Knorpel.

Ich gnurpse jetzt seit einer Weile auf einem Hühnerknorpel herum und frage mich, wie andere das machen. Wie wird man den wieder los? Ich blicke in die ebenso ratlosen Gesichter dieser Hühnerbräterrestauration und erkenne Herumeiern allerorten. Bei manchen knackt es, bei anderen wird geflutscht, ein Kind heult wie ein Schlosshund. Ich gnurpse tapfer weiter ohne Knacken aber knurrend. Was tun? Spucken? Glitschen? Wegsabbern? Am Nebentisch wird geploppt, was das Zeug hält. Hinfort mit ihm, dem Knorpel, dem widerspenstigen, hinfort, wohin auch immer. Ich gnurpse und stochere und entscheide mich für Erstickungsanfall mit simulierter Nahtoderfahrung und entschlossenem Abhusten in ein Tempotaschentuch. Seitdem trage ich den Titel „Knorpelgnurpser des Monats“.

Behauptungen.

Flusswasser von der Quelle ist gesünder als Wasser aus der Leitung. Und Quellwasser aus einem Bergfluss ist gesünder als das aus einem Flachlandfluss. Flachlandflussquellen sind folglich böse und Quasibergbachquellfische die Guten. Es gibt Mündungsgurken und Bergquellenrettiche, die sich zwecks Familenzusammenführung besuchen, weil ja alle Lebewesen irgendwie verwandt sind. Die echten Rangeher sind natürlich die Leitungswasserbazillen, von denen immer behauptet wird, dass es sie gar nicht gibt. Föhnquallen leben ausschließlich an alpenländischen Bergquellen mit Stromanschluss. Und Queller sind die Erfindung einer kleinen Gruppe von defaitistischen Grünkohlfanatikern. Das wird jedenfalls behauptet.

Berufswahl.

Ich werde ein Riesenflips, aus Erdnuss, so einer. Schon in der Kindheit kam die Frage auf, was denn mal aus dem Jungen werden soll, jetzt, im reifen Alter weiß ich es: ein Riesenflips. Entweder das oder ein schwarzes Loch. Schwarzes Loch hat den Vorteil, dass man nicht so im Mittelpunkt steht und trotzdem tragisch rüberkommt.

Friedhofsmauer war eine flüchtige Idee von mir. Geht auch nicht, Friedhofsmauern machen nur Ewigkeitsfanatiker, das ist doch kein Lebensinhalt. Kurzzeitig hatte ich mich als Hornhautraspel gesehen, bis ich rausgefunden habe, was das ist und was man damit macht. Rampensau, Gartenzwerg und zahntechnischer Assistent war schon vergeben, also bleibt Riesenflipsdarsteller. Elegante Rundungen und Größe spielen eine Rolle. Und Geschmack. Geschmack hab ich.

Samba.

Ich habe mir Samba beigebracht, allein, in eine Holzhütte am Strand, ohne Musik, aus einem Buch ohne Bilder. Das war anstrengend, schmerzhaft und ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich da mache, tatsächlich Tanzen ist. Vielleicht tanze ich gar nicht, sondern Summse oder Swompe.

Nach drei Tagen habe ich mich für Swompen entschieden. Ich swompe nicht nur, ich bin der Erfinder des Swompens. Swompen hat etwas mit Schüttelfrost zu tun und Wackelpudding. Ich hinke danach.

Endlich verdiene ich auch wieder Geld. Ich animiere das Publikum als verkleidete Riesenrübe und gebe Kurse „Swompen für alle“ und „Swompen ohne Reue“. Swompen ist besser als Kohldiät. Meistens muss ich mich vor und nach den Auftritten übergeben. Ich habe sehr abgenommen.

Ab sofort geht nur noch Summsen, wegen der Kniegelenke, Hüften, Rücken oben und unten eine ganz einfache Entscheidung. Summsen ist gut gegen Mückenstiche.

Die Luft um meinen Körper

Drückende Enge in der S-Bahn morgens um acht. Die Luft um meinen Körper wird dünner, T-Shirts und Mitfahrende liegen enger an. Ich glaube, ich habe zugenommen.

S-Bahn voll, Mann, sitzend, neben ihm sein Rucksack, kümmert sich einen Scheiß um stehende Fahrgäste. Fragt ihn jemand mit tiefer Stimme: Kann ich bitte mal ihre zwei Fahrkarten sehen?

