Frühjahr.

Einmal, an einem frühen grauen Tag im Jahr, saß Lord Conroy Darbow Earthmyst III. (der berühmte Indianer) mit seinem jungen Freund Johnny Puhvogel am Lagerfeuer und wärmte seine steifen Hände, indem er sie abwechselnd zum Feuer hielt, anhauchte oder in einen Eimer warmen Urin tauchte (eine angenehme und wirksame Unart).  Außerdem übte er sich in Frühjahrsüberdrüssigkeit, einer Tätigkeit, die viel Geduld und ein gutes Gefühl für Schimpfwörter erfordert.

Lord Conroy erklärte Johnny Puhvogel gerade, wie er die Sache mit dem ständig milchgrau verhangenen Himmel sah, und schimpfte dann ausführlich über das Brennen in den Augen, welches feuchtes Feuerholz im Innern eines Zeltes hervorruft, wenn die Frau auswärts unterwegs und der Mann auf sich gestellt das Essen zubereiten muss. In all den vergangenen Frühjahren des letzten Jahrzehnts hatte seine Frau ihn abends mit den Worten zurück gelassen: Liebling, ich gehe jetzt zu Annemaries Tupperparty, das Essen findest du rechts hinten im Zelt.
Lord Conroy galt als großer Krieger und für einen solchen konnte rechts hinten in einem dunklen runden Tipi alles und nichts bedeuten, und Essen finden gehörte, so dachte er sich das, nicht zu seinen Aufgaben. Spurensuche ja, Essensuche nein. Entsprechend schlecht war seine Laune.

Lord Conroy und Johnny Puhvogel saßen also an diesem deprimierenden Frühjahrstag am Feuer, froren, hungerten und hingen ihren Gedanken nach, als Johnny Puhvogel den weisen Lord Conroy fragte, ob es jemals wieder wärmer werden würde oder ob er sich besser jetzt schon nach einer Frau umsah (Johnny war zwanzig, Lord Conroy dreiundsiebzig). Lord Conroy antwortete nach langem hin und her, das könne man so oder so halten, das eine wie das andere habe Vor- und Nachteile. Woraufhin Johnny Puhvogel nickte und meinte, das hätte er sich auch schon gedacht. Lord Conroy ergänzte, am besten lasse man den Dingen ihren Lauf und versuche niemals, die Gedanken einer Frau zu verstehen. Seine hatte das Essen doch tatsächlich hinten im Zelt vergraben, ver-gra-ben!, das muss man sich mal vorstellen, in einer Tupperdose.

Wie man sich entschuldigt.

Eines Tages kam der berühmte hundertjährige Indianer Lord Conroy Darbow Earthmyst III. in die missliche Lage, sich bei seiner Frau (sie hieß Mielikki Lemmikki Kastelhelmi Hakaleinen Holopainen Jupp, Lord Conroy nannte sie der Einfachheit halber nur „Frau“) entschuldigen zu müssen. Wegen einer Nichtigkeit, einer unbedachten Äußerung seinerseits über ihr rabenschwarzes Haar, redete Frau jetzt seit drei Tagen kein Wort mehr mit ihm. Lord Conroy hatte sich schon mit dem Medizinmann, dem Bäcker und seinem Freund Stelzbein-Roger beratschlagt, wie er dieser unangenehmen Situation begegnen könne, wie er Frau dazu bringen könnte, ihn wieder in ihrem gemeinsamen Tipi schlafen zu lassen, ihm sei so kalt des Nachts und ihn plage ein schlechtes Gewissen. Man einigte sich schließlich auf eine Postkarte voll poetischer Entschuldigungen, überbracht vom singenden Boten, das müsste ihren Groll unbedingt besänftigen. Am nächsten Morgen, kurz nach dem ersten Frühnebel, stand besagter singender Bote mit der von Lord Conroy handgeschriebenen Postkarte vor dem Tipi und begann den Entschuldigungsgesang:
Weib! Äh, das ist jetzt durchgestrichen. Frau! Du meine Stütze, Moment, des Lallens? Ballerns? Alterns! Du meine Stütze des Alterns, du Stern meines Lebens, du Seife meiner Dusche? Das kann jetzt nicht sein. Du in deiner Reife und Güte und Lebensweisheit, du liebenswertes Stück Stock? Wie jetzt? Augenblick mal. In deinem lieblichen Rock, deinem glänzend schwarzen Haar, deinem Lächeln am Morgen und deiner Feindlichkeit am Abend, nein, Freundlichkeit. Sei doch wieder so wie immer, sei doch wieder gut mit mir.

Frau guckte derweil unbeeindruckt am singenden Boten vorbei in Richtung Wald, dort wo sie ihren Mann vermutete. Als der Bote stockte, raunzte sie ihn an: Na, weiter.

