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Der Zeitungsleser.

Heute, anstatt wie üblich kurz und knapp, habe ich mal etwas für Längerleser vorbereitet. Eine Kurzgeschichte. Hach, werden da einige sagen, eine Kurzgeschichte! Nun ja, eine Kurzgeschichte ist, nur so als Beispiel, genauso gut wie, äh, zum Beispiel ein Ruderboot, nur um da mal einen Vergleichswert zu haben. Wer hätte nicht gerne ein Ruderboot? Oder eben eine Kurzgeschichte.

Die Geschichte hat 4 Seiten und 1.248 Wörter. Ich habe sie mindestens fünfhundert Mal auf Fehler durchgesehen und korrigiert und so, was man so tun, wenn man eine Kurzgeschichte schreibt. Bis auf die Rechtschreib-, Grammatik- und Kommasetzungsfehler habe ich alle Fehler entfernt.

Ich habe die Geschichte als PDF angehängt, wer mag, findet sie über den folgenden Link:

Der Zeitungsleser

 

Flabberschuh

Hallo, Hallo! Ihr Schuh quietscht. Lassen Sie das bitte.
Nur hinten, mein Schuh quietscht nur hinten. Vorne flabbert er. Hören Sie? Der flabbert so komisch, flabb, flabb.
Ich kann nichts hören. Machen Sie noch mal das Quietschen. Ah, ja. Er quietscht. Quietschende Schuhe sind ja ein Zeichen für, äh, weiß ich jetzt auch nicht.
Er flabbert. Vorne, beim Einknicken noch nicht, aber wenn ich dann den Fuß hebe, so, dann schnalzt er zurück und macht dieses Geräusch. Flabb.
Flabbern ist kein echtes Wort, oder? Ich hatte mal einen Hut, der hat geflattert.
Aber nicht geflabbert?
Der Hund von unserem Nachbarn kann eine Flunsch ziehen.
Wer sind Sie denn jetzt?
Ach, ich meinte nur so. Wo wir doch alle in einem Bus sitzen.
Flunsch? Was ist denn Flunsch?
Na, so ein Gesicht. Sehen Sie?
Flabbert der auch, wenn Sie rückwärts gehen? Machen Sie doch mal.
Hier im Bus? Was sollen denn die Leute denken?
Machen Sie schon, ah, jetzt höre ich es auch. So eine Art Fluppen.
Flabbern. Für mich hört es sich wie Flabbern an.
Ich glaube, Sie sollten den Schuh umtauschen.
Apropos Fluppen.
Ach, halten Sie sich da bitte raus.
Das Flabbern hat so was beruhigendes, fast philosophisch, wenn man so will.
Meinen Sie?
Gehen Sie doch mal wie ein Storch, so staksig, wissen Sie, Füße platt aufsetzen, sehr schön. Nichts quietscht, nichts flabbert, sieht nur ein bisschen seltsam aus.
Vielen Dank auch. Ich steige dann mal hier aus.
Und immer schön staksig, dann geht das schon.
Ich glaube, quietschende Schuhe sind ein Zeichen für, äh, sagen Sie mal schnell?

Tabletten

Gut, habe ich zu mir gesagt, dann nehme ich die eben auch noch, die farblosen Tabletten, vor den rot-weißen und den gelben, nach den blauen, und den oliv-schlammigen. Die farblosen sind gegen Atomstrahlen oder so, vielleicht auch dafür, dass die Atomstrahlen um einen herum einen Bogen machen, auf jeden Fall sorgen sie dafür, dass man morgens nicht aufwacht und aussieht wie ein Fisch oder so riecht wie ein Braunbär nach dem Winterschlaf. Sagt der Mann von der Apotheke. Die einen gelben sind für Vergessen, die anderen dagegen. Seit ich sie nehme, weiß ich einfach nicht mehr, welche von beiden für was war. Neulich meinte Gisela (die wo meine Frau ist), ich hätte sie nicht alle und sollte lieber den Müll rausbringen, als die Regentropfen an der Fensterscheibe zu zählen. Die lila Tabletten in Bananenform helfen da super, meint der Mann von der Apotheke, die stärken die Widerstandskräfte. Den Müll hab ich dann trotzdem rausgebracht, war so eine Art demokratische Pillenabstimmung, kam von der rosa Pille, die die Wirkung der lilanen wieder aufhebt. Draußen an der Mülltonne hab ich dann Nitrodingstrizinase geschluckt, da riecht man nichts mehr und kann besser kacken. Behauptet der Mann von der Apotheke. Ich würde das Wort ja nicht einmal aussprechen, aber wenn der das sagt. Kacken? Habe ich ihn gefragt, was denn? Atomstrahlen. Damit werden die Atomstrahlen, die es nicht um sie herum geschafft haben, wieder ausgeschieden. Habe ich dann auch zu Gisela gesagt, was der Mann gesagt hat, und die Gisela meinte, das stände auch in der Zeitung: Man kann Atomstrahlen auskacken. Und was in der Zeitung steht, muss ja stimmen. Recht hat sie.

