Archiv für den Autor: Kay Hüttner

Betriebsunfall.

Ich saß also vor dem leeren Bildschirm, bereit den Roman meines Lebens zu schreiben, mein Geist war frei, die Gedanken offen (oder umgekehrtestens), da klemmte sich mein rechter Zeigefinger zwischen P und Ü meiner bis dahin wunderbar funktionierenden Tastatur. Ich produziert PÜPÜs in Menge und dachte bei mir: Na gut, wird das eben ein Roman über das berühmte PÜ im Manne oder den KartoffelPÜ oder den schiefen Turm vom PÜ oder, aber soweit kam ich dann gar nicht mehr, weil sich die Dose mit dem Sekundenkleber selbstständig machte und über die Tastatur entleerte. Fragen Sie jemand anderen (nicht mich), wieso da eine offene Dose mit Sekundenkleber herumstand, das war so und manchmal muss man Dinge einfach hinnehmen. Das tat ich dann auch und wischte angewidert mit dem linken Daumen über das W, das selbstverständlich haften blieb. Ich flötetete nervösestens in mich hinein, fasste mit Daumen an Unterlippe und gnapse seitdem an dem nun nicht mehr am Daumen hängenden W herum (das W innen an der Unterlippe klebt und klebt und klebt). Linkerseits beschäftigte ich mich mit dem langen Leertastenbalken, den ich mir, irgendwie, ich weiß nicht  wie, an die Stirn heftete. Erregt sprangte ich aufsens und klatschtete mir den Rest der Tastatustus vor den Bauchsein. An den Fingern der rechten Hand hingen jetzt PÜÖÄ und das Zeichen #, links war ich bei AXSENBRUCH angekommen. Ich fiel in Ohnmacht ob meiner schlechten Rechtschreibung und den Unbilden des Lebens (und der Kommataste unten am Kinne). Velflucht sei dies Tastatul und dies velflixte W im Maul.
Später tapperte ich vier Stockwerke weiter unten mit wirrem Blick herum, sprach fremde Leute an und forderte sie auf, mit mir “I believe I can fly” zu singen. Da wurde ich dann verhaftet.

 

Gandhi auf dem Altonaer Balkon.

Eines Tages stand der große Gandhi auf dem Altonaer Balkon und besah sich den Hamburger Hafen. Dabei kamen ihm einige Gedanken, unter anderem der, was er den Leuten sagen sollte, die seinen Namen falsch schrieben, zum Beispiel denen, die ihm doch glatt zwei h verpassten (nämlich: Ghandhi oder Gahndhi).
Günter?
Ja, Gisela?
Ach, nichts. Ich hatte nur gedacht, dass Gandhi ja eher klein gewesen ist. Aber rede ruhig weiter.
Gandhi fragte den neben ihm stehenden jungen Mann, was er von den zwei h in seinem Namen hielt und warum der Altonaer Balkon eigentlich so heißt, wie er heißt. Der junge Mann, ein plietscher Hamburger, wie man so sagt, klärte Gandhi auf, das er selbst Fred genannt wurde und keinesfalls zwei h im Namen habe. Und den Altonaer Balkon nenne man so wegen, äh, weil das so ist.
Günter, warum heißt der denn so?
Wer jetzt, Gandhi oder der Balkon?
Und was sagt Gandhi nun zu den Leuten mit den zwei h?
Nachdem Gandhi sich eine ganze Weile den Hafen und die Schiffe und so weiter angesehen hatte, meinte er zu Fred, der immer noch neben ihm stand: Ich finde, man sollte sich bescheiden und mit einem h im Namen zufrieden geben. Fred nickte : Find ich auch.
Günter?
Ja, Gisela? Das hast du dir doch jetzt ausgedacht, oder?
Selbstverständlich Gisela, mein Schatz.
Du guckst aber so komisch.
Ich guck nicht, ich bin auf dem Weg zum Altonaer Balkon. Vielleicht ist er ja noch da.
Wer jetzt?
Na, Gandhi.
Ach der.

Fahne, Fjord und Zwiebeln.

