Berufswahl.

Ich werde ein Riesenflips, aus Erdnuss, so einer. Schon in der Kindheit kam die Frage auf, was denn mal aus dem Jungen werden soll, jetzt, im reifen Alter weiß ich es: ein Riesenflips. Entweder das oder ein schwarzes Loch. Schwarzes Loch hat den Vorteil, dass man nicht so im Mittelpunkt steht und trotzdem tragisch rüberkommt.

Friedhofsmauer war eine flüchtige Idee von mir. Geht auch nicht, Friedhofsmauern machen nur Ewigkeitsfanatiker, das ist doch kein Lebensinhalt. Kurzzeitig hatte ich mich als Hornhautraspel gesehen, bis ich rausgefunden habe, was das ist und was man damit macht. Rampensau, Gartenzwerg und zahntechnischer Assistent war schon vergeben, also bleibt Riesenflipsdarsteller. Elegante Rundungen und Größe spielen eine Rolle. Und Geschmack. Geschmack hab ich.

Flughörnchenmann.

George übte. Er tänzelte auf dem Geländer des Balkons und visualisierte seinen geplanten Flug. Man sollte ihn fliegen sehen, den Flughörnchenmann, den Helden der Nachbarschaft, den Jäger der hopsenden Erdnuss. Das Heldenkostüm hatte den pelzigen Belag von Eichhörnchenflaum im frühen Herbst und die Farben des Indian Summer. George lippenmurmelte, so nannten Flughörnchenexperten das Zusammenpressen der Lippen mit gleichzeitigem Kraulen der Flughörnchenöhrchen. Unten im Hinterhof vermuteten sie eine Unzufriedenheit mit der Gesamtsituation, was der Wahrheit recht nahe kam. George murmelte, kraulte und unter seinem Kostüm ran der Schweiß. Sein Problem war nicht der Flug oder die Landung, unten wartete sowieso das Sprungkissen der Feuerwehr. Nein, es ging um das Fluggeräusch. Was machte Flughörnchenmann, wenn er sich ansatzlos in die Tiefe stürzte? Jubilieren? Grunzen? Vielleicht sollte er ‚Timber!‘ rufen oder ‚Da bläst er!‘? Superman saust lufthauchmäßig unhörbar herbei, Batman ssssssttttet sich von oben nach unten in die Häuserschluchten, aber was macht Flughörnchenmann? Knurren?

George stürzte sich leise pupsend in die Tiefe. Dann landete er unverletzt und zufrieden im Luftkissen der Feuerwehr.

Zeiger.

Hallo, mein Name ist Gerd und ich bin Zeiger. Ich zeige auf Dinge und erkläre sie für null und nichtig. Neulich habe ich auf einen untersetzten, sehr kräftigen Mann gezeigt, meinte er, eigentlich hatte ich den hinter ihm stehenden, kleinen dünnen Mann gemeint, also dieser kräftige Mann hat mir, nachdem ich ihn, wie üblich in diesen Situationen, für null und nichtig erklärt hatte, den Finger gebrochen, genauer gesagt, den Zeigefinger der rechten Hand. Seitdem zeige ich mit links. Das ist ungefähr so, als wäre man der kleine Zeiger einer Bahnhofsuhr, irgendwie nur wichtig zur vollen Stunde. Aber seit Digitaluhren wieder im Kommen sind, fühle ich mich sowieso überflüssig. Vielleicht werde ich einfach Taschenrechner. Gibt es eigentlich noch Rechenschieber?

Total Crazy.

Ich bin so total crazy. Ich streiche mir die Haare Miss Piggy like out of the face und werfe entrüstet den Kopf into the Hintergrund. Ich bin so crazy, dass ich mich frage, wie Superman das mit dem Schweben über dem Boden macht, komplett flippy floppy over the ground. Der ist auch so crazy, denkt sich ‚Ach, jetzt schweb ich mal ein bisschen‘ und dann schwebt er? Noch crazieer ist nur mein Kumpel Bernie, the guy from Mäckforepom short before the polnische Grenze. Der ist erster beim Abwerfen vom Elektrischen Bullen geworden, Bullriding, you know? Total crazy, ist so schnell runter von dem Bullen wie sonst keiner. Sag doch auch mal was, Le Bart, ist das nicht crazy?
Le Bart guckt runter zu Big Dodo, der im Dunkeln nach etwas sucht. Ja, echt crazy, was machst du überhaupt da unten? Und hör auf mit diesem denglisch, das versteht doch kein Mensch. Miss Piggy, wer ist das noch?
Ich weiß, total crazy. Ich glaube, mir ist gerade eine Kontaktlinse ins Klo gefallen.

Plausch.

