Fix. Detektiv. 06. Spuren. Schluss.

Klar und übersichtlich ergrübelte Fix schließlich ein Verbrechen aus Leidenschaft: Der Indianer Kotopax, voll leidenschaftlicher Eifersucht auf den Hund der Lola Montez (denn Lola liebte den Hund mehr als ihn), will diesen töten und kann es nicht. Stattdessen hängt er den Hund zum Trocknen an eine Wäscheleine. Leidenschaftlicher als das geht ja gar nicht, dachte Fix.

Als Fix am nächsten Tag auf der alljährlichen Spendengala für südamerikanische Indianervölker dem Indianer Kotopax gegenüberstand, erkannte er sofort, dass dieser keine Tellerlippe hatte. Und zur Eifersucht auf einen Hund gab es auch keinen Grund, denn Kotopax sah aus wie die bolivianische Ausgabe eines supererfolgreichen amerikanischen Schauspielers, dessen Name Fix verdammt noch mal nicht einfiel. Außerdem war Kotopax total nett und voll in Ordnung.

Fix musste mitten in der Nacht zur Toilette. Das wollte er zwar nicht, aber er tat es trotzdem.

Am Morgen des letzten Tages seines ersten Falls erfuhr Fix, dass Lola Montez die Stadt verlassen hatte. Zusammen mit dem Chef der Firma in der Fix Buchhalter war. Ohne den Hund. Mist.
Dieses Biest Lola Montez hatte ihn mit einer nicht vorhandenen Hundeentführungserpressung beschäftigt, damit er nicht bemerkte, wie sein Chef die Konten der Firma plünderte. So einfach war das. Der ganze Fall war eine Erfindung.

Fix ging raus vor die Tür und brüllte so laut er konnte: Mphft!? Vor ihm saß Peggy Sue, Lola Montez vermeintlich wäscheleinengetrocknete Foxterrier-Basset-Mischung mit so was von original Basset-Ohren, originaler geht nicht. Fix nickte. Er hatte einen Hund.

Fix. Detektiv. 05. Pfeifende Bolivier.

Sie sind also Bolivier?, fragte Fix über den Tisch.
Bolivianer, das heißt Bolivianer.
Und ich kann pfeifen like Ilse Werner, you know, hombre? Ilse Werner?
Der Bolivianer schüttelte etwas verzweifelt den Kopf. Fix hatte in der ganzen Stadt nach einem Südamerikaner herumgefragt und war auf Jorge Jesus Müller gestoßen, Sohn einer ehemaligen Nazi-Größe. Jorge selbst war kein Nazi, eher der Typ charmanter Herzensbrecher.
Würden Sie einen Hund an den Ohren zum Trocknen aufhängen, Jorge Jesus (Chorche Chezus), sagen Sie mal.
Jorge verneinte, er würde nicht, niemals. In Bolivien macht das niemand, bis auf dieser Stamm von Urwaldindianern, die essen auch Hunde. Und Katzen.
Wie heißt der Stamm?
Keine Ahnung, den Chef der Sippe nennen sie Kotopax, kurzer Friede. Er befindet sich zur Zeit auf einer Europareise, ich glaube, er ist gerade diese Woche hier in der Stadt. Spenden sammeln.
Und wie sind die so, die Urwaldindianer?
Köpfe wie Bulldoggen und ein Körper wie ein Mädchen, sagt man.

I can wistle like Ilse Werner, soll ich mal?
Fix bekam diese Idee mit Ilse Werner einfach nicht aus dem Kopf. Irgendjemand war verrückt hier, entweder er oder Ilse.
Jorge pfiff auf bolivianisch ein kurzes Adiós und Fix wurde das Gefühl nicht los, dass sein Ilse Werner-Tick anderen auf den Geist ging. Er notierte das als ‚bemerkenswert‘ in seinem Notizbuch.

Fix rief Lola Montez an und sagte es ihr: Kotopax ist in der Stadt. Sind Sie aus Bolivien, Frau Montez?
Lola.
Frau Lola Montez.
Nur Lola. Und ja, ich komme aus Bolivien.
Sie essen keine Hunde, oder?

Am anderen Ende der Leitung klickte es, Lola Montenz hatte aufgelegt. Fix schrieb: Lola Montez isst keine Hunde. Kotopax ist hier bei uns.

Fix. Detektiv. 4. Heiße Küsse.

