Omelett.

Gisela?
Ja, Günter?
Wie kocht man eigentlich Haferkekse?
Haferkekse werden gebacken, Günter. Denk doch mal nach.
Mach ich doch.
Ach.

Du, Gisela? Kannst du eigentlich kochen?
Natürlich kann ich kochen. Was für eine Frage.
Ommelette?
Omelett, Günter, das heißt Omelett.
Bukst du mir einst eins?
Was?
Ach, nichts.

Und Melonen? Kannst du die machen?
Ja, Günter, kann ich. Das kann jeder.

Ok. Dann hätte ich gerne ein Melonenomelett mit Haferkeks, wenns recht ist.
Kein Problem, Günter. Aber vorher bringst du den Müll raus.
Manno.

Lauter schöne Dinge.

Ich höre Alphörner, die eng aneinander gekuschelt die Ode an die Freude hupen. Ich lausche einem Schallmeyenchor, der verzückt die Hymne der Trabanten trödeliert: Walking on sunshine. Ich beobachte verliebte Humboldpinguine an der Alster sitzend nach einem großen Becher Schokoladeneis lechzen. Ich entdecke Möwen in Boxershorts mit Hahnentrittmuster und Tauben in Strickjäckchen mit goldmagentafarbenen Paillettenapplikationen. Ich schmecke die Luft, gefiltert von Bäumen, die seit hundert Jahren immer denselben Sonnenuntergang genießen. Ich trinke Wasser aus Eisbergen, die ihre Gletscher noch freiwillig verlassen haben. Meine Füße treten auf Sand, weicher als frische Marshmallows und softiger als Moos, das am Rande eines klaren Waldbaches in einer schattigen Kurve aufgewachsen ist, begleitet von den himmlisch flirrenden Flügelschlägen des blaubrüstigen Eisvogels. Ich habe volles, gesundes Haupthaar, um das mich jeder beneidet.

Günter?
Ja, Gisela? Kann ich etwas für dich tun?
Du hast kein volles Haupthaar, schon seit Jahren nicht.
Ach, echt?
Echt, ehrlich.

Gus Backus.

Hallo, ich bin der Gus Backus, „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“, das singe ich morgens, mittags, nachmittags. Abends nicht. Abends bin ich Bill Ramsey, Chris Howland, Adamo, „Es gäht eine Drähne auf Reisen“, und Gitte, „Ich will nen Cowboy als Mann“. Tagsüber der Gus und abends dann die Wencke, die Myhre, „Er steht im Tor und ich dahinter“, die bin ich auch. Und die gefühlte Stimmenmehrheit aller Les Humpries Singers, der einzig echte Sing Sang Song-Singer von der ganzen weiten Welt, das auch, und die „Daschen voller Geld“ von der Gottseibeimir Karelheit, der güldenen Stimme von Prag, dieser ewig swingenden Biene Maja Titelmelodie, das auch. Mr. Spock hat mich gefragt, wie er mich spielen soll, der Hase Cäsar hat meine Ohren und das Tüüt im Fliewa von Robbi und Tobbi bin ich schon immer gewesen. Ich, der Roger im Quietsch, Piep, Over, das Bugs in Bunny und der Elefant der Maus.

Günter?
Ja, Gisela?
Alles in Ordnung bei dir?
Ja klar. Null Problemo. Das war ich übrigens auch.
Na, dann. Heute Abend gibts Kartoffeln mit Quark.
Toll.

Die Fahne.

