Parlamentarismus.

Jemand von Links fordert von der Mitte weniger Rechts. Die Mitte fischt laut Links am rechten Rand. Dort werden gerade die alten von den neuen Rechten rechts überholt. Die sind schon so weit draußen, dass sie links wieder rüberkippen. Mittig erhebt sich empörter Widerspruch gegen allerlei und generell und überhaupt für alles. Grün ist auch keine Richtung mehr, sondern everywhere, außer ganz rechts und ganz links natürlich. Da will keiner hin zu den Bekloppten, die wissen sowieso von allem nichts, das aber ganz genau und bis ins Detail. Gelb wäre anundfürsich gerne wieder mittig dabei, aber da sitzen ja schon dick und brammsig Rot und Schwarz. Gabs da nicht mal was Orangenes dazwischen oder Silbergraues? Gabs, aber is nich mehr, so der Hinweis von einem Korinthenkacker aus der Mitte rechts oder links oder ist auch egal. Jetzt ist das alles eine Soße, KetschupMayoOrangeMartini oder so. Schwarzbunt wären übrigens die berühmten Milchkühe gewesen. Die geben schon aus Prinzip lieber Milch als Politik. Ich mach jetzt mal Pause, mir flackern gerade farbirre geworden die stahlblaue Äuglein.

Everything will be alright.

Eines Tages wird alles gut sein. Dann wird ein großer Müllschlucker durch die Welt wandern und Müll schlucken. Anschließend wird es nichts Braunes mehr geben, keinen Hundekot, keine rechte Suppe, keine Rassisten, keine fremdenfeindlichen Theorienfanatiker. Keine Hasskommentare auf Facebook, keine Menschenfänger, keine Feuerleger. Alles, was man sieht, ist bunt und echt. Es ist hell und nichts liegt im Verborgenen. Wir kennen und verstehen uns.

Jeden Tag gibt es Shrimps. Oder Grünkohl und Obstsalat mit und ohne Vanillesoße, freie Wahl für jeden Flüchtling. Liebe geht durch den Magen.

Es gibt keine Kriege mehr. Krieg wird ersetzt durch Kampf gegen den Krebs. Und gegen Alzheimer und MS. Drohnen werden gestartet um Wüsten zu bewässern.

Religion verabschiedet sich vom Fanatismus. Die Kirche spendet Geld zum Bau von Moscheen. Gut sein ist Bestandteil des Glaubens. Alle Menschen werden Brüder.

Wir fahren Autos ohne darüber nachzudenken, ob sie auch das machen, was uns versprochen wurde. Auf Produktverpackungen steht, was das Produkt enthält. Zucker ist Zucker und Salz ist Salz.

Fußball findet wieder auf dem Platz statt, bei Olympia wird nicht gedopt, und die Tour de France ist ein ganz normales Radrennen.

Russland ist eine friedliche Demokratie, die Krim gehört allen und in Ungarn ist Gulasch wichtiger als Zaun. Syrien ist eine kulturelle Touristenhochburg, die größte direkt nach Mecklenburg-Vorpommern.

Eines Tages wird alles gut sein.

Joes Verwandtschaft.

