Kategorie-Archiv: Kunst & Kultur

Betriebsunfall.

Ich saß also vor dem leeren Bildschirm, bereit den Roman meines Lebens zu schreiben, mein Geist war frei, die Gedanken offen (oder umgekehrtestens), da klemmte sich mein rechter Zeigefinger zwischen P und Ü meiner bis dahin wunderbar funktionierenden Tastatur. Ich produziert PÜPÜs in Menge und dachte bei mir: Na gut, wird das eben ein Roman über das berühmte PÜ im Manne oder den KartoffelPÜ oder den schiefen Turm vom PÜ oder, aber soweit kam ich dann gar nicht mehr, weil sich die Dose mit dem Sekundenkleber selbstständig machte und über die Tastatur entleerte. Fragen Sie jemand anderen (nicht mich), wieso da eine offene Dose mit Sekundenkleber herumstand, das war so und manchmal muss man Dinge einfach hinnehmen. Das tat ich dann auch und wischte angewidert mit dem linken Daumen über das W, das selbstverständlich haften blieb. Ich flötetete nervösestens in mich hinein, fasste mit Daumen an Unterlippe und gnapse seitdem an dem nun nicht mehr am Daumen hängenden W herum (das W innen an der Unterlippe klebt und klebt und klebt). Linkerseits beschäftigte ich mich mit dem langen Leertastenbalken, den ich mir, irgendwie, ich weiß nicht  wie, an die Stirn heftete. Erregt sprangte ich aufsens und klatschtete mir den Rest der Tastatustus vor den Bauchsein. An den Fingern der rechten Hand hingen jetzt PÜÖÄ und das Zeichen #, links war ich bei AXSENBRUCH angekommen. Ich fiel in Ohnmacht ob meiner schlechten Rechtschreibung und den Unbilden des Lebens (und der Kommataste unten am Kinne). Velflucht sei dies Tastatul und dies velflixte W im Maul.
Später tapperte ich vier Stockwerke weiter unten mit wirrem Blick herum, sprach fremde Leute an und forderte sie auf, mit mir “I believe I can fly” zu singen. Da wurde ich dann verhaftet.

 

Sommerfrische.

Am Ende wird mir ja doch jeder zustimmen, wenn ich sage, wie es ist, also fange ich besser gleich an: Wenn man oben am Rand steht und guckt und sieht die Luft vor sich, die nicht nur flimmert, die in Hitzewellen den Pommesduftschwaden der Frittenbude hinterher wabert, am Geschmack von Sonnenmilch entlang, auf der Suche nach Schatten, zwischen den schlafenden Vätern neben ihren schnatternden Müttern, vorbei an den sandbuddelnden, wassergießenden Kindern, den aufgeblasenen Schwimmflügeln, den rotweißen Schwimmringen und gelben Schwimmwassersonstwasenten, den davontreibenden Gummibooten, beobachtet von den müden Strandvolleyballerjungs, den Frisbeespielern, den lauen Badenden, den am Wasserrand rauf und runter wandernden Strandbernsteinsammlern, die immer was finden in den rostbraun vertrockneten Schlickbergen, den Dorschanglern an der Mole und den Krebskescherkindern, den ganz ganz ganz weit raus schwimmenden Angebern, den körperigen Rettungsschwimmern und -schwimmerinninnen, den gar nicht schwimmenden Fußwasserplatschern (huch was ist das kalt), den das Wasser meidenden Omas mit ihrer omafaltigen Omahaut im hellen Sonnenlicht (jede Falte ein Schatten), den immer frischen, pfeilschnell durchs Wasser gleitenden Freistilopas mit und ohne Bauch, den dicken Onkels mit oben ohne und den dicken Tanten im Overall, den Kusinen und Kosengs am Familienstrandbadenachmittag um vierzehnuhrfünfundreißig, der heißesten Zeit dieses Sommers, der wolkenlosesten, der windlosesten Zeit des Tages mit den schnappatmenden Fischen und der vollkommen beruhigten See, den weit draußen unhörbar kreischend Bananenboot fahrenden Jugendhelden, dem Strandsand, heiß wie geschmolzenes Glas, den Sonnenbrandgesichtern, der eiskalten Cola und den frischen Pommes mit Mayo vom Imbiss, den Blick zum Horizont gerichtet, wo in dunstiger Ferne Himmel und Ostsee einander Hallöchen sagen, dem vollkommenen Augenblick absolut unvergesslich glücksbehafteter Sommersonnenhitze. Das ist so warm. Das ist so einmalig hitzeprickelnd. Das ist der Sommer.