Hallo. Ich möchte mich und mein Problem kurz vorstellen. Mein Name ist Günter, ich bin ein farbenblinder Fahnendesigner und bekam eines Tages den Auftrag, eine Fahne für den Kleingartenverein „Harmonie“ zu entwerfen. Mein erster Versuch zeigte einen grauen Hamster vor grauem Hintergrund, was wenig Anklang fand, da niemand den Hamster finden oder einen Zusammenhang mit dem Kleingartenverein herstellen konnte.
Als nächsten Vorschlag brachte ich ein verfremdetes Foto meiner Frau Gisela, die darauf wie Marylin Monroe aussah, ein wenig wie Elizabeth Taylor, aber hauptsächlich wie Mao Tse Tung. Meine Frau fand das „obszön“, ein Wort, das sie sonst nur  gebrauchte, wenn sie das Kind unserer Nachbarn beschrieb. Den Damen und Herren vom Kleingartenverein fehlte leider jegliches kulturhistorisches Verständnis, tatsächlich wollten sie mich vierteilen und kompostieren.
Heute weht über dem Verein eine grüne Fahne mit der üblichen Silhouette eines Gartenhäuschens. In dem Haus leben, selbstverständlich nicht sichtbar, ein grauer Hamster und das Kind unserer Nachbarn, aber das habe ich niemandem verraten. Oben auf dem Haus weht eine kleine Fahne mit dem unleserlichen Schriftzug:  Mao lebt! Nieder mit dem Establishment! Soweit ich weiß, ist „Harmonie“ der einzige Kleingarten westlich von China, der den großen Hamster Mao auf diese Weise ehrt.

Gandhi auf dem Altonaer Balkon.

Eines Tages stand der große Gandhi auf dem Altonaer Balkon und besah sich den Hamburger Hafen. Dabei kamen ihm einige Gedanken, unter anderem der, was er den Leuten sagen sollte, die seinen Namen falsch schrieben, zum Beispiel denen, die ihm doch glatt zwei h verpassten (nämlich: Ghandhi oder Gahndhi).
Günter?
Ja, Gisela?
Ach, nichts. Ich hatte nur gedacht, dass Gandhi ja eher klein gewesen ist. Aber rede ruhig weiter.
Gandhi fragte den neben ihm stehenden jungen Mann, was er von den zwei h in seinem Namen hielt und warum der Altonaer Balkon eigentlich so heißt, wie er heißt. Der junge Mann, ein plietscher Hamburger, wie man so sagt, klärte Gandhi auf, das er selbst Fred genannt wurde und keinesfalls zwei h im Namen habe. Und den Altonaer Balkon nenne man so wegen, äh, weil das so ist.
Günter, warum heißt der denn so?
Wer jetzt, Gandhi oder der Balkon?
Und was sagt Gandhi nun zu den Leuten mit den zwei h?
Nachdem Gandhi sich eine ganze Weile den Hafen und die Schiffe und so weiter angesehen hatte, meinte er zu Fred, der immer noch neben ihm stand: Ich finde, man sollte sich bescheiden und mit einem h im Namen zufrieden geben. Fred nickte : Find ich auch.
Günter?
Ja, Gisela? Das hast du dir doch jetzt ausgedacht, oder?
Selbstverständlich Gisela, mein Schatz.
Du guckst aber so komisch.
Ich guck nicht, ich bin auf dem Weg zum Altonaer Balkon. Vielleicht ist er ja noch da.
Wer jetzt?
Na, Gandhi.
Ach der.

Ganickel.

Wie schreibt man noch schnell Kaninchen? Gisela? Na, Kaninchen werde ich wohl noch können, sind ja nur einfache Buchstaben. Man schreibt das so oder so ähnlich, wie man das spricht.  Oder wie man etwas Ähnliches spricht, von dem man weiß, wie man  es schreibt, zum Beispiel Kanu, das schreibt man Kanu, ohne h, selbst wenn man drin sitzt, hihi. Also könnte man statt Kaninchen im übertragenen rechtschreibspezfischen Sinn Kanunchen schreiben. Oder wie sagt der Dresdner: Gar nunchen? Haben Sie geine Ganienchen im Angebod? Aber warum sollte jemand Kaninchen mit u schreiben, wenn man das gar nicht so spricht? Und heißt das eigentlich Ganienchen oder Ganinchin? Das hört sich an wie Hustensaft, Ganinchin gegen Gusten.
Ich gehe da am Besten rein logisch vor, sonst führt das ja zu nichts. Eine Eselsbrücke, wie man so sinnig sagt: Kaninchen haben zwei Ohren, die heißen Löffel, beim Wildschwein nennt man die Hauer, beim Hammel, äh, ist auch egal jetzt, natürlich sind die nicht so lang wie beim Hasen, aber immerhin zwei. Also, zwei Ohren, dann schreibt man zwei n, ganz einfach zu merken: Für Kaninchen zwei n, aber nicht für Hasen, oder doch für hoppelnde Hasen. Oder war das Kaninchen jetzt das mit den längeren Ohren? Wie auch immer, zwei Ohren, zwei n, ein Kaninchen. Ganz einfach. Und wenn das jetzt jeweils zwei n waren? Zwei vor und zwei nach dem i? Kanninnchen? Wie Kanne? Ein Kännchen Kanninnchen? Nee, draußen nur Kännchen, wie das so nett im Restaurant heißt, und Kanninnchen schon mal gar nicht.
Kanienchen ginge natürlich auch noch, und Kahninchn sowieso. Meine Güte. Vielleicht drei n? Kaninchen mit 2 Ohren und 1 Schwänzchen sind 3 irgendwas. Also Kaninnchen oder Kanninchen? Vielleicht auch ganz ohne n: Kaichen. Ein kleiner Kai wurde uns geschenkt, ein Kaichen. Gisela? Sag doch mal was. Oder, lass mal, ich nehme Karnickel, das geht doch bestimmt auch, oder? Ganickel. Weihnachten gibt’s Ganickel ohne alles.