Über seine Verwandtschaft gab es nicht viel zu sagen. Joes Brüder sahen ungefähr doppelt so gut aus wie er selbst, bei etwa drei Brüdern kam da einiges an gutem Aussehen zusammen. Seine Mutter war sehr witzig und sein Vater in der Regel nicht da, wo er sein sollte. Neulich tauchte er nach drei Wochen wieder auf und zündete eine im Hinterhof zusammengebaute Rakete. Joes Mutter behauptete, einer seiner Onkel hätte immer Mumps, also wirklich immer. Er sah zu einem Viertel so aus wie ein Hamster, was ungefähr halb so gut aussah, wie Joe sich fühlte, wenn er dem Onkel begegnete. Irgendwo in der Familie des Onkels gab es die angeheiratete Tochter eines erfolgreichen Schlagersängers von vor dem Krieg. Deren Sohn, also der Enkel des Schlagersängers und irgendwie entfernt mit Joe verwandt, war der einzige noch verbliebene Hausarzt im Osten Brandenburgs, wo er etwas mehr als dreihundert Millionen Patienten versorgte. Wahrscheinlich hat es zu mehr nicht gereicht, meinte Joes Mutter, aber immerhin gab es da einen Großonkel, der Premierminister von Kanada gewesen war, oder es mal hätte werden können oder so. Joes Mutter hatte gefühlte neunzehn Schwestern, von denen Joe etwa die Hälfte persönlich kannte. Die eine der Schwestern hielt Vorträge über indische Rosenaromen und sang indische Lieder. An ihren Namen konnte sich Joe nicht erinnern. Eine andere der Schwestern hatte einen Mann, der immer irgendwo gegen rannte, alles umstieß, was wertvoll und unersetzlich war, und dauernd kicherte. Die jüngste der Schwestern seiner Mutter hat sich einen Fischbrötchenimbisswagenbesitzer geangelt und residierte auf Sült in der Nähe eines für drei Millionen Euro neu hergerichteten Hotels. Immer, wenn sie sie besuchten, musste Joe so tun, als wäre er ganz verrückt nach Fischbrötchen vom Vortag. Die Frau eines seiner Brüder hatte einen haarlosen Hund namens Buckel. Der war so groß wie ein Tennisball mit Beinen und atmete rachitisch ein und aus. Deren Schwester, also Joes Schwippschwägerin, hielt in ihrem Wintergarten einen Lurch, den sie Rex Guildo nannte. Bei einer der letzten Familienfeiern war der Mann der einen Schwester von Joes Mutter (der, der überall gegen rannte) aus Versehen auf Rex Guildos Schwanz getreten. Bei dieser Familienfeier war es dann auch, dass Joe erkannte, dass man sich seine Verwandtschaft nicht aussuchen kann. Verwandtschaft hat man.

Winterschlussverkauf.

Des Menschen höchstes Gut
ist, was er sagt und was er tut.

Alle niederen Gefühle
zeigt bei Karstadt das Gewühle.

Mensch lässt sich leicht verlocken,
von supergünstig grauen Socken.

So ist des Lebens Lauf
im Winterschlussverkauf.

Es zeigt sich in der Tat
der Mensch, der tut, was er gesagt.

Was für ein Bohei?
Die Gedanken sind frei.

Der Zeitungsleser.

Heute, anstatt wie üblich kurz und knapp, habe ich mal etwas für Längerleser vorbereitet. Eine Kurzgeschichte. Hach, werden da einige sagen, eine Kurzgeschichte! Nun ja, eine Kurzgeschichte ist, nur so als Beispiel, genauso gut wie, äh, zum Beispiel ein Ruderboot, nur um da mal einen Vergleichswert zu haben. Wer hätte nicht gerne ein Ruderboot? Oder eben eine Kurzgeschichte.

Die Geschichte hat 4 Seiten und 1.248 Wörter. Ich habe sie mindestens fünfhundert Mal auf Fehler durchgesehen und korrigiert und so, was man so tun, wenn man eine Kurzgeschichte schreibt. Bis auf die Rechtschreib-, Grammatik- und Kommasetzungsfehler habe ich alle Fehler entfernt.

Ich habe die Geschichte als PDF angehängt, wer mag, findet sie über den folgenden Link:

Der Zeitungsleser

 