Godzilla und King Kong saßen im Vorzimmer zur Hölle und unterhielten sich über die Chancen, ihrem Geschick zu entkommen. Godzilla knabberte an zwei japanischen Atomwissenschaftlern. King Kong schlug mit dem Körper der weißen Frau vergebens nach ein paar Fliegen. Nach einer Weile meinte Godzilla, die Situation stelle ihn nicht zufrieden. Das läge auch an King Kongs Image.
Was für ein Image? King Kong runzelte die Stirn. Was war noch schnell ‚Image‘?
Alle halten dich für ein grobmotoriges, furchtverbreitendes Monster, nicht für den sensiblen, zurückhaltenden Kerl, den ich kenne.
King Kong kratzte mit den zerfransten Resten der weißen Frau seinen Rücken. So hatte noch nie jemand mit ihm gesprochen. Grobmotorisch, was sollte das denn heißen?

Irgendwann zwackte Godzilla einem der Wissenschaftler einen Fuß ab und spukte ihn wie die abgebissene Spitze einer Zigarre in Richtung Höllentor: Glaubst du, dass es da drinnen wärmer ist? Findest du es nicht auch irgendwie kalt hier? Und herzlos?
King Kong hüstelte verlegen. Er wusste es nicht. Er wusste ja nicht einmal, was die Hölle eigentlich war und warum er hier sitzen und warten musste. Nur, um etwas zu sagen, fragte er Godzilla: Kannst du vielleicht Ching-Chang-Chong?
Nee, wie wäre denn Stein-Schere-Papier?

Irgendwann schlief ihre Unterhaltung ein. Godzilla lehnte den Kopf nach hinten an die Wand und britzelte ab und an mit seinem Godzillaatem die übrig gebliebenen Fliegen tot. King Kong hatte Schluckauf. Er war irgendwie nervös.

Endlich öffnete sich das Tor zur Hölle: Kommt rein Kinder, zieht eure Kostüme aus, jetzt ist Bescherung. Ich hoffe, ihr habt eure Gedichte gelernt.
King Kong erinnerte sich ganz plötzlich wieder: Das war es, das war die Hölle. Wenn man an Heilig Abend sein Gedicht nicht kannte.

Grummelmann.

Aus Protest gegen die Textilindustrie trug Grummelmann seine Unterhosen auf links. Das beengte zwar seinen Schritt, aber dass wusste ja niemand. Bis Grummelmann sein Protestplakat hervorholte: Gegen Nerzunterwäsche!

In seiner Wohnung hatte Grummelmann am Fenster ein Plakat angebracht: Niemals Wollsocken! Die meisten hielten Grummelmann für einen Spinner.

Grummelmann war mit den Jahren etwas ruhiger geworden. Er protestierte in der S-Bahn nur noch, wenn er auf Betrunkene traf. Oder Esser. Oder Handytelefonierer. Oder Sitzenbleiber. Oder überhaupt.

Kurz nach Grummelmanns Beerdigung bohrte sich aus zwei Metern Tiefe ein kleiner Fahnenmast nach oben, durchstieß mit einem leisen Plopp die Graboberfläche und entfaltete einen Protestwimpel: Nieder mit dem Tod!

Eine Ewigkeit später saß Grummelmann auf einer Wolke und starrte engelsgleich auf einen Kehrichthaufen. Plötzlich kam Gott mit einem Besen um die Ecke. Nach einem kurzen Streitgespräch beruhigte sich die Situation: Grummelmann blieb Engel und Gott fuhr öfters S-Bahn.

Das Huch.

Wie war das mit dem Huch?

Das Huch traf eines kalten Herbstmorgens vor der Tür auf einen dampfenden Haufen Hundekacke und entrüstete sich wie selbstverständlich mit einem lauten: Huch! Wie widerlich! Es verzog sich dann in das Schneckenhaus seiner Seele, machte die Schotten dicht und stolperte grummelnd in den nächstbesten Passanten: Huch! Verflucht!
In der S-Bahn saß das Huch neben einem Schnaps ausströmenden Spätheimkehrer und erboste sich: Huch! Verdammt!
Bei der Arbeit wurden Politik, Wirtschaft und anderes Ungemach vom Huch mit einem besonders abwertenden: Huch! Wie furchtbar! kommentiert.
Abends traf das Huch seine Freunde Hoppsala! und AchNee? zwecks gemeinsamen Aufstoßens zum Bier. Der eine begegnete an diesem Abend seiner dritten Traumfrau: Hoppsala! Wo kommen Sie den her? Der andere erfuhr von einem Bernhardiner-Züchter die Geheimnisse der Bernhardiner-Züchtung: AchNee? So geht das?
Und das Huch? Das dachte spätnachts vor dem Einschlafen für sich: Ach, was für ein huchiger Tag

So war das mit dem Huch.

Longfellow. Olympia 1972.