Mittagessen in der S-Bahn: Junger Mann mit einem dampfenden Döner setzt sich und isst. Dieselbe tiefe Stimme von vorher: Danke, dass Sie uns alle an Ihrem Essen teilhaben lassen.

Der S-Bahnfahrgast, das menschlich Wesen: Ich rieche, also bin ich.

Haare. Ich habe mein Haupthaar in der S-Bahn verloren.

Bandscheibenvorfall in der S-Bahn: Mann ohne Haarteil beim Türöffnen von Kinderwagen gebissen.

Spatz.

Eines Tages im Abendrot beim Abendbrot verlangte Armin Anregung und artikulierte ahnungslos: Spatz! statt Schmatz! Armin, Schwarzbart und amateurhafter Angeber, aß spatzend schmatzend schlammartigen Schmand, schlabberte schalkhaft salzigen Schmalz, schlatzte spatzig einen Schmatz, schnappte schmatzend nach einer Spacke, spackte schlatzend eine Tasse Malz, schmatzte sparsam einen Schlatz und schnalzte einen langsamen Spackoletti. Er schnackelte einen Spagat und ratzte einer Schnake mit einer Schnalle den Schland. Zum Nachtisch schlackerte er eine Ralle, kalkte eine Spanne, kratzte am Lack, atmete am Arm und knackte eine Schlacke Apfelspalten. Er schlappte schamhaft Spagettihalme, spatelte am Amalgam, attackierte asthmatisch Amaranthschlanz und arrangierte rastlos rasend ramponierte Ranunkeln. Dann schrammte seinen hammerkahlen Spatenschädel schmatzend ein Spatz. Was für ein Satz!

Der Faden.

Ich trage also heute Abend Lieder aus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band vor. Kein Problem. Ich deklamiere auch das Telefonbuch, wenn’s not tut, den Ikea Katalog, den Duden. Na gut, also die Beatles. Wie spricht man Sgt. aus? Und was soll das überhaupt heißen? Sgt. Pepper’s? Ist das die Frau aus Ironman? Gwyneth Pepper, oder wer? Die mit dem Robert Downey Jr., der auch den Sherlock im Kino macht, also nicht der Cumberbatch-BBC-Sherlock, sondern die Pepper vom Kinosherlock als Ironman? Die ist doch so dünn, meine Güte, warum sind die bloß alle so dünn im Kino? Orson Welles war schließlich auch nicht dünn. Wußten Sie, dass das Filmplakat zu Welles Film „Im Zeichen des Bösen“ (mit Charlton Heston), beim Dr. Wilson, dem Partner von Dr. House, im Büro hing? Und das Dr. Wilson einer der Schüler im Club der toten Dichter war, mit Robin Williams als Lehrer? Ach, das wußten Sie? Ich dachte von wegen Club und so, Sie wissen schon, Hearts Club Band. Gut, dann trage ich jetzt Hello Goodbye vor, das gar nicht auf Sgt. Pepper’s drauf ist: You say goodbye und I say hello. Hello, hello. I don’t know why you say goodbye, I say hello. Tschuldigung, hat jemand vielleicht eine Tröte dabei? Eine Zimbel? Irgendetwas, dass richtig viel Lärm macht? Ein Trampolin? Ein Ruderboot? Ich glaube, ich habe irgendwie den Faden verloren…

Algen.

Algen kichern. Ich muss es wissen, ich bin eine. Es heißt, Algen seien grün und glücklich, eigentlich ein guter Grund zum Kichern, aber alle Algen, die ich kenne, liegen braunrot müffelnd am Strand der Ostsee, eine in der Sommerluft trocknende Masse undefinierbaren Umfangs. Sie kichern trotzdem. Algen werden getreten, bespuckt und mit dem Fuß auf der Suche nach Bernstein beiseite geschubst. Hunde rümpfen die Nase und heben das Bein, Katzen ignorieren uns und Kleinkindern wird unsere Nähe verboten: Ilse, geh da weg, das ist Igitt. Morgens wuchtet jemand die Algen mit einem Riesenbagger vom Badestrand zum Algenfriedhof, abends kichern wir uns in den Schlaf. 