Die Haselnuss

Also, dass mein Freund Hannes heiratet, hatte ich ja schon erzählt. Hatte ich nicht? Er heiratet also heute und ich habe die Verantwortung für die Torte und wollte nur mal wissen, wie die denn so aufgebaut ist. Weshalb mein Arm in der Torte steckt? Ach so, der, ja, das ist, wie gesagt, ganz einfach, ich wollte nur mal wissen, wie sie schmeckt und da kann ich ja schlecht mit der Zunge dran schlecken an der Torte, das macht man nicht. Der Arm? Ja, also habe ich den Rand der Torte, hier unten, genau da, wo jetzt der Arm drin ist, mit dem Finger angepiekst. Nur zum Schmecken, ehrlich, nachher schmeckt die gar nicht, hab ich gedacht, und dann Hannes, der doch immer so achtet auf alles. Wie der Arm da rein kommt? Wie schon erwähnt, Zunge ging nicht, Fingerkuppe und kurz geschmeckt, und dann hatte ich dieses ungute Gefühl, als sei da ein feiner Haselnussgeschmack. Hannes ist Allergiker. Gegen alles allergisch, besonders Haselnüsse. Ich also den Finger noch mal rein. Wie rein? Na, so die Fingerspitze bis zum ersten Gelenk und da spürte ich sie dann. Die Haselnuss natürlich. Wie ich das mache, Haselnüsse mit der Fingerspitze erfühlen? Kann ich auch nicht erklären. Geht eben. Manche können das. Ich also den Finger in der Torte drin und versuche die Haselnuss, dieses kleine Biest, da raus zu puhlen. Stattdessen drücke ich sie weiter rein, ich könnte mich peitschen dafür. Sagt man doch so, oder? Ja, und irgendwann hatte ich dann die ganze Hand drin in der Torte, dreistöckig, wie man sieht, nur die Haselnuss war weg. Ich drücke, schiebe, verposamuckel mich und dann ist die Hand ganz drin und das erste Stück vom Arm. Jetzt? Ja, bis zum Ellenbogen. Aber ich habe sie, ganz sicher. Die Haselnuss, natürlich. Wie sich das anfühlt? Darüber möchte ich nicht sprechen. Und was Hannes denkt? Der ist dankbar. Wenn der die Haselnuss, gut, die Torte sieht jetzt seltsam aus. Das gebe ich zu. Aber vielleicht könnten Sie mal kurz? Nicht?

