Kategorie-Archiv: Lokalkolorit

Käse essen.

In einem wohlsortierten Kaufmannsladen erstand ich ein Stück Käse der riechenden Sorte, genauer gesagt: Alten “Alter Mommark”. Der riecht schon von Geburt an. Dieses Stück Käse versuchte ich zu essen.

Bei meinem Kaufmannsladen wird Käse grundsätzlich so in Folie gepackt, dass dort, wo man die Folie einfach aufwickeln könnte, ein unglaublich überflüssiger, riesiger, sich nicht ablösender Aufkleber pappt, der sich nicht ablösen lässt. Auf dem Aufkleber steht (wahrscheinlich) in ganz, ganz kleiner Schrift: “Dieser Aufkleber lässt sich nicht ablösen, bitte puhlen Sie den Käse an irgendeiner anderen Stelle auf.”

Ich konnte aufgrund einer bei Käseaufklebern häufig vorkommenden Sehschwäche das Kleingedruckte nicht entziffern, tat dann aber intuitiv das, was alle machen, die mit altem “Alter Mommark” in Folie mit Aufkleber zu tun haben: Ich puhlte am Aufkleber rum, riss, zerrte, zupfte, nuckelte, zapfte, zuckte und rammte schließlich eine Gabel in eine zufällig ausgewählte andere Stelle des Käsestückchens, wobei die Folie wie selbstverständlich aufplatzte. Kleine, übelriechende Endprodukte eines Jahrhunderte alten Reifeprozesses rieselten heraus auf Tisch, Fußboden und T-Shirt. Ich wischte mit der Hand nach. Das hätte in diesem Moment jeder getan. T-Shirt, Tisch, Fußboden und meine Hand rochen wie abgestorben.

Mit Gabel, Messer, den artistischen Fähigkeiten eines Käsesommeliers und ohne die Finger zu gebrauchen, gelang es mir, zwei Scheiben Käse so auf einem Graubrot zu platzieren, dass es mir das sichere Gefühl gab: Alles wird gut, das kannst du jetzt essen. Ich aß, es bröselte, die Scheiben kippelten, ich riss den Mund auf, hob das Brot in die Höhe, schob den Mund darunter und wartete. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Der alte “Alter Mommark” begleitete mich dann noch drei Tage durch mein ereignisloses Leben, er, ich und mein Magen hatten eine Art Pakt geschlossen: Wir werden niemals auseinander gehn.

Alter “Alter Mommark” riecht übrigens so wie die Ostsee, wenn sie nach einem langen Sommer ohne Sauerstoff umkippt, und vor einem, wenn man gerade mal ein bisschen herumschwimmt, tote Fische vorbeiwuppern und am Ufer andocken bei den feuchten, seit Wochen am Strand liegenden, rotkotfarbenen Algenbergen, in die eintausend Hunde ihr Geschäft gemacht haben, nachdem sie von den beim Essen heruntergebröselten Randstücken des alten “Alter Mommark” probiert haben. Das sollte mal auf einem der Aufkleber stehen.

Schietwetter.

Der Hamburger an sich, jedenfalls der Hamburger, der immer im Fernsehen zum Wetter interviewt wird, meint ja, dass das Hamburger Wetter gar nicht so schlimm ist, wie immer gesagt wird, und außerdem gibt es gar kein schlechtes Wetter sondern nur die falsche Kleidung. Ich erhebe da jetzt mal energischen Einspruch und behaupte, äh, das Gegenteil. In beiden Fällen. Das Wetter ist hier immer schlechter als wo anders und die richtige Kleidung für sintflutartige Regenfälle inklusive Hagel, Blitz, Donnergrollen und Sturmgebraus habe ich auch noch nicht gefunden. Ich will sie auch nicht finden. Ich will diese Kleidung nicht mal testen. Ich will überhaupt nichts vom Wetter. Es soll einfach nur ganz normal sein, so wie du und ich, und nicht so wie dieser Fernsehhamburger, der womöglich nicht mal von hier ist. Im Grunde sind es ja immer zwei Fernsehinterviewfragenbeantworter, nämlich ein patentgekleidetes, patentgefaltetes Ehepäärchen um die oder Mitte nahe bei fünfzig, schon immer kinderlos oder seit kurzem, seit dem die Kinder das Haus verlassen haben, das freudig durch die Stadt stampft auf der Suche nach dem mittleren-Alter-Abenteuer im Hamburg Dungeon oder Miniaturparadies oder beim Hafengeburtstag oder Alstervergnügen oder so. Auf jeden Fall immer bei schlechtem Wetter. Moment!, sagt er da in die Kamera und sie nickt dazu, letztes oder vorletztes Mal beim Hafengeburtstag war die Alster gar nicht zugefroren, geht auch nicht, sagt sie, weil der Hafengeburtstag immer im Sommer ist, und geregnet hat es nur zwischen den Regenpausen echt fiese doll, da kann man mit den richtigen Klamotten schon ganz schön was reißen, mit einer ordentlichen Regenjacke ist man da nämlich ganz weit vorne, sagt er und nickt und sie nickt auch und beide strahlen lächelnd in Kamera. Im Regen. Während im Hintergrund ein kleiner Orkan, ein ganz winziger, ein paar Häusern in Harburg die Dächer absäbelt.