Bo war vierzig, als er die Stadt verließ und ein Haus an einem Fjord nördlich von Schleswig kaufte. Bo lebte von Möhren und Zwiebeln, die er selbst anbaute, und wenn er gerade mal nicht anbaute, saß Bo auf einer holzgezimmerten Bank auf dem Erdwall hinter seinem Haus und guckte in die Gegend. Erdwälle wie seinen nannten die Dorfbewohner übrigens ‘Knick’, was Bo albern fand, da sein ‘Knick’ schnurgerade bis runter zum Fjord verlief, vollkommen knicklos sozusagen, und was keinen Knick hat, soll man auch nicht so nennen. Darüber und dass er sich letztlich doch entschied, den ‘Knick’ wie alle anderen ‘Knick’ zu nennen, hatte er sehr lange auf seiner Bank sitzend nachgedacht. Ausschlaggebend für seinen Sinneswandel von ‘Erdwall mit Büschen drauf zum Trennen von Feldern’ zu ‘Knick’ war schließlich die kurze Einfachheit des Wortes ‘Knick’ und dass keiner seiner Nachbarn verstand, was er meinte, wenn er meinte, er hätte mal wieder einen ganzen Tag auf seinem Erdwall verbracht. Bo wollte sich in die dörfliche Gemeinschaft einbringen, und wenn alle ‘Knick’ sagten, konnte er das wohl auch tun, selbst wenn er das albern fand.

Die erste Zeit, die Bo auf der Holzbank auf dem Knick verbrachte, war elend langweilig und ernüchternd, die Gegend, auf die Bo guckte, (ein Feld, noch ein Knick, noch ein Feld und irgendwann der Fjord) wirkte dreckig graubraun, manchmal milchig grün und meistens seltsam verschwommen. Nachdem Bo schon aufgeben wollte auf seiner Holzbank zu sitzen, er ging sogar soweit, wieder in die Stadt zurückzukehren, und nachdem er seinen Nachbarn von der Langeweile auf seinem Knick berichtet hatte, schenkte ihm Hannes von nebenan Brille und Fernglas und Bo entdeckte auf Anhieb eine ihm bisher unbekannte ländliche Weltweite. Nach einer Weile fand Bo, dass es auf dem Feld hinter seinem Haus tatsächlicher Weise zuging wie auf einem Bahnhof. Da waren Hasen und Häsinnen, große Vögel auf der Jagd nach kleinen Vögeln, Rehe, Rehherden, ja, ganze Wildschweinhorden, ein Alarm wie in einem Großzoo. Und wenn ihm das zu viel wurde, setzte Bo einfach seine Brille wieder ab und linste mit zusammengekniffenen Augen zufrieden in die ursprüngliche Verschwommenheit.

Wenn Bo auf dem Knick saß und Hunger bekam, biss er in eine seiner rohen Zwiebeln. Sofort standen ihm Tränen in den Augen und er schimpfte wie ein Rohrspatz über die Zwiebelschärfe, aber, so seine Überzeugung, ein echter Fjordanwohner isst Zwiebeln, ob das gut tut oder nicht. Hannes, sein Nachbar, klärte ihn dann auf, dass es keineswegs so war, wie Bo sich das vorstellte, und dass er der Einzige im Dorf war, der rohe Zwiebeln aß, und auch diesmal dachte Bo sehr lange darüber nach, bis er sich entschloss, auf Möhren umzusteigen. Bo wollte ein Mitglied der dörflichen Gemeinschaft sein, und wenn die keine rohen Zwiebeln aß, dann musste er das auch nicht tun.