Pfützenverführung

Gut, meine Affinität für Wörter mit ü (üch würde am lübsten alles mit ü schreiben), ist ja bekannt, aber Pfützenverführung hat da jetzt nichts mit zu tun. Pfützenverführung ist das, was man erlebt, wenn man an einem typischen Nachregentag (der Tag nach einem großen Regen und überall warten Pfützen), an drei hintereinander liegenden, schön geformten, bräunlich gefärbten, klackermatschartig gefüllten Pfützen vorbeikommt. Die erste Pfütze weckt in mir einen Reiz, ein Hauch von Kindheit durchzieht mein Denken, Erinnerungen an die Zeit, als ich vier oder fünf gewesen bin (kennt doch jeder). Mehr passiert nicht. Die Pfütze wird kurz betrachtet, die Gedanken schweifen ab, ich gehe weiter. Dann kommt die zweite Pfütze und mit ihr die Mahnung Giselas (die wo meine Frau ist), ich solle es lieber sein lassen, das brächte nur Ärger. “Es”, um das es hier geht, ist eine verbotene Handlung, ein unerlaubtes Tun, eine Art Verdorbensein, meint Gisela, und ich gebe hier nur ihre Mahnungen an mich weiter. Trotzdessen und ungeachtet aller Warnungen Giselas halte ich einen Schuh (neuer Wildlederwanderschuh, Gummisohle, teuer) so gerade eben in die Pfütze, als hätte ich alles im Griff, als könnte hier, an dieser zweiten Pfütze, niemals etwas passieren. Ein paar Wellen schlagen, die Sohle etwas tiefer ins Wasser drücken (so weit wie möglich), mehr ist ja gar nicht gewesen, da muss man jetzt nicht groß Alarm schlagen. Das tue ich aber (Alarm schlagen), als die dritte Pfütze rechts vorbeizieht. Aus den Augenwinkeln betrachtet, ruft sie nach mir, lockt mich mit einem verführerischen Pfützenlächeln: Mach’s doch! Tu es! Und, was soll ich groß drum herum reden, ich gehe ein Stück weiter, drehe mich um und springe mit Anlauf, mit Schwung, mit Karacho und großem Hallo mit beiden Füßen voran in dieses braune Freudenbad, dieses Schlammloch, dieses mach-mich-dreckig-Dings und stampfe mit den Füßen, steppe den Schlammtanz und mache das, was wir alle mit vier, fünf Jahren gemacht hätten.

Gut, ich bin jetzt etwas älter als vier oder fünf, sage ich zu Gisela. Ja, die Schuhe waren neu und sind jetzt hinüber, nicke ich ihr zu. Ja, du hast Recht, Gisela, das war eine wirklich dämliche Idee. Aber Spaß gemacht hat’s trotzdem.

Staubsaugen verschieben

Die Liste der Gründe, das wöchentliche Staubsaugen auf den nächsten Tag zu verschieben, ist lang: Sorry, ich kann nicht Saugen, heute kommt doch Colt Seavers im Fernsehen. Krümmel ist explodiert, wir haben keinen Strom mehr und draußen gibt es radioaktiven Niederschlag, das ist ja wohl wichtiger. Ich bin Brillenträger und habe gerade eine Rippe verloren, den kleinen Zeh gebrochen, einen Schneidezahn am Waschbecken abgestoßen, einen allgemeinen Gedächtnisverlust, ich weiß einfach nicht mehr, was das ist, was ich da machen sollte, ich weiß ja nicht mal mehr, dass ich überhaupt da bin. Sehr gerne nehme ich auch: Ich bin über Nacht blind geworden, oder: Ich habe Hornhaut auf den Fingerkuppen vom gestrigen Baumfällen, ich fühle so gut wie nichts mehr, ich bin an den Händen total taub. Ich bekomme gerade heute die Ehrenbürgerschaft, ich bin ins Bundeskanzleramt bestellt, mir ist der Friedensnobelpreis verliehen worden und Kofi holt mich gleich zur Uno ab. Gar nicht hilfreich sind meine altbekannten Thesen: Der Staubsaugermotor klingt so komisch, ich geh mal los und reparier ihn schnell. Wir wurden von Außerirdischen besetzt, die sehr empfindlich auf Staubsaugergeräusche reagieren, oder: Der Staubsauger wurde versehentlich von Außerirdischen entführt, ich muss erst einen neuen besorgen. Ich komme gerade von meiner Expedition aus dem Amazons zurück und muss erst die Giftschlange in meinem Hosenbein loswerden. Muss die Queen etwa staubsaugen oder der Papst? Ich segne den Staubsauger und spreche ihn von jeder Schuld frei, ebenso alle sichtbaren und unsichtbaren Wollmäuse. Freiheit für die Wollmaus, nieder mit den Apparaten. Staub wird grundsätzlich überbewertet. Kein Mensch muss das tun, was ich tun muss. Drohungen helfen leider auch wenig: Ich glaube, ich springe. Ich kündige. Ich gehe zum Anwalt. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann gebe ich mit einem leichten Stöhnen und einem Hauch von einem Ü mein geniales: Ümmer ich! von mir. Direkt im Anschluss hole ich den Staubsauger und sauge dann den verdammten Staub.