Tarzan forever.

Seit ich im letzten Jahrhundert die Tarzanfilme gedreht habe, ja, ich war der Hauptdarsteller, ja, ich sah damals so aus wie Lex Barker und sehe heute immer noch so aus, nein ich bin nicht gealtert, nein, ich schreie jetzt nicht den Tarzanschrei, nein, Sie können jetzt nicht mit diesem Affen sprechen, ich möchte darüber auch nicht reden, was mit dem Affen ist, nein er fehlt mir nicht, so, das haben wir geklärt, was ich eigentlich sagen wollte, nein, als ich Winnetou I bis III gedreht hatte, ging es mir nicht besser als mit den Tarzanfilmen, auch nicht, weil ich da angezogen herumlaufen durfte, nein, ich hatte als Tarzan nichts unten drunter, da war ich nackicht, ja, die haben dafür gesorgt, dass man das in den Filmen nicht gesehen hat. Sonst noch Fragen? Gut dann komme ich jetzt endlich zu der Geschichte mit mir als Tarzan und dem Geheimnis meiner ewigen Jugend. Ob ich Spaß daran habe, immer noch so auszusehen und ob ich jetzt unten rum was anhabe? Selbstverständlich, gute Frau, im Winter trage ich immer meine lange Elli. Aus Angora natürlich. Grau meliert mit einem Anteil von Lila. Changierend. Das sieht aus wie ein Mädchen? Das finde ich jetzt aber gar nicht. Ich sehe aus wie Batman mit oben ohne? Na, immerhin vergleichen Sie mich nicht mit Robin Hood. Was haben Sie denn unten rum so an, wenn wir schon dabei sind. Ach, auch die lange Elli? In rot? Sehen Sie, wir liegen da gar nicht so weit auseinander. Was machen Sie denn heute Abend so? Ich müsste hier noch ein oder zwei Autogramme geben, aber dann stünde ich zu Ihrer Verfügung. Oh, verstehe, ihr Mann. Aber ich Tarzan, du Jane?
Günter? Ist irgendwas mit dir?
Ach nein, Gisela. Ich mach mir nur so meine Gedanken. Sag mal, haben wir eigentlich schon die langen Unterhosen ausgepackt?
Seit wann interessierst du dich für wann ich was ausgepackt habe?
Ich meine ja nur, das ist so kalt draußen.

Für alle Fertigen da draußen.

