Die Luft um meinen Körper

Drückende Enge in der S-Bahn morgens um acht. Die Luft um meinen Körper wird dünner, T-Shirts und Mitfahrende liegen enger an. Ich glaube, ich habe zugenommen.

S-Bahn voll, Mann, sitzend, neben ihm sein Rucksack, kümmert sich einen Scheiß um stehende Fahrgäste. Fragt ihn jemand mit tiefer Stimme: Kann ich bitte mal ihre zwei Fahrkarten sehen?

Mittagessen in der S-Bahn: Junger Mann mit einem dampfenden Döner setzt sich und isst. Dieselbe tiefe Stimme von vorher: Danke, dass Sie uns alle an Ihrem Essen teilhaben lassen.

Der S-Bahnfahrgast, das menschlich Wesen: Ich rieche, also bin ich.

Haare. Ich habe mein Haupthaar in der S-Bahn verloren.

Bandscheibenvorfall in der S-Bahn: Mann ohne Haarteil beim Türöffnen von Kinderwagen gebissen.

Der Koffer.

Beim Edeka an der Stresemannstraße lag eines Tages in einer der Schmuddelecken ein Koffer, von dem es schien, als sei er nachts plötzlich vom Himmel gefallen. Der eine Johnny, der mit der Hinz & Kunzt, fragte den anderen Johnny, den Flaschensammler, ob er den Koffer denn schon inspiziert hätte. Da war es so ungefähr mittags. Johnny & Johnny stimmten überein, dass da was zu holen wäre, zogen den Koffer in eine der noch dunkleren Ecken der Stresemann und öffneten den Deckel. In dem Koffer lagen (beschrieben nach der Reihenfolge ihres Auffindens): Der Abschiedsbrief eines mondsüchtigen Engländers an seine Ex-Frau. Das Logbuch des französischen Luftschiffs „Aeronaut“ mit den Aufzeichnungen einer Reise über den afrikanischen Kontinent. Bei diese Reise soll die Mutter des mondsüchtigen Engländers ihr Herz an einen Afrikaner verloren haben. Ein bebilderte Fibel über suchtauslösende Medikamente und die Gefahren der Luftschifffahrt. Eine Schweizer Walzen-Spieldose mit der Melodie von Dr. Schiwago. Eine verblichene Fotografie des jungen Omar Sharif, der den Dr. Schiwago gespielt hat: Sharif lächelt traurig und ruft nach Lara. Eine Schalmei, das Oberstück einer Oboe und ein vollständig erhaltenes Cembalo. Ein Autogramm von Udo Lindenberg, mit der Widmung: Oh, du meine Schalmeie!. Ein Pfund Karokaffee und die an der Verpackung des Karokaffees klebende Aufforderung: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses.

Diesen Moment nutzten Johnny & Johnny um sich gegenseitig ihres Unverständnisses zu versichern. Nichts davon hatte auf der Straße einen Marktwert. Aber, so Johnny (der mit den Zeitungen) zu Johnny (dem mit den Flaschen): Man soll die Flinte nicht so schnell ins Korn werfen. Oder so.

In einer Ecke des Koffers lag ein schlafender Hund, daneben sein schlafendes Herrchen. Beide sahen ziemlich englisch aus: der Hund sowieso, sein Herrchen trug einen Tweed Anzug, das tun nur Engländer. Rechts neben dem Hund befand sich eine kleine Tür, auf der „Paralleluniversum“ stand. Die Tür war so klein, dass gerade mal Johnny & Johnnys Zeigefinger hindurch passten. Die Finger lebten seitdem in einer besseren Welt, der Rest von Johnny & Johnny verkaufte das Cembalo zu einem unglaublich superguten Preis, weil sie behaupteten, es sei ein echtes Bachsches Cembalo. Hund und Herrchen verließen den Koffer und fuhren mit der S-Bahn zu den Landungsbrücken. Dort bestiegen sie eine Fähre nach England. Der Engländer rettete etwa einen Monat später einer ohnmächtig gewordenen Londoner U-Bahn-Fahrerin mit einem Kugelschreiber, einem Taschenmesser und einem Luftröhrenschnitt das Leben. Die Gerettete wurde dann seine Frau (aus Liebe, nicht aus Dankbarkeit). Der Koffer verschwand so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Johnny & Johnny kamen, nachdem das Geld vom Bachschen Cembalo verjubelt war, zu ihren angestammten Plätzen und Tätigkeiten zurück. Niemand glaubte ihnen ihre Erklärungen, wie sie beide zur gleichen Zeit den Zeigefinger verloren hatten.