Das ist doch so. Das stimmt doch. Da wollte ich nur mal dran erinnern.

Zipfelmann.

Ich bin der Zipfelmann! Ich habe meine irrwitzige Zipfelmütze auf (grau-grün-gestrickte Ringel, roter Bommel an rotem Band, Freundschaftsabzeichen vorne und hinten), und bin, im Prinzip, unbesiegbar. Ich schleudere jedem meinen wild wirbelnden Bommel ins Angesicht, drohe mit einer Geste des Widerwillens noch größeres Ungemach an, und setze mich auf den letzten freien Platz in die S-Bahn, die zu voll, zu laut, zu rumpelig und zu spät in die falsche Richtung fährt. Ich wollte nach links (U-und-S-Bahn-Fahrplan-mäßig gesehen) und sie fährt nach rechts. Meine Gesichtsfarbe gleicht sich der meines Bommels an, aber ich überspiele die Peinlichkeit durch einen gezielten Griff nach meinem Smartphone. Ich schicke mir in rasender Geschwindigkeit eine SMS, eine Mail, einen Tweet, eine WhatsUp-Message und einen I-Like-meinen-Status auf meine eigene Facebook-Seite. Es macht Plimm, Plimm, Plick und Blobb. (Blobb für die veraltete Form der Selbstbenachrichtigung-weil-Selbstanruf). Ich gehe ans Smartphone (ich halte eine Glasscheibe an mein Ohr) und grüße mich. Nebenbei mache ich von mir, der S-Bahn, der Welt da draußen und der Welt in mir drinnen Fotos und eine schnelle Gegenlicht-Auraaufnahme als HD-Video. Die Bilder poste ich sofort an mein Moodboard bei Pinterest, das Video auf meinen Göttliche-Aura-YouTube-Channel. Während ich mir androhe, dass das Gespräch aufgezeichnet wird und ich mich gefälligst an die Spielregeln zu halten habe (es gibt gar keine Spielregeln, es ist alles nur Show, ich grüße mich nochmals), gucke ich meinen nächsten Sitznachbarn mitleidig an: Er liest ein Buch. Brille. Manuelles Umblättern. Wenn ich blättere (ich lese nicht wirklich, ich blättere nur um), tippe ich auf die Glasscheibe meines Smartphone und bekomme für jede sich wie von selbst umblätternde Seite einen so dermaßen sauberen Umblätter-Raschellaut zu hören, dass das wirkliche Umblättern des echten Buches meines nächsten Sitznachbarn wie eine quietschende Tür klingt (was ich nicht hören kann, da ich ja mit einem Ohr telefoniere, mit dem anderen den letzten Musikdownload checke, ein grässlicher, mir von meiner Song-Shop-Community empfohlener Song einer jungen Singer/Songwriterin namens Andrea Online/Offline). Ich nicke mir beständig beim Sprechen (immer noch mit mir selbst) zu, zähle parallel den Stream der bisher eingegangenen I-Like-it-nots-und-dein-Status-interessiert-mich-nicht und sage ab und zu laut “Ähem”. Die Leute sollen ja nicht denken, ich wäre irgendwie durchgeknallt. Dann lasse ich meinen Zipfelmann-Bommel kreisen, hüpfe einen unwirklich realistisch aussehenden Harlem-Shuffle (im Sitzen, es ist viel zu eng zum Aufstehen), und kreische einmal ganz ganz laut: Wie geil ist das denn? Ich bin der Zipfelmann! Ich bin unbesiegbar. An der ersten nächsten Haltestelle steige ich aus. Wie gesagt, ich wollte ja eigentlich nach links.

Käse essen.

In einem wohlsortierten Kaufmannsladen erstand ich ein Stück Käse der riechenden Sorte, genauer gesagt: Alten “Alter Mommark”. Der riecht schon von Geburt an. Dieses Stück Käse versuchte ich zu essen.

Bei meinem Kaufmannsladen wird Käse grundsätzlich so in Folie gepackt, dass dort, wo man die Folie einfach aufwickeln könnte, ein unglaublich überflüssiger, riesiger, sich nicht ablösender Aufkleber pappt, der sich nicht ablösen lässt. Auf dem Aufkleber steht (wahrscheinlich) in ganz, ganz kleiner Schrift: “Dieser Aufkleber lässt sich nicht ablösen, bitte puhlen Sie den Käse an irgendeiner anderen Stelle auf.”