Eines Tages hisste Bo an einer aus Dänemark mitgebrachten Fahnenstange eine aus Dänemark mitgebrachte Fahne. In Dänemark machten das alle so, sie gaben ihrer Fahne sogar einen Namen: Danebrog, und also konnte Bo wohl nichts falsch machen, denn Dänemark lag ja sozusagen um die Ecke. Bis Hannes ihm erklärte, was die dörfliche Gemeinschaft vom Hissen der dänischen Fahne hielt: Nämlich nichts. Das war der Moment, in dem Bo sich entschloss, nicht das zu tun, was die dörfliche Gemeinschaft tat, sondern das Gegenteil. Er ließ es beim Danebrog, weil der in seinen rot-weißen Farben eben viel schöner im Wind wehte als jede andere Fahne, die er kannte – außer natürlich der Fahne Guatemalas, die war unschlagbar. Bo gnirpste und gnurzelte auf seiner Bank auf seinem Knick so lange vor sich hin, bis Hannes eines Tages vorbeikam und fragte, was denn sei, ob er sich nicht mal wieder am Dorfleben beteiligen wollte, und warum er keinen mehr grüßte morgens beim Bäcker, und ob sie im Dorf irgendetwas falsch gemacht hätten. Bo knarrte und knurrte und erklärte schließlich, es wäre doch sehr nett gewesen, wenn sich das Dorf einmal im Leben nach ihm gerichtet hätte, und nicht, wie sonst immer, er nach dem Dorf. Hannes nickte, ging rüber in den eigenen Garten und zog ebenfalls den Danebrog auf, einfach so, aus nachbarschaftlicher Solidarität. Ein paar Tage später war Bos Dorf das einzige in ganz Schleswig Holstein, das ausschließlich und immer die dänische Fahne hisste, selbst wenn der Minister oder die Ministerin zu Besuch kam. Und Bo saß auf der Holzbank auf seinem Knick und guckte brillenlos zufrieden in die ruhige Verschwommenheit. Das mit dem Landleben hatte doch einiges für sich. Und das mit dem Zwiebelessen wird einfach überbewertet.

Le Bart und Big Dodo warten.

Le Bart und Big Dodo, zwei Anhänger des gemeinsamen Abhängens, stehen an der Bushaltestelle und warten auf den Bus zum Stadion. Dort gibt es heute das große Konzert für gegen den Krieg und mit freiem Eintritt. Le Bart und Big Dodo stehen da, warten auf den Bus und schwingen sich schon mal ein.
Le Bart hatte noch keinen Bart und Big Dodo war weder groß, noch ein Dodo, was aber beim Warten nicht weiter stört. Le Bart hatte mal von einem Dodo aus Neuseeland gehört, einem nicht fliegenden Vogel, der zurückgezogen in den Wäldern lebt. Le Bart wusste nicht, wo Neuseeland lag, fragte sich aber, während sie so an der Bushaltestelle vor sich hin schwangen, ob Dodo wohl wüsste, dass er wie ein Vogel hieß, aber gar nicht so aussah. Dodo, der nicht zwischen transzendent und transparent unterschied, zumindest nicht wirklich, also nicht im echten Leben und auch sonst nicht, hatte keine Ahnung von den Fragen, denen sein Freund Le Bart sich gerade stellte, nur dass er, Dodo, niemals jemanden so bartloses wie Le Bart “Le Bart” genannt hätte.
Big Dodo spuckte aus, ein Rest vom Spuckefaden blieb an seinem Mundwinkel hängen und schwang im allgemeinen Schwingen hin und her. Le Bart fand das echt cool und spuckte auch aus. Bei ihm blieb nichts hängen und er fragte Big Dodo, wie man das macht, das mit dem Spuckefaden. Welcher Faden? Der an deinem Kinn. Big Dodo zuckte kurz, wischte die Spucke weg und blickte genervt in eine unbestimmte Richtung. Er war ein Meister im Überspielen von Missgeschicken. Le Bart guckte seinem Freund instinktiv hinterher, fand aber nichts, was ihm gezeigt hätte, wie man mit Spuckefaden spuckt.
Nach ein paar Augenblicken schwangen sie wieder im Gleichklang und Big Dodo holte zwei Bier aus dem Rucksack. Der Bus ließ sich heute aber richtig Zeit, fand Le Bart, sonst kam hier alle paar Minuten ein Bus vorbei, und heute irgendwie gar nicht. Le Bart fragte sich, was auf dem Schild hinter ihm stand. Du, Big Dodo, kannst du eigentlich lesen? Nee, wozu dass denn? Big Dodo verkniff sich ein erneutes Ausspucken und versuchte wie Le Bart etwas unenspannt die Schrift auf dem Schild zu entziffern. Er kniff die Augen wie jemand, der ohne Brille hilflos auf ganz ganz kleine Buchstaben starrt. Die Schrift auf dem Schild war so klein und verblasst, dass nicht einmal ein echter Leser den Text hätte entziffern können, nämlich, dass hier niemals wieder ein Bus und an dieser Haltestelle schon gar nicht usw. und so fort. Big Dodo zuckte mit den Achseln.
Abends, als sie sich dann richtig eingeschwungen hatten, zufrieden mit sich, ihrem Leben und mit dem Bier, das sie seit Stunden tankten, konnten sich beide nicht mehr erinnern, worauf sie eigentlich warteten. War wohl nicht so wichtig gewesen. “War gewesen” war Big Dodos Lieblingsredewendung, so schön doppelt gemoppelt sinnentleert. Ich war da und dort gewesen, gestern oder vorgestern. Was interessiert mich heute oder morgen. Ich war eine Kerze gewesen, die an beiden Enden brennt. Le Bart nickte. Er sah das genauso.
Später bekam Le Bart dann Hunger und dachte an einen großen Burger. Big Dodo grinste. Den Bus hatten sie wohl verpasst.