Von den Ranten.

Transpiranten sind diejenigen Menschen, die mich zum Schwitzen bringen, zum Beispiel junge („mir ist das hier alles scheiße“) Kassiererinnen im Supermarkt und Armleuchter. Inspiranten sind die Menschen, die einen zu Höherem inspirieren, etwa Armleuchter und junge Kassiererinnen. Die junge Dame an meiner Kasse war ein solcher Rant (beziehungsweise eine Rantante), dass ich vor lauter Armleuchterei das Licht im Dunkeln dieses elenden Tunnels von Schlange vor ihrer Kasse nicht mehr ertrug und mich im Stehen erwürgte. Nur in Gedanken selbstverständlich. Ich wartete, bis ich nach einer gefühlten dreiviertel Stunde endlich dran war, und spuckte mir vor Wut kochend selbst ins Gesicht, indem ich den Rotz meiner Nase einmal kräftig durchzog, den Kopf in den Nacken legte, nach oben rotzte und wartete. Die Armleuchterin rief, wie nicht anders zu erwarten, ihren Chef, den Oberarmleuchter (mit Oberarmen so breit wie die Unterschenkel eines Elefanten). Ich erinnerte ihn wegen des groovy Feelings an die lange vergangenen Tage von Woodstock, an Peace, Love und Happiness und das ganze Zeugs. Er erinnerte mich daran, dass wir uns nicht nur nicht kannten, sondern er selbst zum Zeitpunkt von Woodstock noch nicht einmal angedacht, geschweige denn geboren war. Ich sagte ja, solche Menschen brächten mich zum Transpirieren vor lauter Inspiration, die mich folglich unerwartet überkam. Ich beschimpfte ihn und seine Kassiererin (und, etwas über das Ziel hinausschießend, mit ihr alle jungen Kassiererinnen aller Supermärkte der Welt in ihrer Gesamtheit) erfindungsreich als Menschen mit Kröpfen, was sowohl er als auch sie (die an der Kasse) in den falschen Hals kriegten, worauf ich auf die Mauern in den Köpfen verwies und dass es dort ebenso Kröpfe gebe wie in den Alpen (also die Kröpfe in die Köpfe). Die Schlange, die sich hinter mir bildete, war mittlerweile länger, als die, wie sie war, als ich mich in sie stellte (also länger als wie vorher). Ich beschimpfte jetzt nicht nur ihn und seine Kassiererin, sondern begab mich auf den steinigen Pfad der generellen Konsumgesellschaftskritik. Das kam, ich sage es ganz deutlich, bei der Schlange nicht wirklich gut an, zumal ich mich mit den beiden Flaschen Champagner, den zehn Austern und dem mit Blattgold durchsetztem Danziger Goldwasser nicht am untersten Rand der kaufenden Gesellschaftsschicht tummelte. Fazit des Ganzen, um diesen Diskurs hiermit zu beenden: Man schmiss mich. Raus. Diese Rantanten, diese uninspirierten. Den Champagner kaufte ich dann etwas weniger beleidigend (aber mit einigem Stolz) woanders.

Spätsommergeschmack.

Während ich gestern morgen aus dem Fenster schaute (linste, spliente, luchste), so gegen siebendreißiguhr, während sich von rechts die Augustenburger hoch die Sonne stahl (strahlte, stählte, streunerte) und gülden vom Wellblechflachdach des Kikaparadieses abprallte, während die Bäume rauschlos im fehlenden Winde die Blätter bliesen und hintereinandergestachelt im dunstig flauschigen Spätsommermorgendunst Perspektive vorgaukelten (die paar Meter bis zum Hochhaus, pah, lächerlich), während die Frau gegenüber im sechsten Stock ihre selbstgekauften Blumen gekonnt blumig arrangierte und ihr Mann sich den Bauch kratzend fragte, ob das jetzt ein Vorwurf sei, während ich lustig ein Liedchen trällernd hinaus auf den Balkon trat, die Arme weitete und die Luft einsog (saugte, subsummierte, rüsselte), während ich die Hamburger Dunstabzugshaube spielte und sich LKW-Dieselhauch, Bremsgummikrümel, Teermischmaschsommergekröse und Benzinabgasmengen in meine Lungen spülten, während Zunge, Gaumen, Rachen, Zähne sich mühsam an den morgendlichen Dreck der Stadt gewöhnten, wusste ich: So schmeckt der Spätsommer.