Ich konnte aufgrund einer bei Käseaufklebern häufig vorkommenden Sehschwäche das Kleingedruckte nicht entziffern, tat dann aber intuitiv das, was alle machen, die mit altem “Alter Mommark” in Folie mit Aufkleber zu tun haben: Ich puhlte am Aufkleber rum, riss, zerrte, zupfte, nuckelte, zapfte, zuckte und rammte schließlich eine Gabel in eine zufällig ausgewählte andere Stelle des Käsestückchens, wobei die Folie wie selbstverständlich aufplatzte. Kleine, übelriechende Endprodukte eines Jahrhunderte alten Reifeprozesses rieselten heraus auf Tisch, Fußboden und T-Shirt. Ich wischte mit der Hand nach. Das hätte in diesem Moment jeder getan. T-Shirt, Tisch, Fußboden und meine Hand rochen wie abgestorben.

Mit Gabel, Messer, den artistischen Fähigkeiten eines Käsesommeliers und ohne die Finger zu gebrauchen, gelang es mir, zwei Scheiben Käse so auf einem Graubrot zu platzieren, dass es mir das sichere Gefühl gab: Alles wird gut, das kannst du jetzt essen. Ich aß, es bröselte, die Scheiben kippelten, ich riss den Mund auf, hob das Brot in die Höhe, schob den Mund darunter und wartete. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Der alte “Alter Mommark” begleitete mich dann noch drei Tage durch mein ereignisloses Leben, er, ich und mein Magen hatten eine Art Pakt geschlossen: Wir werden niemals auseinander gehn.

Alter “Alter Mommark” riecht übrigens so wie die Ostsee, wenn sie nach einem langen Sommer ohne Sauerstoff umkippt, und vor einem, wenn man gerade mal ein bisschen herumschwimmt, tote Fische vorbeiwuppern und am Ufer andocken bei den feuchten, seit Wochen am Strand liegenden, rotkotfarbenen Algenbergen, in die eintausend Hunde ihr Geschäft gemacht haben, nachdem sie von den beim Essen heruntergebröselten Randstücken des alten “Alter Mommark” probiert haben. Das sollte mal auf einem der Aufkleber stehen.

Reichtum.

Wenn ich so reich wäre wie, äh, sagen wir mal, ist ja auch egal. Ich bin so reich, dass ich zwei Leute eingestellt habe, die mir beim Gehen die Hände vom Körper halten. Wegen Händewundscheuern beim Wandern. Kennt man ja. Die Hände scheuern an der goldgewebten platinbeschlagenen Silberjacke aus Mammutpelz. Wissen Sie, wie viele Mammuts es gibt und wie viele von denen noch bepelzt sind? Aus diesen Tieren ist meine Jacke. Da können Sie sich ungefähr ausmalen, wie reich ich bin. Gut, Reichtum, zumal wenn er hauptsächlich aus unsagbar viel Vermögen besteht, ist nicht alles. Deshalb habe ich auch diese Yacht, die von Hamburg nach New York reicht. Im hinteren Teil hat sie die Form der Elbe, danach macht sie einen Bogen rund um England und ist den Rest bis New York einfach nur eine gerade, mit Blattgold belegte Superyacht. So kann ich New York zu Fuß und in angenehmer Atmosphäre erreichen. Übrigens liegen überall, wo ich gehe, sandstrahlgemusterte Gehwegplatten mit netten Sprüchen wie: Oh, du bist so toll! Wir finden dich super! Alle mögen dich!, aber das wussten Sie bestimmt schon. Die Platten werden für mich im Moment des Gehens verlegt. Von meinen Gehwegplattenverlegern. Auch beim Joggen. Obwohl ich ja schon lange nicht mehr selbst laufe, sondern laufen lasse wegen der Probleme beim Atmen, Sie wissen schon. Für meine ständigen Diäten habe ich mir auch jemanden besorgt, der macht die dann und steigt Montag morgens für mich auf die Waage. Das ist total beruhigend. Dann gibt es noch den Windfechler, der die unangenehmen Gerüche in meiner mitnehmbaren Pommesbude vertreibt. Den Getränkehalter und den Satellitenschüsselträger für überall guten Fernsehempfang, den Kicherer für meine Witze und den Hört, hört!-Sager für andere Meinungsäußerungen. Aber jetzt habe ich keine Zeit mehr und übergebe an meinen Aufzähler, der nur dazu da ist, meinen Ruhm zu mehren und meinen Reichtum aufzuzählen. Tschüs-Sager?
Ja, Chef?
Sag mal Tschüs.
Tschüs.

Kurzes Theaterstück.

Eine Bühne ohne Bühnenbild mit Blick in den Technikbereich. Dort sitzt der Bühnenmeister und liest eine Zeitung. Aufgeführt wird eine Farce. Oder eine Tarte? Oder eine experimentelle freie Assoziation. Oder so.

