Sommerfrische.

Am Ende wird mir ja doch jeder zustimmen, wenn ich sage, wie es ist, also fange ich besser gleich an: Wenn man oben am Rand steht und guckt und sieht die Luft vor sich, die nicht nur flimmert, die in Hitzewellen den Pommesduftschwaden der Frittenbude hinterher wabert, am Geschmack von Sonnenmilch entlang, auf der Suche nach Schatten, zwischen den schlafenden Vätern neben ihren schnatternden Müttern, vorbei an den sandbuddelnden, wassergießenden Kindern, den aufgeblasenen Schwimmflügeln, den rotweißen Schwimmringen und gelben Schwimmwassersonstwasenten, den davontreibenden Gummibooten, beobachtet von den müden Strandvolleyballerjungs, den Frisbeespielern, den lauen Badenden, den am Wasserrand rauf und runter wandernden Strandbernsteinsammlern, die immer was finden in den rostbraun vertrockneten Schlickbergen, den Dorschanglern an der Mole und den Krebskescherkindern, den ganz ganz ganz weit raus schwimmenden Angebern, den körperigen Rettungsschwimmern und -schwimmerinninnen, den gar nicht schwimmenden Fußwasserplatschern (huch was ist das kalt), den das Wasser meidenden Omas mit ihrer omafaltigen Omahaut im hellen Sonnenlicht (jede Falte ein Schatten), den immer frischen, pfeilschnell durchs Wasser gleitenden Freistilopas mit und ohne Bauch, den dicken Onkels mit oben ohne und den dicken Tanten im Overall, den Kusinen und Kosengs am Familienstrandbadenachmittag um vierzehnuhrfünfundreißig, der heißesten Zeit dieses Sommers, der wolkenlosesten, der windlosesten Zeit des Tages mit den schnappatmenden Fischen und der vollkommen beruhigten See, den weit draußen unhörbar kreischend Bananenboot fahrenden Jugendhelden, dem Strandsand, heiß wie geschmolzenes Glas, den Sonnenbrandgesichtern, der eiskalten Cola und den frischen Pommes mit Mayo vom Imbiss, den Blick zum Horizont gerichtet, wo in dunstiger Ferne Himmel und Ostsee einander Hallöchen sagen, dem vollkommenen Augenblick absolut unvergesslich glücksbehafteter Sommersonnenhitze. Das ist so warm. Das ist so einmalig hitzeprickelnd. Das ist der Sommer.

Das ist doch so. Das stimmt doch. Da wollte ich nur mal dran erinnern.

16 Momente der Schwerelosigkeit.

An einem dieser unsinnigen Montagmorgen bin ich enttäuscht und schwerelos von der Badezimmerwaage gefallen. Ich war schwerelos, als ich feststellte, dass ich nicht Superman bin (und auch nicht Catwoman). Und als ich feststellte, dass ich eigentlich vom Mars komme und dort als Fructoman die Gesellschaft vor Eintagsfliegen beschütze, war ich auch schwerelos. Als ich Roger war, der Mann ohne Gelenke, und mich im Kleinkunstverein Buxtehude durch einen Tennisschläger quetschte, war ich schwerelos. Als ich mich schwarz anmalte weil Obama Präsident geworden war, da auch. Als ich es einmal geschafft hatte in der S-Bahn von der Sternschanze bis zum Dammtor durchgehend geräuschlos zu pupsen, da war ich schwerelos. Als ich behauptete, ich sei eine Miesmuschel und alle unbedingt mein Mies sehen wollten. Als ich einer Gruppe nach Karottenpüree riechender Kikakinder erklärte, was die Welt wirklich über Karottenpüree denkt. Als ich eines Morgens als rotgesichtiger Hulk aufwachte und der Arzt meinte, das sei keine Grippe. Als ich ihm die Meinung sagte. Als ich mich in einer meditativen Phase in die Denkstrukturen eines trockenen Stücks Brot versetzte und da nicht wieder herausfand. Als ich feststellte, dass alle lügen. Als ich feststellte, dass ich wie die anderen bin. Als die anderen das auch feststellten. Als die Welt so war wie sie ist. Da war ich schwerelos.

Und als Neil Armstrong als erster Mensch den Mond behüpfte, da hüpfte ich mit ihm.

Ideen?