Käse essen.

In einem wohlsortierten Kaufmannsladen erstand ich ein Stück Käse der riechenden Sorte, genauer gesagt: Alten „Alter Mommark“. Der riecht schon von Geburt an. Dieses Stück Käse versuchte ich zu essen.

Bei meinem Kaufmannsladen wird Käse grundsätzlich so in Folie gepackt, dass dort, wo man die Folie einfach aufwickeln könnte, ein unglaublich überflüssiger, riesiger, sich nicht ablösender Aufkleber pappt, der sich nicht ablösen lässt. Auf dem Aufkleber steht (wahrscheinlich) in ganz, ganz kleiner Schrift: „Dieser Aufkleber lässt sich nicht ablösen, bitte puhlen Sie den Käse an irgendeiner anderen Stelle auf.“

Ich konnte aufgrund einer bei Käseaufklebern häufig vorkommenden Sehschwäche das Kleingedruckte nicht entziffern, tat dann aber intuitiv das, was alle machen, die mit altem „Alter Mommark“ in Folie mit Aufkleber zu tun haben: Ich puhlte am Aufkleber rum, riss, zerrte, zupfte, nuckelte, zapfte, zuckte und rammte schließlich eine Gabel in eine zufällig ausgewählte andere Stelle des Käsestückchens, wobei die Folie wie selbstverständlich aufplatzte. Kleine, übelriechende Endprodukte eines Jahrhunderte alten Reifeprozesses rieselten heraus auf Tisch, Fußboden und T-Shirt. Ich wischte mit der Hand nach. Das hätte in diesem Moment jeder getan. T-Shirt, Tisch, Fußboden und meine Hand rochen wie abgestorben.

Mit Gabel, Messer, den artistischen Fähigkeiten eines Käsesommeliers und ohne die Finger zu gebrauchen, gelang es mir, zwei Scheiben Käse so auf einem Graubrot zu platzieren, dass es mir das sichere Gefühl gab: Alles wird gut, das kannst du jetzt essen. Ich aß, es bröselte, die Scheiben kippelten, ich riss den Mund auf, hob das Brot in die Höhe, schob den Mund darunter und wartete. Den Rest erledigte die Schwerkraft. Der alte „Alter Mommark“ begleitete mich dann noch drei Tage durch mein ereignisloses Leben, er, ich und mein Magen hatten eine Art Pakt geschlossen: Wir werden niemals auseinander gehn.

Alter „Alter Mommark“ riecht übrigens so wie die Ostsee, wenn sie nach einem langen Sommer ohne Sauerstoff umkippt, und vor einem, wenn man gerade mal ein bisschen herumschwimmt, tote Fische vorbeiwuppern und am Ufer andocken bei den feuchten, seit Wochen am Strand liegenden, rotkotfarbenen Algenbergen, in die eintausend Hunde ihr Geschäft gemacht haben, nachdem sie von den beim Essen heruntergebröselten Randstücken des alten „Alter Mommark“ probiert haben. Das sollte mal auf einem der Aufkleber stehen.

Schietwetter.

Der Hamburger an sich, jedenfalls der Hamburger, der immer im Fernsehen zum Wetter interviewt wird, meint ja, dass das Hamburger Wetter gar nicht so schlimm ist, wie immer gesagt wird, und außerdem gibt es gar kein schlechtes Wetter sondern nur die falsche Kleidung. Ich erhebe da jetzt mal energischen Einspruch und behaupte, äh, das Gegenteil. In beiden Fällen. Das Wetter ist hier immer schlechter als wo anders und die richtige Kleidung für sintflutartige Regenfälle inklusive Hagel, Blitz, Donnergrollen und Sturmgebraus habe ich auch noch nicht gefunden. Ich will sie auch nicht finden. Ich will diese Kleidung nicht mal testen. Ich will überhaupt nichts vom Wetter. Es soll einfach nur ganz normal sein, so wie du und ich, und nicht so wie dieser Fernsehhamburger, der womöglich nicht mal von hier ist. Im Grunde sind es ja immer zwei Fernsehinterviewfragenbeantworter, nämlich ein patentgekleidetes, patentgefaltetes Ehepäärchen um die oder Mitte nahe bei fünfzig, schon immer kinderlos oder seit kurzem, seit dem die Kinder das Haus verlassen haben, das freudig durch die Stadt stampft auf der Suche nach dem mittleren-Alter-Abenteuer im Hamburg Dungeon oder Miniaturparadies oder beim Hafengeburtstag oder Alstervergnügen oder so. Auf jeden Fall immer bei schlechtem Wetter. Moment!, sagt er da in die Kamera und sie nickt dazu, letztes oder vorletztes Mal beim Hafengeburtstag war die Alster gar nicht zugefroren, geht auch nicht, sagt sie, weil der Hafengeburtstag immer im Sommer ist, und geregnet hat es nur zwischen den Regenpausen echt fiese doll, da kann man mit den richtigen Klamotten schon ganz schön was reißen, mit einer ordentlichen Regenjacke ist man da nämlich ganz weit vorne, sagt er und nickt und sie nickt auch und beide strahlen lächelnd in Kamera. Im Regen. Während im Hintergrund ein kleiner Orkan, ein ganz winziger, ein paar Häusern in Harburg die Dächer absäbelt.

