Buschman (oder: wie Il Dottore sein Licht unter den Scheffel zu stellen pflegte)

Da war dieser Hund, Buschman hatte man ihn genannt. Wie sie auf diesen Namen gekommen waren, war ihm stets ein Rätsel geblieben. Vermutlich lag es an seiner südafrikanischen Herkunft und an dem für seine Rasse typischen, auf den ersten Blick erkennbaren, straff nach hinten frisierten Rückenkamm, der sog. Ridgeback zwischen seinen kurzfelligen Schulterblättern. Das sah so cool aus, wenn er damit über die Felder oder durch die Kneipen lief, zumindest glaubte er das, und das machte ihn stolz.
Buschman jedenfalls wurde von seinen Besitzern für ein wenig unterbelichtet, ja mitunter sogar für dumm gehalten. Das deshalb, weil Buschman es bisweilen fertig brachte, mehrere Stunden scheinbar ein und denselben Fleck an der Hauswand zu betrachten, ja diese Stelle regelrecht anzustarren, zu glotzen, so als wolle er den Mörtel hypnotisieren. Dabei legte er mitunter – wenn ihm der Kopf zu schwer wurde – selbigen gerne mal zwischendurch irgendwo ab, z.B. auf einem Hocker, einem gerade in der Nähe angewinkelten Knie etc. „Dieser Hund ist doof!“, hatten sie dann gesagt, oder „Der hat se doch nicht alle!“, oder auch „Buschman hat wieder seine Phase!“, hatten sie behauptet. Das aber war ihm egal, er gab nichts darauf, was seine Besitzer von ihm hielten. Seine wahren Fähigkeiten würden schon bald ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden. Heimlich träumte Buschman sogar davon, dass man ihm den Nobelpreis verlieh, obwohl er auf das ganze Bimbamborium, dass damit verbunden sein würde, die Auftritte vor der Presse, die Interviews, Einladungen etc. eigentlich gar keinen Bock hatte. Aber soweit war es ja auch noch nicht. „Du sollst nicht Sorgen machen dir um Eier ungelegt!“, hatte ihm mal ein buddhistischer Mönch plötzlich völlig unvermittelt in einem Fahrstuhl in sein Ohr geflüstert. Als hätte er seine Gedanken gelesen. Danach war es Buschman nach und nach gelungen, die eigene Sicht der Dinge umzukrempeln. Er lebte von nun an lieber im hier und jetzt – das war sein persönlicher buddhistischer Ansatz.
Im Moment jedenfalls galt es, diese Dissertation fertig zu stellen, an der er schon so lange gearbeitet hatte. Promovieren wollte er auch, aber später, viel später. Die Doktorarbeit sollte sein Lebenswerk werden, dieses Magnum Opus, dieses Monumentalwerk, dieser Wälzer über das promiske Verhalten der Steinlaus. Dazu hatte er nur scheinbar stundenlang auf dieselbe Stelle an der Wand geglotzt, tatsächlich hatte er diesen winzigen Nager regelrecht studiert, hatte alle seine Beobachtungen seit Monaten dezidiert in seinem Gedächtnisprotokoll notiert, hatte die verschiedensten Quellen herangezogen, Gespräche mit anderen Experten auf diesem Gebiet geführt. All seiner Brillanz zum Trotz musste er den Spott seiner Besitzer über sich ergehen lassen. Diese Kretins. Aber er hatte ihnen das nachgesehen. Schließlich hatten sie ihn all die Jahre mit Futter und Wasser versorgt, und er durfte sogar in der Nähe des Kamins schlafen und „Wetten dass…?“ gucken.