Wenn ich mal richtig fertig bin, gedanklich am Ende angekommen, unten am Boden liege und alle auf mir rumtrampeln, wenn die Leute durch mich durchsehen wie durch eine Glasscheibe (mit einem aufgeklebten Vogel drauf, aber irgendwie so aufgeklebt, dass man ihn nicht sehen kann und die Leute trotzdem durch mich durch gucken), wenn ignorant unverblümt abweisend ausweichend und sonst wie über mich hinweg gesehen und wenn sich ohne mich über mich lustig gemacht wird, wenn, weil alles so schlimm ist, die Leute mitleidig gucken, so von oben, so: Achje, ach Herjemine, wenn die Luft zum Atmen nicht reicht und schon beim bloßen Hinsehen heiß und stinkig wirkt, wenn kein Land in Sicht ist, das Trinkwasser zur Neige geht und aussieht, als sei es schon mal getrunken worden, wenn der Durst nach Freuen und Fressen mich plagt und die Tage lang und gebraucht sind, wenn der Morgen ein Graus ist und der Abend wie der von gestern und der davor und morgen auch, wenn der Hunger größer ist als der Neid, wenn meine Blicke scheel und blind und schielend werden und nichts zu sehen ist als nichtsiges Nichts und keiniges Garnichts, wenn Dunkelheit da ist und Angst, und wenn hosenscheißermäßige Panik mich überfällt, weil Monatsende ist oder Jahresende oder Geburtstag oder Weihnachten und kein Geld da ist für irgendwas, wenn die Wohnung weg ist und das Auto und der Sinn vom Ganzen auch und sowieso und überhaupt alles irgendwie so voller Unmöglichkeit und Scheiße ist wie niemals zuvor im Leben, dann, ja dann denke ich an John Wayne. Ehrlich. Dann geht’s mir gleich wieder viel besser.
Ach.
Ja, Gisela.
Geht da auch George Clooney?
Ja, der natürlich auch.
Und Robert Redford?
Auch.
Also irgendwie geht da jeder und jede? Auch Angelina Jolie?
Da geht alles, meine Güte. John Wayne ist nur ein Beispiel, jeder hat doch seinen eigenen John Wayne. Du must da auch mal ein bisschen über deinen Schatten springen, Gisela. Ein bisschen Einfühlungsvermögen, ein bisschen Verständnis.
Ach so.
Sag ich doch.
Na, dann nehme ich Barack Obama.
Sehr gute Wahl, Gisela.

Häuptling Günter.

Seit ich mich zum Häuptling ernannt habe, sitze ich die meiste Zeit so rum, hauptsächlich im Wohnzimmer auf dem Fernsehsessel.  Wenn nichts weiter los ist, brülle ich zwei-, dreimal sehr laut: Hurrarr! und klatsche in die Hände, woraufhin meine Frau selbstverständlich nicht erscheint. Wenn ich ehrlich bin, würde ich auf Hurrarr! auch nicht erscheinen. Was soll dieses Hurrarr! überhaupt bedeuten?
Das frage ich dich, Günter.
Nach dem Hurrarr! scharre ich etwas verlegen mit den Füßchen, die in Mokassinchen stecken, im Sand. Den Sand habe ich extra aus Warnemünde mitgebracht und vor dem Fernsehsessel verteilt. Nur zum Scharren.
Toll, Günter. Der bleibt da nur so lange, bis ich gestaubsaugt habe.
Hatte ich schon erwähnt, dass es das Vorrecht jeden Häuptlings ist, sehr sehr viel Sand aus Warnemünde mitzubringen? Sehr, sehr, sehr viel Sand, Gisela.
Hast du.
Na denn. Ab und zu gehe ich nach hinten in den Garten und hole mir aus dem Stall eine Hühnerhabichtfeder.
Wir haben keinen Stall, Günter, keine Hühner und auch keinen Hühnerhabicht. Wie kommst du nur auf so was?
Das war bildlich gemeint, meine Güte. Die Feder stecke ich mir ins wallende Haar, wobei meine Kette aus Bärenklauen, die über meiner behaarten Brust hängt, leise klappert.
Dein wallendes Haar?
Ja, Gisela?
Wo ist das denn jetzt gerade?
Menno.

 

Fernsehgespräche.

Günter mach das weg da. Ich kann das jetzt nicht sehen.
Das ist aber deine Lieblingsserie.
Aber sie hat gesagt: Du hast ihn umgebracht!
Na, dann ist er der Umbringer, das macht doch nichts.

Günter? Was gibt’s heute?
Deine Lieblingsserie oder, äh, Olympia.
Ich bin dann mal telefonieren.
Ja, kein Problem. Ich bin dann hier.
Auf dem Sofa?

Gisela?
Ja, Günter?
Der Walter wird ja jetzt bald fünfzig.
Ja, Günter?
Dann hat er, wenn man ihn nach Joopi Heesters berechnet, noch mehr als die Hälfte vor sich.
Ja, Günter.
Boah, wie langweilig.