Ich glaube ja, diese beiden gefragten Hamburger sind immer dieselben, von der Stadt angestellt, um im Fernsehen ein bisschen gute Laune zu verbreiten. So zum Spaß. Im Regen.

Bilderrausch

Ich eile durch die morgendliche Ödnis Altona-Nords in meinem Superman-Kostüm zur S-Bahn am Holstenplatz. Meine kurzborstigen Haare wehen im Wind. Sie sind zu einem Zopf geflochten.

Auf dem Weg treffe ich am Kiosk den betrunkenen Feuersalamander. Er zeichnet mit dem Schwanz ein Zorro-Zett in die Luft und rülpst dabei die mexikanische Nationalhymne. Rückwärts.

Eine einsam dahingleitende Waldame zieht an mir vorbei. Sie nennt sich Graceland, so wie die Villa von Michael Jackson. Sie kann auch so tanzen wie er. Aber nicht so singen. Sie trägt Jeansrock und dicke Beine mit grüner Strumpfhose.

Vor mir steht das zerzauste Schlachtross Wanda. Wanda ist am Hartz IV-Satz irre geworden. Ab Mitte des Monats läuft sie durchs Viertel und fordert anklagend milde Gaben. Wanda riecht nach Aufstand und einer undefinierbar dreckigen, nie gewaschenen Unterhose.

Im Mondschein kehre ich von der Arbeit zurück. Der arbeitslose Wolf springt mich an und droht mir mit Sozialneid. Ich wechsle mein Rotkäppchen-Kostüm gegen das des Elefanten und tröte ihm eins.

Im vierten Stock angekommen, höre ich Brian Wilsons Good Vibrations. Die Welt ist soweit in Ordnung.

Hamburg. Schlump.

Schlump ist die U-Bahn-Station am, äh, Schlump. Oh, du mein Schlump. Jemand, der dort einsteigt, geht nicht in die Hölle, sondern in den Schlump. Wem dort schlecht ist, dem wird schlumpig. Wer mal müssen müsste, muss woanders Schlumpen. Wer im Imbiss an der Ecke Pommes Mayo bestellt, bekommt Schlumpe. Schlump ist die Warze auf der Nase Hamburgs. Schlump ist der Wurmfortsatz Eimsbüttels und Eimsbüttel ist ja sowieso, allein schon wegen des Namens. Willst du nach Eimsbüttel, nimmst du am besten die U3 zum Schlump. Was ist ein Schlump? Und was ist ein Büttel? Ein Eims?

Neulich gingen ein kleiner und ein großer Schlump zum Schlump. Plötzlich entdeckte der kleine Schlump inmitten dieser Ansammlung von Teer, Beton, Gehwegplatten und Füßen eine Blume. Oh, eine Schlumpe, sagte der kleine Schlump, und freute sich ein Loch ab. Das ist eine Blume, antwortete der große Schlump sehr sachlich. Blume? Eine Blume? Was ist eine Blume? Das ist eine Schlumpe! Ok, das ist eine Schlumpe.

„Ich lass mich nicht schlumpen“ bedeutet nichts weiter, da es das Wort „schlumpen“ gar nicht gibt.

Schlump ist neben Bottrop meine Lieblingsortsbezeichnung. Wohnte ich nicht hier, wo ich wohne, wohnte ich am Schlump.

Die Alsta, Alta!