Ich, tirili und tirila, liebe dich, dein Haar, deine Nase, den Hund? Ich liebe, wenn du sprichst und singst und kochst und das Wasser trägst und das Holz holst und das Tipi zusammenbaust und die Ponies striegelst und die Nachbarn wegen des Lärms anmaulst und überhaupt und auch sonst. Lass mich bitte, bitte wieder nach Hause kommen.

Frau guckte und wartete, ob der Bote noch etwas zu singen hätte.
‚Schuldigung.
Jetzt nickte sie hinüber zum Baum, hinter dem Lord Conroy seinem Versöhnungsboten halb versteckt gefolgt war: Nun komm schon, mein tapferer Krieger. Das Frühstück ist fertig.

Der Stiefelmann.

Stiefelmann wurde der Indianer im Tipi nebenan genannt, jedenfalls von Lord Conroy. Für alle anderen war das der verrückte Indianer, der immer in Stiefeln herumlief. Soweit dazu.

An einem Morgen im Dezember steckte Lord Conroy kurz den Kopf aus seinem Tipi hinaus in die kalte, neblige Welt des ersten Advents. Es schneite einen leisen, vereisten Kälteschnee und Eiskristalle glitzerten auf den Grashalmen. Vor dem Tipi des Verrückten stand ein behaarter, fast nackter Indianer in Ballerinas und rosafarbenem Tütü. Er hielt einen Arm elegant in die Höhe und drehte eine Pirouette. Lord Conroy schluckte, als diese haarige Primaballerina ihn ansah und meinte: Ich habe auch Pumps, rote Pumps. Willste mal sehen?

Ein paar Tage später, morgens, Nebel, traritrara, Weihnachtstag, und von den Tannenspitzen sah Lord Conroy bunte Lichtlein blitzen. Vor dem Tipi des Verrückten stand diesmal ein in samtiges Rot gekleideter, dickbäuchiger, weißbärtiger, freundlich dreinblickender älterer Herr mit einem riesigen Sack auf dem Rücken. Wieder der Blick hinüber zu Lord Conroy: Ich muss dann mal los die Geschenke verteilen.
Lord Conroy, verständnisvoll und hintersinnig wie immer, lächelte und dachte bei sich: Der Stiefelmann, das ist der Stiefelmann. Es gibt ihn wirklich.

 

Wie alles so funktioniert.

Eines Tages, es war im Herbst, über den Wiesen lagen morgens feuchte Nebel, Raureif bedeckte Pflanzen, die leise zitterten, Hunde bellten erst ab mittags, entdeckte Lord Conroy (eigentlich Lord Conroy Earthmyst III., Nachfahre vom Hieronymus Vogelhut und der indianischen Häuptlingsschwester Kicherndes As, aber das spielte zum Zeitpunkt der Entdeckung keine Rolle), an genau solch einem klammen Morgen, der einem alten Indianer Gedanken an bitterlich kalte Winter und frierende Gesäßbacken auf frierenden Ponies unterjubelt, an solch einem Morgen also entdeckte Lord Conroy nach dem Aufstehen, er rekelte sich gerade schlafnackt vor seinem Tipi und kratzte lange und ausgiebig an sich herum (wo er kratzte, spielte keine Rolle, nicht einmal das er sich kratzte war von irgendeiner Bedeutung), da entdeckte Lord Conroy bei einem Blick auf die sich in einer Pfütze spiegelnden, gerade aufgehenden Sonne, wie alles so funktioniert und zusammenhängt in unserer Welt: Das Problem mit der Zeit, die mal langsam und mal schneller vergeht, und warum die Sonne einen blind werden lässt, wenn man sie zu lange anstarrt, was das Universum und das Kratzen gemeinsam haben, und auch, warum Frösche mal so quaken und mal anders, alles das verstand er ganz plötzlich und ganz genau. Da es aber nicht seine Art war, um solch ein Wissen viel Aufhebens zu machen, vielleicht sogar Tamtam zu schlagen oder ein lautes „Heiliges Kanonenrohr!“ von sich zu geben, nickte er der Sonne einen freundlichen Gruß zu und ging, in sich selbst ruhend und leise vor sich hin pfeifend, zurück ins Tipi zu seiner Frau und zum ersten Kaffee dieses Tages. Man sollte, das wusste Lord Conroy, auch einfach mal so was wissen dürfen, nur so zum Spaß, ohne jedem gleich davon erzählen zu müssen.