Der Hagere.

Hallo zusammen, ich bin dann mal der Hagere. Gut, werden Sie fragen, und woran erkennt man das jetzt? Da antworte ich ganz entschlossen und kurz: am Schatten. Aha, am Schatten! Aber der sieht doch eher aus wie ein birnenförmiges Objekt mit oben was drauf ohne Haare, so ganz und gar nicht hager. Sagen Sie, werde ich dann antworten, ich aber spreche nicht von meinem jetzigen, sondern von meinem zukünftigen Schatten. Oh. Ja, mein zukünftiger Schatten wird ein Strich sein, so dünn wie ein Dingens und mit oben was drauf ohne Haare. Aber im Moment ist er noch kein Strich, werden Sie anmerken, er erinnere Sie eher an eine Kurve oder Wölbung, sagen Sie, eine Dehnung vielleicht, oder eine andersgeartete Ausbuchtung, bauchig, sagen Sie es ruhig, irgendwie wie etwas mit Bauch. Da antworte ich frei nach Albert Einstein, dass das relativ ist, und frei nach meinem Rechtsanwalt, dass man das so oder so sehen kann, es kommt auf die Perspektive an. Von oben, fragen Sie, wie mein Schatten von oben aussieht? Das kann ich Ihnen auch nicht sagen, ich gucke so selten von oben auf mich runter, obwohl ich ja vermute, er wird einer Bleistiftspitze sehr ähnlich sein, zukünftig gesehen natürlich, im Moment sieht man eher einen Brunnen mit einem Menschenauflauf drum rum auf einem Marktplatz in einer ziemlich großen Stadt in einem Land wie dem unseren, also äh, jetzt weiß ich auch nicht richtig weiter, vielleicht sieht mein Schatten auch wie ein gerade ausbrechender Vulkan aus, so gewaltig oder so. Und warum zukünftig? Weil ich ab sofort abnehmen werde, und zwar haste-nicht-gesehen-wie. Ob ich dann irgendwann einfach verschwinde? Das liegt im Bereich des Möglichen, es sind ja schon viele Hagere einfach so entfleucht, von einem Windhauch hinfort getragen in andere Gefilde. Ich bitte Sie, gucken Sie mich nicht so entsetzt an, ich weiß, dass es bis dahin ein langer Weg ist. Apropos Weg, vielleicht sollte ich vorher noch einen Happen essen. Abnehmen macht so hungrig.

Sommerfrische.