Vielen Dank, dass Sie heute bei uns vorbeischauen, Rupert?
John, nennen Sie mich John.
Also, John.
Äh, lieber George. Nennen Sie mich lieber George.
Ok, George. Sie schreiben. Woher kommen Ihre Ideen? Unsere Zuhörer möchten wissen…
Gisbert. Nennen Sie mich Gisbert, und wir kommen miteinander klar.
Gisbert. Wir sprechen gerade von Ihrem Einfallsreichtum.
Randolf wäre auch nicht schlecht.
Gut, Randolf. Ihre Bücher quellen ja geradezu über vor Ideen.
Quollen.
Quollen? Was ist das jetzt für ein Name?
Mein letzter Roman wurde vor sieben Jahren veröffentlicht. Der quoll über vor Ideen.
Sie lieben es ja, Ihre Leser in die Irre zu führen. Was erwartet uns denn in Ihrem neuesten Buch?
Ich schreibe Romane, keine Bücher. Im Übrigen ziehe ich Albert vor.
Albert, von mir aus. Albert, zurück zu Ihren Ideen.
Ja, die. Ich denke nach, denke nach und dann sind sie plötzlich da.
Das ist jetzt überraschend.
Nicht wahr?
Vielen Dank, Albert, für dieses interessante Gespräch hier bei uns im Sender.
Deirdre. Wie finden Sie denn Deirdre?
Auch nicht schlecht, Deirdre. Bis bald.

Ich glaube, ich bräuchte

Ich glaube, ich bräuchte mehrere von mir. Zum Beispiel einen, der mich daran erinnert, was ich gestern gegessen habe, wenn mich der Schluckauf überfällt. Oder einen, der morgens für mich aufsteht, die Zähne putzt, die Zeitung holt, und mir das gemachte Frühstück ans Bett bringt, wenn ich dann alles geklärt habe, was ich morgens so zu klären habe. Und einen, der für mich abnimmt. Und einen, der mich beim Laufen überholt, stehenbleibt, auf mich wartet und den Rest mit mir zusammen läuft. Und einen, der für mich stolpert oder sich den Kopf an einer Regalbrettecke stößt. Einen, der für mich in Hundescheiße tritt und einen, der der Bananenschale ausweicht. Und einen, der sich für mich die Nachrichten anguckt, einen, der die Werbung ausblendet, einen der für mich hustet, wenn es im Kino richtig spannend wird, einen, dessen Handy klingelt, wenn im Theater gerade jemand ‚Psst‘ macht, und einen, der sich das alles ausdenkt.
Ich glaube, ich bräuchte auch jemanden, der für mich streitet, der sich ärgert, der sich missmutig äußert, dann muss ich das nicht machen. Ich versöhne mich, freue mich und rede mit Blumen, Wolken und Puppenspielern über dies und das. Ich gucke aus dem Fenster den Flugzeugen hinterher und pflücke mir das Gute vom Leben. Ich glaube, das mach ich.

Außerhalb der Stadt

Außerhalb der Stadt riecht es nach Birnen, Bohnen und Speck, und die Mädchen tragen kurze Röcke im Sommer mit Fransen am Rand und oben und unten dran, und die Jungens springen mit den Füßen voran in den See, und die Mütter kochen immer Kaffee oder lassen den morgens gekochten Kaffee so lange durchheizen, bis er abends nur noch in kleinen Stücken zu trinken ist und einem das Herz zum Pumpen bringt, und die Männer arbeiten im Spätsommer nach der Arbeit noch auf den Feldern und fahren die Ernte ein, außerhalb der Stadt, da machen die Männer nichts anderes, als tagsüber in der Stadt zu arbeiten und abends die Ernte einzufahren, sie springen nicht den ganzen Tag mit den Füßen voran vom Steg in den See oder pinseln Zäune an oder tauschen tote durchgetrocknete Ratten gegen buntfarbige wertlose Murmeln, außerhalb der Stadt, da riecht es nach Birnen, weil da überall Birnen wachsen, ob man das nun will oder nicht, und Bohnen, die riechen, wie Bohnen eben riechen, wenn man mal eine durchgebrochen hat, da weiß man, wie eine Bohne riecht, so ähnlich wie frisch gemähter Rasen, und Speck gibt es, weil er so gut zu den Bohnen und den Birnen passt und schmeckt und so, außerhalb der Stadt.
So ist das da?
Ja, so ist das da.
Nee, echt?
Ja, doch. Wenn ich das sage.
Woher weißt du das denn?
Das weiß doch jeder, dass die da draußen irgendwie anders sind als hier.
Und das mit dem Kaffee stimmt auch?
Sag ich doch.
Hast du gesagt.
Hab ich gesagt.
Dann will ich da jetzt hin.