1972 wurde Longfellow zum Maskottchen der Olympische Spiele in München: Waldi. Er musste mit hellblauem Kopf und buntgeringeltem Körper ein netter Dackel sein. Longfellow überkam zeitweilig der Wunsch, sich selbst oder andere zu erwürgen. Er tat es dann nicht, sondern heiratete Melinda, seine zweite Frau. Melindas beste Freundin heiratete übrigens einen schwedischen König. Sie hieß Sylvia, er Carl Gustav.

Die Spiele von München eröffnete Longfellow im Olympiastadion mit den Worten: Ich bin ein Dackel und keine Wurst.

Bei den Spielen sollte Longfellow eigentlich als Rocketdackel im Raketenanzug ins Stadion einschweben. Der Wind, der ewige Wind, verwehte ihn bis nach Hollywood, wo er dann erst 1984 bei den Spielen von Los Angeles wieder landete.

Vierzig Jahre nach den Spielen von München lief Longfellow für zwei Wochen mit einem Remember-Mark-Spitz-Schnauzbart herum. (Mark Spitz gewann 1972 sieben Goldmedaillen im Schwimmen, erst 2012 gewann Michael Phelps ohne Bart acht.)

Ulrike Meyfarth sprang 1972 mit 1,92 Meter zur Goldmedaille, Longfellow hopste in seinem ganzem Leben zusammen genommen höchstens 5 Zentimeter. Dafür war er ein begnadeter Tunnelgräber. Tunnelgraben ist leider keine olympische Disziplin.

 

Longfellow. Dackel. Montag.

Mit vier konnte Longfellow seinen Namen tanzen, mit fünf eine Begrüßung auf Suaheli wuffen, und mit sechs war er der jüngste Dackel, der jemals in Oxford ein Philosophiestudium begann. Longfellow galt als Wunderdackel.

Im Moment lag Longfellow auf dem Rücken und spielte tote Katze in Kairo, ein Trick, der ihm schon aus brenzligeren Situationen herausgeholfen hatte. Heute, wie jeden Montag, war nämlich Waschtag. Als tote Katze in Kairo verhält man sich wie ein langhaariges braunes Kissen auf einem langhaarigen braunen Sofa. Bewegungslose Rückenlage, Kopf durchgestreckt nach oben hinten und aus der Schnauze hängt diese Katzentod imitierende Dackelzunge. Longfellow verwendete den Trick seit einer Reise nach Kairo im Jahre 1974. In dem Jahr hatte ihn seine zweite Frau verlassen (eine arrogante Pudelzicke namens Melinda). Alkohol und tote Katze hatten ihm seinerzeit über den Verlust hinweg geholfen.

Gestern hatte Longfellow übrigens vor einem raubeinigen Schäferhund seinen Namen getanzt, ohne das weiter etwas passiert war. Schäferhund sein ist auch nicht leicht.

Das alles hatte natürlich keinerlei Einfluss auf die Ereignisse des heutigen Tages. Montags war und blieb der Langhaardackelwaschtag.

Longfellow. Dackel.

Der graumelierte Langhaardackel Longfellow, ein Name, den ihm einer seiner englischen Ahnen vererbt hatte, war ein Abenteurer, ein verrückter Hund. Sein Name bedeutete soviel wie „lange Folgender“, glaubte zumindest Longfellow, der, auf der Suche nach Abenteuern, jeder heiklen Situation entgegenstürmte und sich nicht scheute, mit seinem Dackelblick auch gegen Windmühlen zu kämpfen.

In seinem langen Dackelleben hatte Longfellow so berühmten Menschen wie Mao Zedong ans Bein gepinkelt (der hieß damals noch Mao Tse Tung und roch sehr stark, da er niemals duschte). Er hatte Robert Redford bei einem Besuch in Hollywood in den kleinen Finger gebissen (seitdem Duzten sie sich). Und er hatte neben Margaret Thatcher gestanden (oder vielmehr unter ihr), als sie wieder einmal einen Bergarbeiterstreik niederknüppeln ließ. Longfellow diente Hemingway als Vorlage für den Dackel in „Der alte Mann und das Meer“ (obwohl da gar kein Dackel mitspielte). Und Longfellow war der erste Dackel auf dem Mond, halbschwer im Dackelanzug, mit fliegenden Ohren im Mondesstaub…

Longfellow hatte mittlerweile das für einen Langhaardackel unglaubliche Alter von „sehr alt“ erreicht. Er atmete meist hörbar ein und aus, seine Ohren hingen, seine Augen tropften. Und doch wartete das Abenteuer an der nächsten Ecke…

Es macht übrigens keinen Unterschied, ob man ein Dackel ist, wie einer aussieht oder wie ein Dackel beschrieben wird. Ein Mensch, zumal jemand mit langem graumeliertem Haar, welches in duftigen Wellen über seinen Kopf flattert (im Wind selbstverständlich, nur im Wind, sonst nicht), solch ein Mensch kann sehr wohl gucken wie ein Dackel. Oder so denken und sein wie ein Dackel.