Nun aber war er fast durch mit seiner Arbeit und war vor dem Hintergrund aktueller Skandale in der Politik die Fußnoten in seinem Gedächtnisprotokoll noch einmal peinlichst genau durchgegangen. Man sollte ihm nichts vorwerfen können. Solch ein Fehler wie dem Guttenberg würde ihm nicht unterlaufen, nicht ihm, dem prince of brilliant understanding, dem master of  excellent qualities of mind – so jedenfalls hatten ihn die Dozenten auf seinem Internat bereits genannt, als er noch ein Welpe war, und so sollte es auch eines Tages auf seinem Grabstein stehen. Nach seinem Gedächtnisprotokoll, so hatte er sich vorgenommen, würde er diese Worte seiner Sekretärin Nancy diktieren. Nancy war eine Foxterrierhündin, die er während eines Auslandssemesters in einer Kneipe in einem Londoner Pub kennengelernt hatte. Sie hatte sich sofort für ihn begeistern können. Ihre Bewunderung für seinen Ridgeback war ihm ebenso wenig verborgen geblieben, wie die für seine animalische Ausstrahlung, sodass er in dieser Nacht leichtes Spiel gehabt hatte mir ihr. Es war allerdings bei diesem einen Stelldichein geblieben, beide hatten danach beschlossen, zwar in Kontakt, aber eben nur Freunde zu bleiben, nichts weiter. Es hätte auf Dauer nicht funktioniert, hatten beide schnell festgestellt, zu verschieden waren sie. Dazu kam Nancy auch aus zu einfachen Verhältnissen, sie habe keinen „Stallgeruch“, wie Buschman einmal betonte. Buschman dagegen stammte aus einer adligen Familie aus Südafrika, genauer gesagt aus Rhodesien, und seine Leute hätten eine Bürgerliche nie akzeptiert. Zwar hatte sie eine Ausbildung zur Bürokraft abgeschlossen (sie beherrschte immerhin 180 Anschläge pro Minute), aber das auch nur, weil die Prüfer beide Augen zugedrückt hatten, und so hatte sie nur mit Ach und Krach bestanden. Dieser Freundschaft jedenfalls war es zu verdanken, dass er Nancy guten Gewissens mit dem Abtippen seines Gedächtnisprotokolls beauftragen konnte, und Nancy hatte sich gefreut, dass sich auf diese Weise ein bisschen Geld nebenher verdienen ließ.
Heute ging es Buschman allerdings ziemlich dreckig. Ihm war kotzübel und er hatte wieder dieses Stechen in der Brust, verbunden mit einem Ziehen in der Leistengegend. Er war ja nun auch schon etwas in die Jahre gekommen, hatte sich erst spät dazu entschlossen, über die Steinlaus zu schreiben. Woher kamen die Beschwerden? Was konnte das sein? Die Mandeln hatten sie ihm ja schon rausgenommen, und auch die Analdrüsen wurden ihm dank der gründlichen Arbeit der netten älteren Dame im Hundesalon – die sich anscheinend für nichts zu schade war – regelmäßig ausgedrückt. Sein Stuhl hatte noch eine gute konsistent und war regelmäßig. Er horchte noch einmal angestrengt in sich hinein, aber keine neue Erkenntnis. Woher auch? Da war er nun der vermutlich schlauste Vierbeiner der Welt, aber wenn es um Selbstdiagnosen ging, war sein gesamter Intellekt plötzlich keinen Pfifferling mehr wert. Schließlich hatte er Biologie und Elementarteilchenphysik studiert und nicht Medizin. Die Atommüll-Endlagerfrage, die Probleme nach der Katastrophe in Fukushima, all das hätte er im Nullkommanichts lösen können, aber ihn fragte ja niemand. Im Grunde interessierte ihn das auch nicht, ebenso wenig wie ihn seine Gesundheit kümmerte, solange er nur seine Arbeit würde fertig stellen können.
Seinen Körper sah Buschman lediglich als sterbliche Hülle, die etwas sehr viel Wertvolleres bewahrt. Ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper – pah! Sex, drugs and rock’n roll – das war seine Devise gewesen. Nun forderte sein unsteter Lebenswandel wohl allmählich seinen Tribut. Vielleicht sollte er das Rauchen aufgeben? Auch seine Medikament nahm er eher unregelmäßig, das war nicht vernünftig, das wusste er, aber es scherte ihn einen Dreck. Der Körper, ein Instrument, ein Mittel zum Zweck, ein Transporter. „Die Arbeit.. die Arbeit“, hörte er sich selbst noch röcheln, bevor er so ein Krisseln um die Augen wahrnahm und es schließlich um ihn herum ganz schwarz wurde. Als er wieder zu sich kam, sah er Nancy, die ihm zärtlich übers Gesicht schlabberte. Er fühlte sich noch etwas benommen. „Schätzchen“, sagte sie, „du träumst ja wieder, du weißt doch, dass dich dann alle für beschränkt halten, wenn du so lange auf dieselbe Stelle starrst. Komm zu mir aufs Sofa? Es kommt Barbapapa. Kommst du Schatz?“ Buschman hatte schon wieder dieses Krisseln.