Fix gab Lola Montez ohne langes Debattieren einen seiner üblichen Detektivküsse, zurückhaltend, aber spürbar. Lola Montez nahm, als die beiden finster aussehenden Südamerikaner (Bulldogengesichter auf den Körpern von verhungerten Fernsehmodels) das Lokal betraten, Fix Kopf in beide Hände und stülpte ihren Mund über seinen. Sie hielt das für eine gute Idee, um so zu tun, als seien sie und Fix ein Paar. Fix kontrollierte die Szenerie, indem er die Augen schloss und an doppelte Buchführung dachte. Als die beiden Südamerikaner das Lokal nach gefühlten zehn Minuten endlich verließen, holte Lola Montez ihre Zunge wieder ein.
Sie sind raus, sagte Fix.
Ich weiß, sagte Lola Montez, entschuldigen Sie bitte.
Fix blickte in die Runde und stellte fest, dass alle Anwesenden ihn anstarrten als käme er von außerhalb. Fix lächelte. Dann fiel ihm Kotopax wieder ein. Südamerikaner. Richter. Foxterrier-Basset-Mischung. Er schrieb alles in sein Notizbuch. Meine Güte, dachte er, das wird ja ein ganzer Roman.

Am nächsten Tag fanden früh morgens zwei Telefonate statt. Das erste führte Fix mit seinem Chef. Er erzählte ihm mit der abenteuerlich heiseren Stimme eines Siebzigerjahre Pornostars, er sei krank. Das erste Mal, dass er seinem Chef etwas  anderes vormachte als ausgeglichene Bilanzen. Das zweite Telefonat führte Fix mit Lola Montez. Sie rief ihn an und berichtete unerschrocken, dass Peggy Sue draußen vor ihrem Fenster an einer Wäscheleine hänge, mit Wäscheklammern an den Ohren zum Trocknen aufgehängt. Fix schluckte und fragte sich, ob er Lola fragen sollte, ob Peggy Sue eigentlich Foxterrier- oder Bassetohren hatte, ließ es aber bleiben. Ein Blick in sein Notizbuch sagte ihm, dass sein erster Auftrag mit diesem Telefonat schon wieder erledigt war. Da stand: Peggy Sue suchen. Lola hatte sie gefunden.

Finden Sie die Schurken (die Tzurken). Finden Sie Kotopax und bringen Sie mir seinen Kopf auf einem Tablett. Dann legte Lola Montez auf. Fix schluckte und notierte sich: Kopf von Kotopax auf Tablett. Der zweite Auftrag innerhalb weniger Stunden. Im Prinzip war er jetzt schon ein ehemaliger Buchhalter.

Peggy Sue war, wie eine kurzer Blick in Lola Montez Garten ergab, nicht tot aber trocken. Und Kotopax bedeutete in der Sprache eines weithin unbekannten (und völlig absurd lebenden) bolivianischen Urwaldstammes: Kurzer Friede.

 

Fix. Detektiv. 3. Kotopax.

Fix sah von seinem Notizbuch auf in die unergründlich dunklen Augen der Frau Lola Montez. Sie trug eine Sonnenbrille. Dann lispelte sie atemlos eine kurze Erklärung.
Mein Schwager wird seit einigen Tagen bedroht und heute morgen ist sein Hund verschwunden. Eine Foxterrier-Basset-Mischung namens Peggy Sue.
Fix nickte. Er verstand kein Wort. Wer nennt denn einen Hund Peggy Sue?
Mein Schwager ist Richter am Oberlandesgericht, müssen Sie wissen (mützen Tzie witzen).
Fix nickte erneut. Richter, klar. Richter geben ihren Hunden komische Namen. Er zog die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln nach außen.
Und Peggy Sue? Ist sie wertvoll?
Peggy Sue ist ein Rüde, aber das ist eine andere Geschichte (Getzichte). Die Drohungen kamen von Kotopax.
Ach?
Ja, Kotopax.
Fix hatte keine Ahnung, was Kotopax sein sollte. Vielleicht eine Organisation zur Befreiung von Foxterrier-Basset-Mischungen mit komischen Namen?
Frau Montez, wie kann ich Ihnen helfen?
Lola.
Frau Lola Montez, was soll ich für Sie tun?
Nur Lola.
Fix zweifelte langsam an seinen detektivischen Fähigkeiten. Hieß sie jetzt nur Lola oder Nur Lola oder was? Gab es da nicht mal eine Königin Nur? Oder wollte sie nur eine Lola und hatte doch einen größeren Sprachfehler? Was denn jetzt?
Meinetwegen, Lola. Was kann ich tun?
Küssen Sie mich, jetzt, schnell, bevor sie uns sehen.

Alle Folgen Detektiv Fix. Siehe hier…

 

Fix. Detektiv. Lola.