In die S-Bahn an der Holstenstraße Richtung Innenstadt, vorher vorbei am Jahrestreffen der wilden Anonymen am Trinkertreff, raus aus Altona Nord, hinein in die Ruhelosigkeit der Sternschanze,  Versprechen ewiger Messehallenglückseligkeit, krawalliger Mai-Demos und lebendiger Altbausanierung. (Was für ein Satz, das musst du erst mal bringen, Alter, echt.)

Ran an den Speck am Dammtorbahnhof, dieser andauernden Brückenbaustelle, schrägstaubende Sonnenstrahlen durch die Bahnhofshaube, vorbei am Uzzi-Kino oder Fuzzi oder so, zu diesem überwältigenden Anblick der sich in der Alster spiegelnden Innenstadthäuserreihen, altgraubacken mit kichererbsengrünen Dächern, wunderwunderwunderbar links das Hapag Lloyd Gebäude, und dahinter das Rathausmonstergroßehaus und dahinter die Kirchen von Sankt und Johannis und die Kreuzkümmelkirche oder so, die im Krieg zerstörte, dieses langsam zerbröckelnde Kriegskreuzworträtsel: Warum ham se die denn stehen lassen?

Und dann, nicht mehr sichtbar, der Hafen mit der Hafencity, dieser reihenweise angehäufelten Masse quadratischer Klopse mit Fenstern und Hochwasserschutztoren und einem supersozialen Wohnungsbauhausklöpschen, bekrönt von der Dingenskirchen-Opern-Ballett-Halle mit den handgepusteten Fensterchen, teurer als ein Latte Macchiato oder zwei, aber billiger als jeder Ferrari, im einzelnen betrachtet, meine ich, also pro Fenster gesehen ist die Elbphilharmonie weitaus billiger als zum Beispiel ein Einfamilienhaus.

Und zurück zur Binnenalster, du im Morgenlicht glänzende, du Edelstein, du Tropenaquarium unter den Stadttümpeln der Welt, du wunderbarstes Stück Hamburg. Alles klar bei dir? Ich seh dich.

Ey Alta, guck ma! Is das die Alsta Alta oder was jetz? Echt trocken, das Teil.
Das ist die, äh, Alster, nee ehrlich.
Ey super, ey. Guck ma Günni, die Alsta.

Ich muss dann mal aussteigen, glaube ich, sofort.

Nogger. Sommer.

Von Süden kommend in die Stadt hineinfahren, grinsend im Halbdunkel rechts die Köhlbrandbrücke erahnen, geschwungen wie eine Brücke über einen Fluss, die geschwungenste Brücke überhaupt, und davor, direkt neben der Autobahn, die stapelweise gestapelten Containerstapel, diese Legoklötze, diese Blechdingenskirchendinger, und links, für die Containerfrachter, die monströsen Superkrakenkräne, die jedes Kind gerne als Kind gehabt hätte, da hinten, in diesem überirdisch hellen Licht im Abenddunkel, das ist Hamburg von Süden, das Aufregendste, was man sich an Stadteinfahrt vorstellen kann.

Dann durch den Elbtunnel, diese lange Röhrenjeans, dieses elende Stück unter der Elbe, dieses Nasenloch der Stadt.

Am Ende des Tunnels die zweite Ausfahrt raus, dann wieder rechts, schon mittendrin im Stadtverkehr, wie kann man nur hier wohnen, direkt am Tunnel, an der ersten Tankstelle vorbei, an einem Rewe, einem Reifenhändler, einem Laden für Friseurbedarf, die müssen ja auch mal was kaufen dürfen, die Friseure die, dann eine Haspa, ein McDonalds, gegenüber die zweite Tankstelle und noch eine und dann keine Tankstelle mehr zwischen den ganzen Wohnblocks mit den Wohnenden.

Unter dieser elendigen S-Bahn-Brücke durch, links mal schnell abgebogen, rechts um die Kurve, jetzt auf keinen Fall abbiegen, nur rechts die Kurve, immer dem Straßenverlauf folgend, geradeaus über die Kieler, hoppla, schnell noch einen Parkplatz gesucht, gefunden, raus aus dem Auto und hoch die sechsundneunzig Stufen in den vierten Stock, Wohnungstür geöffnet, Klamotten in den Flur geworfen, Hemd aufgerissen, raus aus der Hose und hinten links in die Küche, links der Kühlschrank, die Hand ausgestreckt, unten ins Kühlfach gegriffen und gesucht und gegrabbelt und zack! hab ich das Nogger in der Hand. Meine Güte, wie lecker. Ein Eis in dieser Hitze an diesem Abend in dieser Stadt.