‘? Superman saust lufthauchmäßig unhörbar herbei, Batman ssssssttttet sich von oben nach unten in die Häuserschluchten, aber was macht Flughörnchenmann? Knurren?

George stürzte sich leise pupsend in die Tiefe. Dann landete er unverletzt und zufrieden im Luftkissen der Feuerwehr.