Genau so geht es mir. Auch ich habe einen undefinierbaren Umfang, morgens müffel ich und manchmal trockne ich meinen Körper in der frischen Brise eines Sommerföhns. Ich kichere immer. Das ist es. Ganztägiges, algenartiges Gekicher.

Das Portrait.

Das Ende der Geschichte war, dass ich morgens die große Wandelhallentreppe (eine allerwuchtigst geschwungene Treppe aus Jugendstil) herunterstürztete, mir den Steiß staß und das Portrait eines Ahnen anlugte, genau des Ahnenden, dem ich abends zuvor unterstellt hatte, er sähe aus wie ein, aber das spielt keine Rolle mehr.

Als meine Tante mich zuvorderst des Ahnenbildes fand (ich blieb so lange liegen wie möglich), enterbtete sie mich nicht und versprach, mich auch zukünftig nicht zu entbehren (ich erbe, du erbenest, er entbernd). Ich erklärtätä den hundertjährigen Familienfrieden für wiedähägäställt (newgerman: wieder her gestellt), mit rückwirkender Wirkung von neunundneunzigkommaneunperiode Jahren (also bis gerade eben) und verkündete am Frühstückstüsch (da sind sie wieder: die drei ü) meine Bereitschaft zur Erbfolge: Ja, ich will das Erbe! Ja, ich will jetzte eine Schnapse, abär sofor’d.

Das von mir gefährtigte Portrait (sprich ohne t, also Porräh), das dann an dem schon erwähnten Ahnen hängenblieb (auf jeden Fall hing es über ihm seins), sah aus wie die mit Tusche verschwuschelte Tomatendose von Warhol (der Andy, der). Tante starb kurz vor der Fertigstellung des Kunstwurks und vermachte mir den Ahnen samt Schloss und viel viel Gold.

Den Gästen auf meinem Schloss erkläre ich immer, lieber eine Dose mit Schloss und Gold als nix. Und so einen Ahnen, der aussah wie ein, äh, aber dazu kam ich nie.

Le Gespenst.

Vor mir stand mitten in der Nacht, dunkel, herbstlicher Sturm draußen, magenzusammenziehend, Le Gespenst. Damit ich das auch bemerkte, spukte Le Gespenst mit einer tiefen Stimme: Buh! Ich bin Le Gespenst, dass das mal klar ist.
Es war ein echtes, einschneidezahniges Gespenst, fünfzig, plus minus hundertzwanzig Jahre, männlich, Bauchwölbung, pyjamamäßige Oberbekleidung, haarlos-mondverschlafendes Kopfgesicht. Ich hub an, dem Gespenst meine Meinung über unerwünschte nächtliche Auftritte mitzuteilen (ich war auf meinem gefühlt dritten Klogang diese Nacht), da gruselte Le Gespenst: Ismirdochegal, ich bin Le Gespenst aus Canterbury, hubuh.
Ich grunzte im Dunkeln zurück, dass das ja wohl Canterville heißen müsse und ein Stück weit Einfühlungsvermögen in die Situation stünde einem Gespenst ganz gut an, immerhin stand ich hier halb nackend herum und musste mal. Le Gespenst roch nach Amethysten oder so und nickte bestätigend zurück: Ich kann übrigens Gedanken lesen. Ich bin Le Gespenst. Ich kann alles.
Na, tolle Wurst, deutete ich in einer improvisierten Gebärde an (tatsächlich fuchtelte ich nachts in unserem Flur mit den Händen eine tolle Wurst).
Ich kann auch Gebärdensprache, sagte Le Gespenst ignorant. Ich kann das alles, hatte ich doch schon gesagt. Ich steppe dir jetzt einen Stepptanz, und du kannst entscheiden, ob ich wirklich tanzen kann.
Es ertönte (vom obigen Nachbarn in angenehm nächtlicher Lautstärke) Marc Bolans „Get it on“ und Le Gespenst steppte sich einen Glamour-Rock-Wolf den Flur rauf und runter. Ich nickte: Du kannst absolut und überhaupt nicht tanzen, ehrlich. Dann sprintete ich zum Klo.
Als ich fertig war, war Le Gespenst verschwunden. Im Spiegel, diesem verdammt mistigen Flurspiegel, erkannte ich mich, hundertzwanzig Jahre älter als üblich. Und dann steppte ich mal richtig los, aber sowas von steppend. Buhu.