Ich glaube ja, diese beiden gefragten Hamburger sind immer dieselben, von der Stadt angestellt, um im Fernsehen ein bisschen gute Laune zu verbreiten. So zum Spaß. Im Regen.

Bilderrausch

Ich eile durch die morgendliche Ödnis Altona-Nords in meinem Superman-Kostüm zur S-Bahn am Holstenplatz. Meine kurzborstigen Haare wehen im Wind. Sie sind zu einem Zopf geflochten.

Auf dem Weg treffe ich am Kiosk den betrunkenen Feuersalamander. Er zeichnet mit dem Schwanz ein Zorro-Zett in die Luft und rülpst dabei die mexikanische Nationalhymne. Rückwärts.

Eine einsam dahingleitende Waldame zieht an mir vorbei. Sie nennt sich Graceland, so wie die Villa von Michael Jackson. Sie kann auch so tanzen wie er. Aber nicht so singen. Sie trägt Jeansrock und dicke Beine mit grüner Strumpfhose.

Vor mir steht das zerzauste Schlachtross Wanda. Wanda ist am Hartz IV-Satz irre geworden. Ab Mitte des Monats läuft sie durchs Viertel und fordert anklagend milde Gaben. Wanda riecht nach Aufstand und einer undefinierbar dreckigen, nie gewaschenen Unterhose.

Im Mondschein kehre ich von der Arbeit zurück. Der arbeitslose Wolf springt mich an und droht mir mit Sozialneid. Ich wechsle mein Rotkäppchen-Kostüm gegen das des Elefanten und tröte ihm eins.

Im vierten Stock angekommen, höre ich Brian Wilsons Good Vibrations. Die Welt ist soweit in Ordnung.

Hamburg. Schlump.

Schlump ist die U-Bahn-Station am, äh, Schlump. Oh, du mein Schlump. Jemand, der dort einsteigt, geht nicht in die Hölle, sondern in den Schlump. Wem dort schlecht ist, dem wird schlumpig. Wer mal müssen müsste, muss woanders Schlumpen. Wer im Imbiss an der Ecke Pommes Mayo bestellt, bekommt Schlumpe. Schlump ist die Warze auf der Nase Hamburgs. Schlump ist der Wurmfortsatz Eimsbüttels und Eimsbüttel ist ja sowieso, allein schon wegen des Namens. Willst du nach Eimsbüttel, nimmst du am besten die U3 zum Schlump. Was ist ein Schlump? Und was ist ein Büttel? Ein Eims?

Neulich gingen ein kleiner und ein großer Schlump zum Schlump. Plötzlich entdeckte der kleine Schlump inmitten dieser Ansammlung von Teer, Beton, Gehwegplatten und Füßen eine Blume. Oh, eine Schlumpe, sagte der kleine Schlump, und freute sich ein Loch ab. Das ist eine Blume, antwortete der große Schlump sehr sachlich. Blume? Eine Blume? Was ist eine Blume? Das ist eine Schlumpe! Ok, das ist eine Schlumpe.

“Ich lass mich nicht schlumpen” bedeutet nichts weiter, da es das Wort “schlumpen” gar nicht gibt.

Schlump ist neben Bottrop meine Lieblingsortsbezeichnung. Wohnte ich nicht hier, wo ich wohne, wohnte ich am Schlump.

Die Alsta, Alta!