Am Ende wird mir ja doch jeder zustimmen, wenn ich sage, wie es ist, also fange ich besser gleich an: Wenn man oben am Rand steht und guckt und sieht die Luft vor sich, die nicht nur flimmert, die in Hitzewellen den Pommesduftschwaden der Frittenbude hinterher wabert, am Geschmack von Sonnenmilch entlang, auf der Suche nach Schatten, zwischen den schlafenden Vätern neben ihren schnatternden Müttern, vorbei an den sandbuddelnden, wassergießenden Kindern, den aufgeblasenen Schwimmflügeln, den rotweißen Schwimmringen und gelben Schwimmwassersonstwasenten, den davontreibenden Gummibooten, beobachtet von den müden Strandvolleyballerjungs, den Frisbeespielern, den lauen Badenden, den am Wasserrand rauf und runter wandernden Strandbernsteinsammlern, die immer was finden in den rostbraun vertrockneten Schlickbergen, den Dorschanglern an der Mole und den Krebskescherkindern, den ganz ganz ganz weit raus schwimmenden Angebern, den körperigen Rettungsschwimmern und -schwimmerinninnen, den gar nicht schwimmenden Fußwasserplatschern (huch was ist das kalt), den das Wasser meidenden Omas mit ihrer omafaltigen Omahaut im hellen Sonnenlicht (jede Falte ein Schatten), den immer frischen, pfeilschnell durchs Wasser gleitenden Freistilopas mit und ohne Bauch, den dicken Onkels mit oben ohne und den dicken Tanten im Overall, den Kusinen und Kosengs am Familienstrandbadenachmittag um vierzehnuhrfünfundreißig, der heißesten Zeit dieses Sommers, der wolkenlosesten, der windlosesten Zeit des Tages mit den schnappatmenden Fischen und der vollkommen beruhigten See, den weit draußen unhörbar kreischend Bananenboot fahrenden Jugendhelden, dem Strandsand, heiß wie geschmolzenes Glas, den Sonnenbrandgesichtern, der eiskalten Cola und den frischen Pommes mit Mayo vom Imbiss, den Blick zum Horizont gerichtet, wo in dunstiger Ferne Himmel und Ostsee einander Hallöchen sagen, dem vollkommenen Augenblick absolut unvergesslich glücksbehafteter Sommersonnenhitze. Das ist so warm. Das ist so einmalig hitzeprickelnd. Das ist der Sommer.

Das ist doch so. Das stimmt doch. Da wollte ich nur mal dran erinnern.

Habakuk bläst.

Anfang Februar fing es bei Habakuk aus ihm nicht geläufigen Gründen an zu blasen. Kurze, leise Ausbrüche, bis auf weiteres geruchs- und farblos. Habakuk dachte an die Karottensuppe vom Mittag als Ursache, vielleicht ein welker Salat. Karotten sind bekannt für Wirkungen. So verging die erste Stunde. Habakuk blies noch drei Stunden weiter und ging nach Hause. Er windete den Rest des Tages und die Nacht durch, morgens war er mit seinen Lüften lauter als der Wecker. Zur Arbeit schrieb er eine Mail, er getraute sich nicht, am Telefon den Wind in seinem Rücken erklären zu müssen.

Drei Tage später gab es die ersten Anzeichen von Erschütterungen. Habakuk eruptierte zunächst geräuschlos, als ein Höhepunkt des allseits vorhandenen Blasens sozusagen. Habakuk verzweifelte jedoch nicht, nach wie vor hielt er an der Karottensuppentheorie fest (und an dem welken Salatblatt). Theorien geben bei Ungewissheit Zuversicht.

Nach fünf Tagen sprach Habakuk mit seinem Hausarzt, ob es vielleicht etwas anderes sein könnte. Ein schief gewickelter Darm, eine Komplikation der Niere, ein Schluckauf? Der Arzt hatte noch nie, auch nicht in der einschlägigen Winde-Literatur von einem Schluckauf mit solchen Auswirkungen gehört. Schluckauf geht nach oben, nicht nach unten. Habakuk (von manchen auch schon Habakak gerufen) wies auf seine Kopfstand-Fähigkeiten hin, da wäre dann unten oben und Schluckauf als Erklärung der Lüfte sehr wohl möglich.

Weitere Theorien, Mitte bis Ende Februar, waren die Austreibung eines bösen Geistes, Moby Dick (Da bläst er, der weiße Wal!), ein Wetterphänomen (draußen ein Hoch, drinnen ein Tief), Verdrängung oder der Flügelschlag eines Schmetterlings am Rande von Kuala Lumpur (im Rahmen der Chaostheorie hätten die davon ausgehenden Winde dann Habakuk wie jeden anderen treffen können).

Anfang März gründete Habkuk die erste (freie) Winde- und Lüftegruppe. Er eruptiert noch heute.