Fix hatte drei wiederkehrende Albträume. Im ersten musste er eine Jungfrau vor dem Sprung von einem Doppeldeckerbus (Stadtrundfahrt, oben offen) retten. Im zweiten, einem Straßenlaternen-Albtraum, versuchte er nachts verzweifelt eine Szenerie von etwa zweihunderttausend Mücken zu erfassen, die irre geworden um das Licht einer Straßenlaterne tanzten. Im dritten Albtraum wurde er am Kopf operiert, lobotomiert wie Jack Nicholson in ‚Einer flog über das Kuckucksnest‘. Glücklicherweise besaß Fix die für einen Detektiv ungewöhnliche Gabe, Dinge sehr schnell wieder zu vergessen (das half ihm auch bei seiner Buchhalterei). Was er morgens nicht aufschrieb, konnte er Mittags schon nicht mehr erinnern. Fix war ein Vergesser.
Positiv am Vergessen war, fand Fix, dass es ihm nichts ausmachte, jeden Abend in seinem Lokal erfolglos auf einen Auftrag zu hoffen, weil er morgens, wenn ihn seine Lobotomie noch beschäftigte, schon nicht mehr wusste, was er abends gegessen hatte. (Es war immer dasselbe: Irgendetwas und Nudeln mit Ketchup.)

Der Abend eines verregneten Februarfreitags im Jahre 2012 (also gestern) war anders. Der Besitzer stand mit einem Bandscheibenvorfall jammernd und schimpfend hinter dem Tresen und Fix hatte eine leichte Migräne. Eine unglaublich gut aussehende Frau mit langen glänzenden schwarzen Haaren, die Fix noch nie hier gesehen hatte, betrat das Lokal. Sie stellte sich neben Fix und sagte zu ihm: Ich bin Lola Montez. Fix nickte, als sei das selbstverständlich. Frau Lola Montez bat um detektivischen Beistand: Ich habe Sie gesucht. Ich brauche ihre Hilfe.
Fix erinnerte sich urplötzlich an die Mücken, seine Lobotomie und die Jungfrau vom Doppeldeckerbus. Das verwirrte ihn. Bekommt ein Detektiv so einen Auftrag? Er schrieb Lolas Namen in sein Notizbuch (es war sein erster Eintrag). Hinter den Namen notierte er: Keine Jungfrau.

Fortsetzung folgt…
Fortsetzung von: Fix. Detektiv.

Fix. Detektiv.

Fix saß im Restaurant um die Ecke am Tresen und prägte sich mit zusammengekniffenen Augen die Szenerie ein. Für Fix war alles Szenerie, seine Wohnung, eine Straße, Menschen in der U-Bahn. Fix hielt sich, obwohl er es gar nicht war, für einen Detektiv, eigentlich arbeitete er als Buchhalter.
Was die Angelegenheit mit den Szenerien, den zusammengekniffenen Augen und der Vorstellung vom Detektivsein wirklich kompliziert machte, war die Erwartung, die Fix an seine Umwelt stellte. Fix wollte, dass alle, die ihn sahen, dachten, er sei wirklich Detektiv. Und er wollte, dass niemand bemerkte, dass er gar kein Detektiv war (sondern Buchhalter), dass er aber sehr gut ein Detektiv hätte sein können. Fix. Detektiv, der in diesem Restaurant an einem Fall arbeitet. Die Leute sollten mehr so nebenbei bemerken, dass er Detektiv war, nicht weil er das beabsichtigte oder weil er wie ein Detektiv aussah, mehr so aus dem Augenwinkel heraus: Oh, ein Detektiv. Er sah wirklich nicht wie ein Detektiv aus, was für einen echten Detektiv ja eine gute Tarnung ist. Tatsächlich sah er einem Buchhalter viel ähnlicher als einem Detektiv. Fix wollte, dass man ihn wie zufällig am Tresen sitzen sah und vielleicht auf den Gedanken kam, er könnte ein Detektiv bei der Arbeit an einem wichtigen Auftrag sein. Gleichzeitig aber war es genau das, was Fix als Detektiv natürlich nicht zulassen durfte. Ein Detektiv lebt aus dem Verborgenen, niemand sollte in ihm den Detektiv sehen, ein erkannter Detektiv ist wie ein nicht bellender Hund, fand Fix. Buchhalter zum Beispiel, meinte Fix, sind wie Hunde, die nicht bellen.

Diese Momente am Abend in seinem Restaurant, wenn er auf sein Essen wartete,   machten ihn fertig. Entweder man hielt ihn für einen Detektiv, dann machte er etwas falsch, oder man hielt ihn nicht für einen Detektiv, dann macht er etwas anderes falsch. Das  konnte einen Menschen zerreißen, dachte Fix, und das war der Grund, warum er die meiste Zeit am Tresen den Kopf schüttelte und die Augen zukniff. Gäste des Restaurants, die Fix zum ersten Mal sahen, mussten ihn für betrunken oder einen Menschen mit zerebraler Hirnlähmung halten, glaubte Fix. Das Einzige, was ihn aus diesem Dilemma befreien konnte, war ein Auftrag, irgendein Auftrag.