Mehr Mühe

Es macht natürlich noch mehr Mühe sich vorzustellen, was die Leute vor, während und nach meiner Predigt in der S-Bahn so denken. Der Mann links neben mir, wir sitzen in Fahrtrichtung, denkt sicherlich nichts, zumindest nichts reales. Er schläft und sägt am S-Bahnast auf dem wir alle sitzen. Mir gegenüber sitzt Mimmi Muck, wenn Gesichtsausdrücke Namen bekämen, hieße ihrer Mimmi Muck, ansonsten hat sie rechts am Knie ein Loch in der Strumpfhose, von dem sie noch nichts weiß. Mimmi liest einen Groschenroman. Sie hieß Jutta, hatte lange braune Haare und ein Gemüt wie ein Pferd. Mimmi stutzt, sie hatte gedacht, Jutta sei das Pferd und nicht die Frau ihres Lieblingsarztes. Mimmi guckt fragend in die Runde und liest weiter. Als sie nochmals hochguckt, treffen sich unsere Blicke, ich lenke ihren zu ihrem rechten Knie und zucke unschuldig mit den Achseln. Dieser Tag wird für Mimmi die Hölle im Büro, sie weiß es, ich weiß es und der schnarchende Nachbar neben mir grunzt wie ein Hängebauchschwein.

Vorne rechts an der Tür steht dieser sehr nachdenklich aussehende Mensch in den etwas abgerissenen Klamotten. Er zählt für sich im Stillen die fünfzig Möglichkeiten, auf einer Bananenschale so auszurutschen, dass die Versicherung auf jeden Fall zahlt. Methode 23: Seitlich mit dem Ballen des rechten Fußes auf dem hinteren Ende der Bananenschale aufkommen und nach links weggleiten. Methode 24: Mit geschlossenen Augen vorwärtstappen, Banane finden und erschrocken vor ein Auto springen. Methode 25: Auf der gerade entdeckten Bananenschale Stepptanzen und verhaftet werden. Methode 26: Mit der Fußspitze versuchen, die Bananenschale vom Bürgersteig zu schubsen, dabei mit dem großen Zeh an einer Gehwegplatte hängenbleiben. Der Mann arbeitet meiner Meinung nach bei einem großen Versicherungsunternehmen als Versicherungsmathematiker und erstellt freudig erregt Bananenunfallstatistiken.

Francois (eigentlich Kevin), der junge Mann am Fenster, Francois sitzt immer am Fenster, Kunststudent, zur Zeit im letzten Semester von sehr sehr vielen vorhergegangenen Semestern, arbeitet gerade gedanklich an einem Portrait, dass ihn von hinten zeigt, wie er von jemandem hinter ihm beobachtet wird, der beobachtet, wie er, Francois (eigentlich Kevin), ein Bild von sich betrachtet. Und jetzt kommt’s: Francois malt das Bild, wie gesagt in Gedanken, in der Realität ist das ja gar nicht möglich, aus seiner eigenen Sicht in diesem Bild, also so, wie er das Bild von sich in seinem Bild gerade betrachtet, ohne zu wissen, dass er dabei heimlich beobachtet wird. Bei dem Gedanken, dass er etwas malen will, von dem er nicht weiß, dass es da ist, in der Metaebene aber doch weiß, dass es da ist, kommt er, Francois (eigentlich Kevin), auf den Gedanken, dass das dann ja so ist, als würde man mit sich selbst Schach spielen, sich die Züge aber nicht verraten wollen. Dass bringt Kevin bei seiner morgendlichen S-Bahnfahrt so durcheinander, dass er das Bild dann lieber doch nicht malt und auch niemandem davon erzählt.

