Brot von oben.

Der kleine Mann hatte einen neuen Job als Bäckereifachverkäufer beim Supermarkt am Eingang. Die erste Aufgabe war einfach: Immer freundlich sein. Dann folgte Brot verkaufen, Brötchen, Schnittchen, Kuchen und Rumkugeln. 

Der kleine Mann arbeitete vorne mit einem Tritt, nach hinten mit einer Leiter. Vorne langte es gerade für einen Blick über den Tresen hinüber zum Kunden, nach hinten war selbst mit Leiter das Brot von oben auf dem Brotregal eine Herausforderung. Nicht nur, dass der kleine Mann den ganzen Tag Tritt rauf, Tritt runter, Leiter rauf, Leiter runter klettern musste, nein, die Kunden bemerkten das und amüsierten sich. 

Eines Tages kam jemand auf die Idee, nur noch Brot von oben zu bestellen und die Ausführung der Bestellung mit einem breiten Grinsen zu begleiten. Der kleine Mann vermutete dahinter eine böswillige Absicht, er wütete, grimmte, schäumte wie ein Rumpelstilzchen und beschimpfte den Gott der Regalbauer als humorlosen Nichtsnutz. Aber immer mehr Kunden bestellten Brot von oben und freuten sich wie Bolle, wenn der kleine Mann seine Leiter hinauf kraxelte und mit einem Stock durch die Regalbretter hindurch das Brot an den Rand stocherte und mit Geschick in einer Tüte auffing. 

Irgendwann bildeten sich Schlangen vor dem Bäckertresen, alle wollten Spass, Brot von oben und den kleinen Künstler bei der Arbeit sehen. Der Bäcker ging dazu über, nur noch Oben-Brot anzubieten und war kurz davor, einen weiteren Regalboden aufzustocken, da kippelte eines Tages der kleine Mann, im Moment der größten Unlust und Frustration, auf seiner Leiter raus aus dem Supermarkt und ward nie wieder gesehen. Er aß dann zwei Monate lang nur Nudeln mit Ketchup.

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