Kleine Finger.

Der kleine Mann stand am Zaun, als unversehens der Kaiser auf einem Pferd, gefolgt von seinem Hofstaat, vorbeieilte. Gut, dachte der kleine Mann und folgte mit seinem kleinen Zeigefinger dem Kaiser, den gibt es gar nicht, das weiß doch jeder. Als alles vorbei war, überlegte der kleine Mann, wie er diese Situation überspielen sollte. Was konnte er machen, um so zu tun, als sei gar kein Kaiser an seinem Gartenzaun vorbei geritten? Er könnte, nur als Beispiel, mit seinen kleinen Fingern verlegen in Käselöchern herumpuhlen oder Löcher in Zeitungsbuchstaben kratzen, vor allem in kleine e’s. Oder Glitzischwämme anknabbern und mit den Schwammkrümmeln Mikroben putzen. Oder ganz normal eine Gabel in die Hand nehmen, Kartoffelpü mit Erbsen essen und „Oh, wie lecker!“ sagen, das ginge natürlich auch. Da würde nie jemand nach dieser Sache mit dem Kaiser fragen. Also machte er das.

Hocker II

Samstags fuhr der kleine Mann mit der Linie Drei bis zum Rathausmarkt, ein orangenfarbenes Metallhöckerchen untergeklemmt, und startete einen nicht öffentlichen, sehr leicht zu übersehenden, ziemlich erfolglosen Sitzhockerflashmob. Eine ganze Viertelstunde saß der kleine Mann von niemandem beachtet vor dem Rathaus und fuchtelte mit den Armen, als hieße es, die Welt zu bewegen, bis er endlich auf das Höckerchen stieg und dem nächstbesten an die Brust reichend ein mißliebiges Ächzen entgegenschleuderte. Da auch das nicht beachtet wurde, fuhr er wieder nach Hause. Diese Momente, so reimte er sich das zusammen, waren es, die jemanden wie ihn auf das wirklich harte Leben vorbereiteten. Das war ganz großer Protest.

Hocker.

Der kleine Mann mochte Hockermöbel jedweder Form. Kleine Hocker waren ihm naturgemäß die liebsten, aber auch Dreibeiner, Metallhocker, Sitzpilze und sogar die Sackartigen fasste er in der Gruppe der geliebten Hockerförmigen zusammen. Abneigung, gar haarsträubende Angstanfälle verursachten ihm alle Arten von Klappmöbeln, besonders Plastikklappstühle, Klapptritte und die handtaschenfähigen, einbeinigen, meist waldgrün gemusterten Wanderer-Faltsitze. Alles Faltbare war ihm abhold und stapelfähige Nutzmöbel verachtete er sowieso. In Faltbarem konnte man als kleiner Mann sehr schnell und ganz einfach verschwinden. Alles Stapelbare war groß, hoch und unheimlicherweise immer bereit über kleinen Männern zusammenzubrechen. In der Regel in Filmen mit humoristischem Anspruch.
Fortsetzung folgt…

Brot von oben.

Der kleine Mann hatte einen neuen Job als Bäckereifachverkäufer beim Supermarkt am Eingang. Die erste Aufgabe war einfach: Immer freundlich sein. Dann folgte Brot verkaufen, Brötchen, Schnittchen, Kuchen und Rumkugeln. 

Der kleine Mann arbeitete vorne mit einem Tritt, nach hinten mit einer Leiter. Vorne langte es gerade für einen Blick über den Tresen hinüber zum Kunden, nach hinten war selbst mit Leiter das Brot von oben auf dem Brotregal eine Herausforderung. Nicht nur, dass der kleine Mann den ganzen Tag Tritt rauf, Tritt runter, Leiter rauf, Leiter runter klettern musste, nein, die Kunden bemerkten das und amüsierten sich. 

Eines Tages kam jemand auf die Idee, nur noch Brot von oben zu bestellen und die Ausführung der Bestellung mit einem breiten Grinsen zu begleiten. Der kleine Mann vermutete dahinter eine böswillige Absicht, er wütete, grimmte, schäumte wie ein Rumpelstilzchen und beschimpfte den Gott der Regalbauer als humorlosen Nichtsnutz. Aber immer mehr Kunden bestellten Brot von oben und freuten sich wie Bolle, wenn der kleine Mann seine Leiter hinauf kraxelte und mit einem Stock durch die Regalbretter hindurch das Brot an den Rand stocherte und mit Geschick in einer Tüte auffing. 

Irgendwann bildeten sich Schlangen vor dem Bäckertresen, alle wollten Spass, Brot von oben und den kleinen Künstler bei der Arbeit sehen. Der Bäcker ging dazu über, nur noch Oben-Brot anzubieten und war kurz davor, einen weiteren Regalboden aufzustocken, da kippelte eines Tages der kleine Mann, im Moment der größten Unlust und Frustration, auf seiner Leiter raus aus dem Supermarkt und ward nie wieder gesehen. Er aß dann zwei Monate lang nur Nudeln mit Ketchup.

Der kleine Mann.

Der kleine Mann hatte sich etwas ausgedacht und das ging so. Wenn er sich vier Joghurts kaufte, auslöffelte, auswusch und die Plastikbecher unter seine guten Schuhe schnallte, wäre er um bestimmt fünf Zentimeter größer. Gesagt getan, an einem heißen Sommerwochenende wurden die Joghurts gekauft, gegessen und die leeren Becher mit Gummiringen unter die Füße geschnallt. Beim ersten Gang hinaus auf den heißen Teer schmolzen die Becher dahin und der kleine Mann war wieder so klein wie allzumaldereinst vor seiner Idee. Irgendwann ging dem kleinen Mann der Gedanke durch den Kopf, dass er nicht nur klein, sondern auch blöd war. Kein Mensch läuft auf Kirschjoghurtbechern wie auf Stelzen durch die Gegend und wird ernst genommen. Das geht nur mit Erdbeerjoghurt.