Von der Mühe

Von der Mühe, die ich mir mache, wenn ich mit der S-Bahn fahre, haben Sie ja keine Ahnung. Ich grüße nach Betreten des Wagens die Mitreisenden rechts und links mit einem freundlichen Hallo allerseits, wie geht’s denn so, alles in Ordnung?, und nicke den weiter hinten Stehenden zu, wissend, dass wir jetzt alle zur Arbeit müssen, wissend, dass Gemeinsames verbindet. Nicht, dass jetzt meine Mitreisenden in Begeisterungsstürme ausbrechen und sich lachend um den Hals fallen, nein, das jetzt nicht, auch lassen die Gesichter nicht den Funken von Wiedersehensfreude erkennen, ach Hallo Herr …, wie ist es Ihnen seit gestern ergangen, haben Sie Dringliches erledigt und den Abend genossen, war das nicht ein schöner Sonnenuntergang? Nein, so ist das nicht bei den Fahrten, die ich bisher unternommen habe, die letzte Fahrt gerade erst gestern, die davor war im letzten Jahr. Und doch, ich muss es zugeben, wenn ich in die S-Bahn steige, mache ich immer noch die Tür hinter mir zu, sicher, das machen nur Leute vom Land, das erste Mal in der großen Stadt, aber trotzdem, wenn ich in die S-Bahn steige, breite ich mich mit meiner ganzen Persönlichkeit aus, stelle mich den Gegebenheiten und erzähle ab und an auch einen lauten Witz: Was dichtet der herbstliche Waldläufer nach einer Stunde lächelnden Waldlaufs? Spinnenweben, die an meinen Zähnen kleben. Natürlich ist dies nicht ein Gedicht der Premiumklasse, doch selbst die kleinste Reimzeile kann, wenn richtig vorgetragen, der Erheiterung der Umwelt dienen. Gut, mag nun mancher sagen, eine S-Bahnfahrt von siebenminutendreißig ist jetzt nicht der Ort für Witze oder lange Lebensbeichten, doch wenn ich dann anhebe zu Singen, ja: zu Singen!, und zwar nicht irgendetwas, nein, die Götterfunken müssens schon sein morgens um sechsuhrzwanzig, dann ist plötzlich Aufmerksamkeit gesichert, meine Herrn, kann ich Ihnen sagen, da geht ein Ruck durch die Menge, ein Raunen hebt an und ab und zu, aber wirklich nur so ganz nebenbei, mehr aus Versehen, springt dann auch der ein oder andere Euro dabei heraus, mehr geworfen oder gezielt geschleudert zwar, direkt an den Hinterkopf und schmerzhaft, sehr schmerzhaft, aber Geld stinkt nicht, wie man so schön sagt. Gut, das mag jetzt nicht ganz passen, aber wenn ich daraufhin aus meiner Familiengeschichte vortrage und dass die Welt früher einmal anders war und dass wir einen Papst haben und einen Kaiser hatten und Gott nicht tot ist, wenn ich auf die Defizite in unserer Gesellschaft eingehe und für Moral und Gerechtigkeit und gegen Körpergeruch predige, wenn ich die Behauptung aufstelle, dass S-Bahnfahren das Hirn schädigt und Musik hören auch und Schweigen in der S-Bahn und unfreundliches Gucken und Murren und Jammern und Schimpfen, dann hab ich meine Mitreisenden fast soweit, dass sie ohne Zögern einen gemeinschaftlichen Totschlag begehen würden, spontan, unvorhergesehen, heimlich und unaufgeregt. Glücklicherweise hat jede Fahrt auch ihr Ende, sag ich mal, denn wer wollte mit solch einer Schuld leben, einem Totschlag wegen penetranter Nötigung, jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Nein, nein, meine Herrn. Da gehe ich doch lieber in mich, halte den Mund und denk mir meinen Teil.