In die S-Bahn an der Holstenstraße Richtung Innenstadt, vorher vorbei am Jahrestreffen der wilden Anonymen am Trinkertreff, raus aus Altona Nord, hinein in die Ruhelosigkeit der Sternschanze,  Versprechen ewiger Messehallenglückseligkeit, krawalliger Mai-Demos und lebendiger Altbausanierung. (Was für ein Satz, das musst du erst mal bringen, Alter, echt.)

Ran an den Speck am Dammtorbahnhof, dieser andauernden Brückenbaustelle, schrägstaubende Sonnenstrahlen durch die Bahnhofshaube, vorbei am Uzzi-Kino oder Fuzzi oder so, zu diesem überwältigenden Anblick der sich in der Alster spiegelnden Innenstadthäuserreihen, altgraubacken mit kichererbsengrünen Dächern, wunderwunderwunderbar links das Hapag Lloyd Gebäude, und dahinter das Rathausmonstergroßehaus und dahinter die Kirchen von Sankt und Johannis und die Kreuzkümmelkirche oder so, die im Krieg zerstörte, dieses langsam zerbröckelnde Kriegskreuzworträtsel: Warum ham se die denn stehen lassen?

Und dann, nicht mehr sichtbar, der Hafen mit der Hafencity, dieser reihenweise angehäufelten Masse quadratischer Klopse mit Fenstern und Hochwasserschutztoren und einem supersozialen Wohnungsbauhausklöpschen, bekrönt von der Dingenskirchen-Opern-Ballett-Halle mit den handgepusteten Fensterchen, teurer als ein Latte Macchiato oder zwei, aber billiger als jeder Ferrari, im einzelnen betrachtet, meine ich, also pro Fenster gesehen ist die Elbphilharmonie weitaus billiger als zum Beispiel ein Einfamilienhaus.

Und zurück zur Binnenalster, du im Morgenlicht glänzende, du Edelstein, du Tropenaquarium unter den Stadttümpeln der Welt, du wunderbarstes Stück Hamburg. Alles klar bei dir? Ich seh dich.

Ey Alta, guck ma! Is das die Alsta Alta oder was jetz? Echt trocken, das Teil.
Das ist die, äh, Alster, nee ehrlich.
Ey super, ey. Guck ma Günni, die Alsta.

Ich muss dann mal aussteigen, glaube ich, sofort.

Nogger. Sommer.

Von Süden kommend in die Stadt hineinfahren, grinsend im Halbdunkel rechts die Köhlbrandbrücke erahnen, geschwungen wie eine Brücke über einen Fluss, die geschwungenste Brücke überhaupt, und davor, direkt neben der Autobahn, die stapelweise gestapelten Containerstapel, diese Legoklötze, diese Blechdingenskirchendinger, und links, für die Containerfrachter, die monströsen Superkrakenkräne, die jedes Kind gerne als Kind gehabt hätte, da hinten, in diesem überirdisch hellen Licht im Abenddunkel, das ist Hamburg von Süden, das Aufregendste, was man sich an Stadteinfahrt vorstellen kann.

Dann durch den Elbtunnel, diese lange Röhrenjeans, dieses elende Stück unter der Elbe, dieses Nasenloch der Stadt.

Am Ende des Tunnels die zweite Ausfahrt raus, dann wieder rechts, schon mittendrin im Stadtverkehr, wie kann man nur hier wohnen, direkt am Tunnel, an der ersten Tankstelle vorbei, an einem Rewe, einem Reifenhändler, einem Laden für Friseurbedarf, die müssen ja auch mal was kaufen dürfen, die Friseure die, dann eine Haspa, ein McDonalds, gegenüber die zweite Tankstelle und noch eine und dann keine Tankstelle mehr zwischen den ganzen Wohnblocks mit den Wohnenden.

Unter dieser elendigen S-Bahn-Brücke durch, links mal schnell abgebogen, rechts um die Kurve, jetzt auf keinen Fall abbiegen, nur rechts die Kurve, immer dem Straßenverlauf folgend, geradeaus über die Kieler, hoppla, schnell noch einen Parkplatz gesucht, gefunden, raus aus dem Auto und hoch die sechsundneunzig Stufen in den vierten Stock, Wohnungstür geöffnet, Klamotten in den Flur geworfen, Hemd aufgerissen, raus aus der Hose und hinten links in die Küche, links der Kühlschrank, die Hand ausgestreckt, unten ins Kühlfach gegriffen und gesucht und gegrabbelt und zack! hab ich das Nogger in der Hand. Meine Güte, wie lecker. Ein Eis in dieser Hitze an diesem Abend in dieser Stadt.