Von links tritt auf der Hypochonder: Hallo Hallo Hallo! Ich habe eine Schilddrüsenunterfunktion.
Von hinten der Bühnenmeister (verdutzt): Ich auch!
Von rechts kommend die Frau des Bühnenmeisters: Mein Mann ist nämlich zuständig für die Notstromprobe.
Von oben schwebt die Tochter des Bühnenmeisters herab (falls die Technik das hergibt, ansonsten könnte sie auch einfach von oben auf die Bühne plumpsen): Ich bin gegen Notstromproben. Und Atomstrommonopole.
Die zweite, dritte und vierte Tochter des Bühnenmeisters (also insgesamt drei Töchter, plus der gerade herabgeschwebten, macht vier Töchter) bilden einen Chor: Wir sind gegen Hundehaare auf hellen Haushaltsschürzen.
Der Bühnenmeister von hinten zu seiner Frau: Liebling, ich glaube, die Milch kocht über.
Die Frau des Bühnenmeisters fällt in Ohnmacht. Die vier Töchter beugen sich über sie und beginnen eine Jammerei: Oh weh! Die Muttr, die Muttr! Siestgarohnmächtig! WieniederträchtigistdasLeben.
Der erste Schauspieler tritt auf: Was ist denn hier los? Hat die Probe schon begonnen?
Oh weh! Oh weh! Die Muttr. Die Muttr.
Die Milch. Die Milch.
Schilddrüse. Schilddrüse.
Der zweite Schauspieler tritt auf und gleich wieder ab.
Der Regisseur tritt vor das Publikum und erklärt das Ganze für ein großes Missverständnis: Sorry auch.
Der erste Schauspieler: Buhuhu!
Von hinten: Die Milch. Die Milch.
Der Chor der klagenden Töchter: Die Muttr. Muttr.
Der Hypochonder: Mumps! Ich habe Mumps!

Vorhang.

Der mürrische Weihnachtsmann.

Dies ist eine tragische Weihnachtsmanngeschichte, nur so vorweg, als Einstimmung, dass jeder auch Bescheid weiß.

Der mürrische Weihnachtsmann war der letzte seiner Art, zumindest an diesem 24. Dezember um diese Uhrzeit in diesem Regal. In gefühlten drei Minuten würde der Laden schließen und er, rot-weiß staniolverpackt, stand immer noch hier im Regal, neben den Schokoküssen, über den Marzipankartoffeln, und rechts hörte man die Chipstüten knistern. Was für eine Scheiße! So ein Mistsack, dieser verfluchte 24. Dezember, dieser miese letzte Weihnachtsverkaufstag das. In drei Tagen wäre er nur noch ein Viertel wert und würde zwischen alten Schokolebkuchen und gummeligen Rumkugeln als Grabbelware angeboten werden. Irgendein dummes Kind würde auf ihm herumdrücken, eine Mutterhand das Kind wegreißen mit dem Hinweis, der Weihnachtsmann sei ja alt und sähe auch vertrocknet aus. Und wenn es ganz schlecht liefe, würden sie ihn zurückschicken in die Fabrik, und abgerubbelt, verschreddert, gekrümelt und verkleinert als Osterhasenschokoladenmasse wiederverwerten. Meine Herrn, was für ein grausames Schicksal!

Im Moment der letzten Möglichkeit tauchte von irgendwo her dann dieses Kind mit seinen freundlichen Kinderhänden und den fröhlich glitzernden Kinderaugen auf. Es ergriff ihn, den letzten Weihnachtsmann, zaghaft zuerst, mit einem fragenden Blick zur Mutter, dann, weil diese weihnachtlich zustimmend nickte, fest und wissend: Dies ist mein Weihnachtsmann,  mein schönstes Geschenk.
Wie gut war im Grunde doch das Leben, ein Fest dieser wunderbare Tag. Still und demütig nickte der Weihnachtsmann in sich hinein und dankte seinem Schicksal. Auch ihn erfüllte nun die seligmachende Freude, die den heiligen Abend zu diesem unverwechselbaren Tag machte. Er war gerettet. Er würde kein Osterhase werden.

Draußen dann vor dem Laden zeigte das Kindlein sein kindliches Gemüt. Mit einem Riss fiel des Weihnachtsmannes rot-weiße Umhüllung, es knisterte, es knasterte und mit einem Biss in den Kopf endeten die Geschicke des letzten seiner Art. Ein später Gedanke des mürrischen Weihnachtsmannes war, wenn man es so sehen will, wohl auch eine Verfluchung: Na, schönen Dank auch.