Herbsteszeit

Abends war der Tag wie immer: Die Sonne ging unter, ich nahm noch einen Schluck Wasser und schlief in einer Art Ohnmachtsanfall sofort ein. Kurz darauf ging es dann los mit dem Traum. Wie schon Eingangs erwähnt, fühle ich mich im Herbst immer wie eines dieser Blätter, die gelblich-braun ihr Leben hingeben, wie jetzt, das hatte ich noch nicht erwähnt? Da kann man mal sehen, wo ich mit meinen Gedanken bin, jedenfalls, auch wenn ich es noch nicht erwähnt hatte, wie jetzt, das mit dem Blatt und dem gelblich-braun hatte ich doch schon erwähnt? Ja gut, gerade eben, ok, wenn man das so sieht dann ja, ich also auf dem Boden liegend vor diesem Baum, ich als Blatt natürlich, wie jetzt, natürlich ist das in diesem Traum von dem ich gerade erzähle, oder sehe ich aus wie ein Blatt? Sieht irgendetwas an mir aus wie ein Blatt? Ok, die gelbliche Haut unter den Augenringen mag den einen oder anderen an ein Blatt erinnern, aber sehe ich aus wie ein Blatt? Nein, also kann ich jetzt fortfahren? Ich also in diesem Blätterhaufen unter dem Baum, natürlich waren da auch andere Blätter, klar oder? Es ist Herbst, H-E-R-B-S-T, und ob da auch Igel waren? Wo jetzt? Und wieso überhaupt Igel? Ich bin da dieses Blatt im lauen Herbstmorgensonnenaufgang und dämmere langsam versiechend vor mich hin, mein kurzes Blätterleben zieht wie ein Film vor mir vorbei, in Schwarzweiß oder Farbe? Meine Güte: Farbe! Ja, in diversen Grüntönen zieht da also mein bisheriges, auf Monate beschränktes Dasein an mir vorüber und Sie fragen mich nach Igeln? Gut, wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Rechts neben dem Plätzchen, das ich mir im Traum als Blatt als Landepunkt meines Herabfallens ausgesucht hatte, steckte im Laubhaufen ein Igel. Kann ich jetzt? Wie Männchen oder Weibchen? Woher soll ich das denn wissen? Können Sie einen männlichen von einem weiblichen Igel unterscheiden? Im Traum? Hah! Wenn Sie ihn umdrehen? Warum sollte ich als im Herbstwind segelndes Blatt einen Igel umdrehen? Ich scheiß auf Ihren Igel, Igel interessieren mich nicht. Darf ich jetzt? Also beruhigen wir uns wieder, wo war ich, ach ja, ich liege da also als gelblich-verblichenes Blatt unter dem Baum, da kommt Gott vorbei in Gestalt eines Grüne-Latzhose-Trägers mit Gebläse und Kopfhörer, Gott trägt keine Kopfhörer? Woher wollen Sie das denn wissen? In meinem Traum trug er, wie jetzt Ohrschutz? Sie meinen, dass was er da trägt war kein Kopfhörer? Wieso auch? Wieso sollte Gott beim Laubblasen Kopfhörer tragen? Das weiß ich doch nicht, ich bin ja nicht Gott, ich bin dieses Blatt zu seinen Füßen, Gummistiefel? Jawohl, Gott trägt Gummistiefel bei der Arbeit, darf ich jetzt? Also, jetzt kommt’s, er, wer? Er natürlich, Gott in Gestalt eines Landschaftsgärtnerfachgehilfen, meine Güte, er will gerade sein Gebläse voll auf mich draufhalten, gut vielleicht war es auch ein Laubsauger, aber das spielt hier überhaupt keine Rolle, ja, wenn Sie meinen, dann spielt es doch eine, wie dem auch sei, er hält genau auf mich zu, pustend oder saugend ist mir da in meinem Traum total egal, die Igel? Was die Igel gemacht haben? Dazu äußere ich mich nicht. Er hält also auf mich drauf und genau da geht diese Maschine übern Jordan, wieso übern Jordan? Das sagt man doch so, sie geht also genau in dem Moment kaputt, Maschinen gehen nicht übern Jordan? Keine Ahnung, wie sie da rüber kommen, fliegen? Vielleicht schmeißt jemand kaputte Maschinen einfach über den Jordan auf die andere Seite nur um die dort drüben zu ärgern, was weiß ich denn, mir jedenfalls als Blatt, als dämlich-gelbes, ist in meinem Traum nichts passiert, das ist doch ein gutes Zeichen oder was sagen Sie, da kann man sich doch richtig freuen morgens beim Aufstehen? Da kann einem so ein regengetränkter grau-nebliger Herbsttag wie heute überhaupt nichts, da steh ich dann doch voll drüber. Ob ich noch etwas von den Igeln gehört habe? Nein, nicht dass ich wüsste, vielleicht auch übern Jordan? Was weiß ich denn?

Unerfüllte Erwartungen

Als Gregor Samsa an diesem einen, ihm bestimmten Morgen aufwachte, hatte er gewisse Erwartungen an den neuen Tag. Sein Pech, dass er, als Bestandteil einer Geschichte Franz Kafkas, auf dem Rücken liegend die Augen öffnen musste. Nichts an diesem und allen anderen Tagen wurde so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er blieb den Rest seines Lebens ein Käfer.

Harry Houdini, der weltbekannte und sehr kurze (um die 150 cm) Entfesselungskünstler, hatte geplant, seinen Lebensabend als Rentier in Florida, genauer gesagt in Key West, mit einer riesigen Ansammlung Mai Tais, Kaluhas und ein paar netten Pokerpartien zu verbringen. Er starb nach einem Faustschlag in den Magen an einer Appendizitis mit anschließender Bauchfellentzündung im Alter von nur 52 Jahren.