Flabberschuh

Hallo, Hallo! Ihr Schuh quietscht. Lassen Sie das bitte.
Nur hinten, mein Schuh quietscht nur hinten. Vorne flabbert er. Hören Sie? Der flabbert so komisch, flabb, flabb.
Ich kann nichts hören. Machen Sie noch mal das Quietschen. Ah, ja. Er quietscht. Quietschende Schuhe sind ja ein Zeichen für, äh, weiß ich jetzt auch nicht.
Er flabbert. Vorne, beim Einknicken noch nicht, aber wenn ich dann den Fuß hebe, so, dann schnalzt er zurück und macht dieses Geräusch. Flabb.
Flabbern ist kein echtes Wort, oder? Ich hatte mal einen Hut, der hat geflattert.
Aber nicht geflabbert?
Der Hund von unserem Nachbarn kann eine Flunsch ziehen.
Wer sind Sie denn jetzt?
Ach, ich meinte nur so. Wo wir doch alle in einem Bus sitzen.
Flunsch? Was ist denn Flunsch?
Na, so ein Gesicht. Sehen Sie?
Flabbert der auch, wenn Sie rückwärts gehen? Machen Sie doch mal.
Hier im Bus? Was sollen denn die Leute denken?
Machen Sie schon, ah, jetzt höre ich es auch. So eine Art Fluppen.
Flabbern. Für mich hört es sich wie Flabbern an.
Ich glaube, Sie sollten den Schuh umtauschen.
Apropos Fluppen.
Ach, halten Sie sich da bitte raus.
Das Flabbern hat so was beruhigendes, fast philosophisch, wenn man so will.
Meinen Sie?
Gehen Sie doch mal wie ein Storch, so staksig, wissen Sie, Füße platt aufsetzen, sehr schön. Nichts quietscht, nichts flabbert, sieht nur ein bisschen seltsam aus.
Vielen Dank auch. Ich steige dann mal hier aus.
Und immer schön staksig, dann geht das schon.
Ich glaube, quietschende Schuhe sind ein Zeichen für, äh, sagen Sie mal schnell?

Tabletten

Gut, habe ich zu mir gesagt, dann nehme ich die eben auch noch, die farblosen Tabletten, vor den rot-weißen und den gelben, nach den blauen, und den oliv-schlammigen. Die farblosen sind gegen Atomstrahlen oder so, vielleicht auch dafür, dass die Atomstrahlen um einen herum einen Bogen machen, auf jeden Fall sorgen sie dafür, dass man morgens nicht aufwacht und aussieht wie ein Fisch oder so riecht wie ein Braunbär nach dem Winterschlaf. Sagt der Mann von der Apotheke. Die einen gelben sind für Vergessen, die anderen dagegen. Seit ich sie nehme, weiß ich einfach nicht mehr, welche von beiden für was war. Neulich meinte Gisela (die wo meine Frau ist), ich hätte sie nicht alle und sollte lieber den Müll rausbringen, als die Regentropfen an der Fensterscheibe zu zählen. Die lila Tabletten in Bananenform helfen da super, meint der Mann von der Apotheke, die stärken die Widerstandskräfte. Den Müll hab ich dann trotzdem rausgebracht, war so eine Art demokratische Pillenabstimmung, kam von der rosa Pille, die die Wirkung der lilanen wieder aufhebt. Draußen an der Mülltonne hab ich dann Nitrodingstrizinase geschluckt, da riecht man nichts mehr und kann besser kacken. Behauptet der Mann von der Apotheke. Ich würde das Wort ja nicht einmal aussprechen, aber wenn der das sagt. Kacken? Habe ich ihn gefragt, was denn? Atomstrahlen. Damit werden die Atomstrahlen, die es nicht um sie herum geschafft haben, wieder ausgeschieden. Habe ich dann auch zu Gisela gesagt, was der Mann gesagt hat, und die Gisela meinte, das stände auch in der Zeitung: Man kann Atomstrahlen auskacken. Und was in der Zeitung steht, muss ja stimmen. Recht hat sie.