Perfeckter Samstag.

Gut, ich sag jetzt mal so dahin, was mir gerade durch den Kopf geht, nämlich das mit dem letzten Zeitmagazin, der Beilage zur Zeit, ja, DER Zeit, ob ich die immer lese oder nur mal so darauf aufmerksam machen will, wie gebildet ich bin? Ich lese ja gar nicht alles und wenn, dann das Zeitmagazin nur auf dem Klo. Und im letzten Zeitmagazin geht es, genau, um Design, um großes Design und kleines Design und minikleine, nachgebaute Designermöbel, und, und darauf will ich jetzt hinaus, um kleine Menschen in kleinen Räumen. Oder so. Jedenfalls kleine Räume, winzige Räume, wo die Leute dann all ihre Sachen haben, ganz toll und vollgestellt und so, der eine nannte sich “Nomade” und brauchte sowieso keinen Platz, klasse, Nomade würde ich mich auch nennen, wenn ich nicht wüsste, wo ich hingehöre oder wo ich bleiben will. Na, wie auch immer, es ist mir ja irgendwie unangenehm, aber ich halte es in kleinen Räumen nicht aus, das ist so, äh, so klein. Das wollte ich nur mal sagen. Ach ja, das waren alles junge kleine Leute in den kleinen Räumen, und als ich jung war, war mir das auch egal, wo ich gewohnt habe, Hauptsache irgendwo und nicht unter einer Brücke. So weit dazu.

Und deshalb bin ich dann auch raus auf die Straße zum Einkaufen, was ja zu einem perfeckten Samstag dazugehört. Ich also raus und werde direkt vor der Haustür fast von einem Fahrradfahrer überfahren, fast, natürlich, Fahrradfahrer fahren einen immer nur fast über den Haufen, niemals ganz, jedenfalls nicht hier in Hamburg, vielleicht auf dem Dorf, aber nicht hier, hier tun die nur so. Ich spüre trotzdem jedes Mal wieder den Hauch des Todes oder den Hauch der Pedale, wenn man so will.

Ich also zum Edeka, Einkaufen mit Genuss, und stehe da an der fünften Kasse von sechs gefüllten Kassen, Musikstöpsel im Ohr, voll laut, und werfe einen kurzen Blick zum Eingang, da stehen doch tatsächlich Uhhliie und Mumie, der eine mit einer halbvollen, der anderen mit einer leeren Bierflasche und brüllen sich gegenseitig zu, dass der eine (Uhhliie) doch bitte an den anderen (Mumie) denken möge, wegen dem Bier und so, er (Mumie) könne doch nicht einfach jetzt mit dem halbvollen Bier in den Laden, das macht man doch nicht, also brüllt er los “E Uhhliie, deng an das Bier!”, während Uhhliie schon halb weg ist und sich nochmal umdreht und zurückbrüllt, damit Mumie auch wirklich Bescheid weiß: “Nee, klar Mumie, kein Problem. Bier? Wolltest du auch Bier? Ich bring dir dann eins mit, kannste ja hinterher bezahlen.” Das Gute war, dass ich jetzt auch Bescheid wusste.

Ja, und ich dann zurück nach Hause mit dem Lauch oder Porree, das ist doch dasselbe, oder? Sieht jedenfalls gleich aus, Lauch und Porree, und wenn ich den Zettel wegschmeiße, merkt da sowieso keiner den Unterschied, und dem Hack und der Milch und Sonnenblumenöl. Sonnenblumenöl! Wer kauft denn Samstags Sonnenblumenöl? Stand aber auf dem Zettel, und dann kauf ich das eben und schlepp zwei dicke Tüten zur nächsten Ampel und wuchte die eine Tüte mit dem Arm nach oben um diesen dämlichen Drücker zu drücken, der für das Bitte-Bitte-ich-will-jetzt-rüber, und ich drücke und die Ampel wird sofort, augenblicklich, ohne fünfminütige Verzögerung rot. So was auch. Das passiert alle hundert Jahre einmal. Das nenne ich einen perfeckten Samstag, oder wie jetzt?

Günter?
Ja, Gisela?
Ich hab das alles gehört.
Mir doch egal.
Auch das mit dem Porree.
Mist.
Und perfekt spricht man nicht mit ck, nie Günter.
Na, toll.