Paris, Silvesterabend 1970. Der Exilperuaner Ramon Ramon Jaime Mueller entscheidet sich spontan, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er plant einen unerlaubten, tödlichen Sprung vom Eiffelturm. Als er dort ankommt, darf er sich in eine Schlange von einem halben Kilometer Länge einreihen. Am frühen Morgen des ersten Januar 1971, nachdem er Achtstundenundfünfundvierzigminuten angestanden hatte und endlich in den Fahrstuhl nach oben (ins Glück, in den Tod) steigen durfte, war er so entnervt vom langen Warten, dass er unverrichteter Dinge (und lebend) wieder nach Hause marschierte. Er starb (seltsamerweise) im Alter von 98 Jahren in Key West während einer Pokerpartie. Das hatte er nicht erwartet.

Der älteste bekannte Indianer der Welt (Lord Conroy Darbow Earthmyst III., genannt „der fliegende Pinguin“) starb mit 114 Jahren rückwärts auf einem Pony durch einen Wald reitend, weil er mit seinem Kopf an einen niedrighängenden Ast andengelte. Seine letzten Worte: „Verfluchte Sch$%§$!“ – tatsächlich hatte er sich seinen Tod etwas heroischer vorgestellt.

Der Sachbearbeiter Horst P. der AOK Nord, zuständig für die Inseln Pelworm, Poel, Borkum und Norderney litt Zeit seines Lebens an einem kleinen Sprachfehler. Er sagte immer Bellworm, Böll, Porkum und Morderney. Deswegen, so meinte er, wurde er bis zu seiner Rente im Jahre 1989 nie befördert. Recht hat er gehabt. Die Welt ist unfair, hinterlistig und gemein.

Der dramatische dänische Schauspieler Rumgard Rasmussen spielte nie den Hamlet im berühmten ‚Det kongelige Teater‘ in Kopenhagen – auch wenn er sich das so sehr gewünscht hatte. Stattdessen wurde er an der deutsch-dänischen Grenze bei Padborg berühmt als der ‚Poelsemann‘ (erste Tankstelle rechts, dann links hinten auf dem Parkplatz). Risted Hotdog med det hele en roede poelser. Roede groede med floede. Tak for det.

Ich habe gestern Lotto gespielt. Keine Zahl richtig, auch nicht die Zusatzzahl. Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Über Langeweile

Langeweile ist das, was die Ägypter hatten, als sie auf die Idee kamen, die Pyramiden zu bauen. Langeweile hatte derjenige, der die Wüste erfunden hat. Langweile ist das, was man empfindet, wenn man mit Drei-Tage-Grippefieber im Bett liegen muss. Tot sein ist zum stinken langweilig, ebenso herbstliche Blätter zusammen harken, Treppen fegen und Bücher über Statistik lesen. Langeweile ist auch eine Frage des Standpunkts. Wäre ich zum Beispiel der  Chefstatistiker des statistischen Bundesamtes für Statistik und statistische Berechnungen, gehört, statistisch gesehen, Langeweile zum Arbeitsalltag und ist somit nicht langweilig. Bin ich tot, weiß ich nicht mehr, was Langeweile ist und als Harke wäre es für mich das Größte zu harken. Als Wüstengecko würde ich dem Erfinder der Sanddüne die Füße küssen und als Chefägypter fände ich eine Pyramide einfach total cool. Uncool und bis zum Abwinken langweilig ist: Waschmittelfernsehwerbung, Bierwerbung, Kinder-Bueno-Werbung, Werbung für jegliche Art von Autos, sonstige Süßigkeiten und Outdoor-Kleidung.

Und hier ein Statement zur Kurzweiligkeit: Die Beatles sind nicht nur ok, sie sind die ok-sten überhaupt. Ich sag nur: All you need is love. Das ist nicht langweilig, war nie langweilig und wird niemals langweilig werden. Wenn jemand morgens aufwacht und ihm ein fröhliches Love love love über die Lippen kommt, dann geht an diesem Tag alles. Alles gelingt, alles ist richtig und fühlt sich gut an. Nichts an diesem Tag wird langweilig sein, Happyness all over the world. Das Leben ist ein Ponyhof und der Urlaub ist zu Ende.