Die Haselnuss

Also, dass mein Freund Hannes heiratet, hatte ich ja schon erzählt. Hatte ich nicht? Er heiratet also heute und ich habe die Verantwortung für die Torte und wollte nur mal wissen, wie die denn so aufgebaut ist. Weshalb mein Arm in der Torte steckt? Ach so, der, ja, das ist, wie gesagt, ganz einfach, ich wollte nur mal wissen, wie sie schmeckt und da kann ich ja schlecht mit der Zunge dran schlecken an der Torte, das macht man nicht. Der Arm? Ja, also habe ich den Rand der Torte, hier unten, genau da, wo jetzt der Arm drin ist, mit dem Finger angepiekst. Nur zum Schmecken, ehrlich, nachher schmeckt die gar nicht, hab ich gedacht, und dann Hannes, der doch immer so achtet auf alles. Wie der Arm da rein kommt? Wie schon erwähnt, Zunge ging nicht, Fingerkuppe und kurz geschmeckt, und dann hatte ich dieses ungute Gefühl, als sei da ein feiner Haselnussgeschmack. Hannes ist Allergiker. Gegen alles allergisch, besonders Haselnüsse. Ich also den Finger noch mal rein. Wie rein? Na, so die Fingerspitze bis zum ersten Gelenk und da spürte ich sie dann. Die Haselnuss natürlich. Wie ich das mache, Haselnüsse mit der Fingerspitze erfühlen? Kann ich auch nicht erklären. Geht eben. Manche können das. Ich also den Finger in der Torte drin und versuche die Haselnuss, dieses kleine Biest, da raus zu puhlen. Stattdessen drücke ich sie weiter rein, ich könnte mich peitschen dafür. Sagt man doch so, oder? Ja, und irgendwann hatte ich dann die ganze Hand drin in der Torte, dreistöckig, wie man sieht, nur die Haselnuss war weg. Ich drücke, schiebe, verposamuckel mich und dann ist die Hand ganz drin und das erste Stück vom Arm. Jetzt? Ja, bis zum Ellenbogen. Aber ich habe sie, ganz sicher. Die Haselnuss, natürlich. Wie sich das anfühlt? Darüber möchte ich nicht sprechen. Und was Hannes denkt? Der ist dankbar. Wenn der die Haselnuss, gut, die Torte sieht jetzt seltsam aus. Das gebe ich zu. Aber vielleicht könnten Sie mal kurz? Nicht?

Pfützenverführung

Gut, meine Affinität für Wörter mit ü (üch würde am lübsten alles mit ü schreiben), ist ja bekannt, aber Pfützenverführung hat da jetzt nichts mit zu tun. Pfützenverführung ist das, was man erlebt, wenn man an einem typischen Nachregentag (der Tag nach einem großen Regen und überall warten Pfützen), an drei hintereinander liegenden, schön geformten, bräunlich gefärbten, klackermatschartig gefüllten Pfützen vorbeikommt. Die erste Pfütze weckt in mir einen Reiz, ein Hauch von Kindheit durchzieht mein Denken, Erinnerungen an die Zeit, als ich vier oder fünf gewesen bin (kennt doch jeder). Mehr passiert nicht. Die Pfütze wird kurz betrachtet, die Gedanken schweifen ab, ich gehe weiter. Dann kommt die zweite Pfütze und mit ihr die Mahnung Giselas (die wo meine Frau ist), ich solle es lieber sein lassen, das brächte nur Ärger. „Es“, um das es hier geht, ist eine verbotene Handlung, ein unerlaubtes Tun, eine Art Verdorbensein, meint Gisela, und ich gebe hier nur ihre Mahnungen an mich weiter. Trotzdessen und ungeachtet aller Warnungen Giselas halte ich einen Schuh (neuer Wildlederwanderschuh, Gummisohle, teuer) so gerade eben in die Pfütze, als hätte ich alles im Griff, als könnte hier, an dieser zweiten Pfütze, niemals etwas passieren. Ein paar Wellen schlagen, die Sohle etwas tiefer ins Wasser drücken (so weit wie möglich), mehr ist ja gar nicht gewesen, da muss man jetzt nicht groß Alarm schlagen. Das tue ich aber (Alarm schlagen), als die dritte Pfütze rechts vorbeizieht. Aus den Augenwinkeln betrachtet, ruft sie nach mir, lockt mich mit einem verführerischen Pfützenlächeln: Mach’s doch! Tu es! Und, was soll ich groß drum herum reden, ich gehe ein Stück weiter, drehe mich um und springe mit Anlauf, mit Schwung, mit Karacho und großem Hallo mit beiden Füßen voran in dieses braune Freudenbad, dieses Schlammloch, dieses mach-mich-dreckig-Dings und stampfe mit den Füßen, steppe den Schlammtanz und mache das, was wir alle mit vier, fünf Jahren gemacht hätten.

Gut, ich bin jetzt etwas älter als vier oder fünf, sage ich zu Gisela. Ja, die Schuhe waren neu und sind jetzt hinüber, nicke ich ihr zu. Ja, du hast Recht, Gisela, das war eine wirklich dämliche Idee. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.