Heizkosten

Der berühmte, leider schon verstorbene Indianer Lord Conroy Darbow Earthmyst III. traf sich, als er noch jünger und ein ab und zu ausreitender Indianer gewesen war, einmal im Monat mit seinem langjährigen Freund Roger, in Indianerkreisen bekannt als ‚Stelzbein-Roger‘, zum Lamentieren. Das Lamentieren fand in Lord Conroys Tippi statt, bei geschlossenem Tippi-Eingang, begleitet von einem rauchigen kleinen Feuerchen. Da sie viel zum Lamentieren hatten und die Zeit begrenzt war (Lord Conroys Frau ging einmal im Monat zu einer zweistündigen Tupperware-Party), setzten sie sich ans Feuer und legten sofort los. In der Regel lamentierte Lord Conroy als erster, Stelzbein-Roger antwortete.

Die Heizkosten.
Oh, ja.
Wasserverschmutzung.
Schlimm.
Giftige Schlangen.
Du sagst es.
Die Heizkosten.
Hatten wir schon.
Die Römer.
Meine Güte.
Die Griechen.
Die auch.
Atomstrahlen.
Die erst recht.
Politiker.
Unglaublich.
Die Heizkosten.
Da sag ich jetzt nichts zu.

Und wenn sie so am Lamentieren waren und in aller Bescheidenheit das Unglück der Welt mit ihrem eigenen Dasein verbanden, vergaßen sie alles um sich herum. Sie traten in den Zustand der Lamentier-Trance, etwas, was nur wenigen Indianern vergönnt war. Und in einem dieser Zustände glaubte Lord Conroy eines Tages eine Maus zu sehen, die sich durch ein Loch in der Rückwand des Tippis Zugang verschafft hatte. Die Maus setzte sich an das kleine rauchige Feuerchen und hielt ein Stück Marshmellow an einem Stock in die Hitze. Dabei pfiff sie ein Lied.
Roger?
Ja, Conroy?
Siehst du die Maus?
Ja.

Das war das letzte Mal, das irgendjemand die beiden Lamentieren sah.

Wie Lord Conroy seine letzte Feder rettete

Es war im Herbst des Jahres in dem Lord Conroy Darbow Earthmyst III. vielleicht zum hundertsten Mal zu seiner Frau, die er in der Regel nur ‚Frau‘ rief, weil sie einen so langen komplizierten Namen besaß, meinte: Ich glaube, ich verliere auch noch meine letzte Feder. Wie gesagt, es war im Herbst, die letzten Blätter schon gefallen, das Wetter trübe und Lord Conroy kannte auch als Indianer kein wirkliches Mittel gegen Langeweile und Herbstdepressionen. Hinzu kam, dass seit Tagen, ach was sag ich, seit Wochen schon nichts wirklich Aufregendes mehr passiert war, Lord Conroy und mit ihm seine Frau und der ganze Stamm bereiteten sich auf einen langen, kalten, einsamen, dunklen, kalten (ich weiß, das hatten wir schon), sehr unfreundlichen Winter vor, jedenfalls wenn man Lord Conroys bestem Freund, Jimmy die Ratte, glauben schenken durfte. Jimmy die Ratte war zwar der mutigste Krieger, den Lord Conroy jemals kennengelernt hatte, aber auch der mit den schwärzesten Gedanken. Jimmy war jeden Morgen der Meinung, der aufkommende Tag würde ausschließlich Unglück, Missvergnügen und ein oder zwei gebrochene Finger bringen, abends dann tat er immer ganz erstaunt, wenn ihn jemand auf seine schwarzseherischen Fähigkeiten ansprach. Ach das? Das war doch nur heute morgen so dahingesagt.

Wie dem auch sei, an diesem Tag im Herbst entdeckte Lord Conroy, dass Indianer zwar ihre Kopfhaare nicht verlieren, aber ihre Federn. Im Grunde war es ihm schon seit Monaten bewusst, dass etwas mit seinem ehemals berühmten Adlerfederschmuck nicht stimmte. Zunächst hatte er ‚Frau‘ in Verdacht, sie würde ihm nachts heimlich die eine oder andere Feder stibitzen, vielleicht zum Kochen, dachte sich Lord Conroy, vielleicht streicht sie ja damit den Carport für den Winter (im Carport war sein Ponie untergebracht), aber mit zunehmender Abnahme seines Schmucks wechselte er zu der Idee, er selbst würde sich im Schlaf die Federn ausreißen, um den großen Erdnebelgeist damit zu kitzeln. Das kann nicht sein, erklärte ihm Jimmy die Ratte lang und breit, man könne Geister gar nicht kitzeln, oder hätte er, Conroy, jemals von einem lachenden Geist gehört? Lord Conroy nickt zustimmend und einigermaßen verunsichert, dann Jimmy, dann habe ich die Mauser.

Indianer mausern nicht, erklärte bestimmt seine Frau die Situation, bei Finnen bin ich mir da nicht so sicher, aber Indianer mausern sich nie. ‚Frau‘ war eine in der Kindheit von den Indianern geraubte Finnin, und jedes Mal wenn ihr etwas spanisch vorkam, auch wenn sie das so nie sagte, sagte sie etwas über Finnen. Ansonsten war sie mit der Zeit durch und durch Indianerin geworden, ab und zu tat sie sogar das gerne, was kein Indianer, jedenfalls keiner von denen, die sie kannte, gerne tat: Auf einem alten, trockenen Stück Pemmikan herum kauen. Vielleicht müssen die Federn ja mal gegossen werden, Conroy, was meinst du?

Conroy ging in sich, da waren es noch unübersichtlich viele hundert Federn, die ihn schmückten (Lord Conroy zählte grundsätzlich in Hunderten, das machte mehr her), wenn er denn federngeschmückt durchs Dorf wanderte. Nach einer Weile Nachdenkens war ihm klar, dass ‚Frau‘ ihn mal wieder auf die Schippe genommen hatte. Er schüttelte den Kopf, ging rüber zu Jimmy die Ratte und zeigte ihm einen Indianervogel (der genauso aussieht wie ein normaler Vogel), nee nee Jimmy, ich gieß doch nicht meine Federn, da wird doch alles nass.

An dem besagten Tag nun im Herbst des Jahres an dem Lord Conroy morgens aufwachte und auch die allerallerletzte Feder geknickt und regelrecht zerzaust an seinem ehemals berühmten Kopfschmuck nach unten hing, da endlich glaubte Lord Conroy Darbow Earthmyst III. seiner klugen Frau und ging, so wie er war nach dem Aufstehen, ohne Frühstück, ohne Pemmikan, allein und fast unbekleidet mit seinem Kopfschmuck mit der einzig verbliebenen Feder raus aus dem Tipi vorbei am Carport mit seinem Pony vor das Dorf und begann mit der in späteren Jahren immer wieder Gesprächsstoff liefernden Rettet-die-letzte-Feder-Zeremonie. Er stellte sich aufrecht hin, schüttelte, wie schon auf dem Weg zum Zeremonieplatz den Kopf, schüttelte die gereckte Faust in die Höhe, schüttelte, etwas vorsichtiger allerdings, seinen Kopfschmuck mit der einen Feder und sagte laut und deutlich, so dass auch wirklich jeder Geist, sei es nun Erd-, Wald-, Berg- oder Baumgeist es hören musste: Mist! Mhmpft! Ich will meine Feder wiederhaben.

Der erste Geist, der reagierte, war der Regengeist. Er holte tief Luft, blies die Backen auf und mit einem Rainforrestduschkopfschwall plärrte und plinkerte und regnete es wie aus Eimern genau auf die Stelle, an der Lord Conroy egal welche Art von Hilfe erfleht hatte. Gut, er hatte jetzt nicht erwartet, dass es nur ihn beregnen würde, dass alles um ihn herum, die Steppe, die Wälder, das Dorf, Jimmy die Ratte oder seine Frau trocken blieben, aber, und dafür dankte er dann dem Regengeist, die eine Feder stand wieder wie eine Eins. Nichts, niemand und auch nicht ein seltsam blöder Traum würde es jemals schaffen, diese eine letzte Feder von seinem Kopfschmuck zu lösen. Nass und zufrieden wanderte Lord Conroy erhobenen Hauptes zurück ins Dorf, eine glänzend weiße stolze Adlerfeder spendete ihm dabei den notwendigen Schatten. Genau so rettete Lord Conroy seine letzte Feder.

Vom Schwinden der Erinnerung

Der berühmte Indianer Lord Conroy Darbow Earthmyst III. hatte die letzten 50 Jahre vor seinem tragischen Tod mit 114 Jahren ein Problem mit Erinnerungen. Er wusste zum Beispiel nicht, was mit den Erinnerungen passiert war, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Verflixt nochmal, meinte er gerne zu seiner Frau, wo ist denn dieser blöde Schlüssel für unser Tipi? Seine Frau, eine intelligente, liebenswerte, als Kind verschleppte Finnin, die die vielen Eigenheiten ihres berühmten Mannes geduldig begleitete, erklärte ihm, dass ein Tipi ein Zelt wäre und Zelte keine Schlüssellöcher besäßen und Indianer sowieso nicht so versessen auf Besitz seien und die wahre Freiheit eigentlich in der Besitzlosigkeit läge und dass das Leben viel zu schön wäre, um allzu lange über verlorene Schlüssel zu lamentieren oder verlegte Brillen oder vergessene Mokassins oder so. Zunächst stutzte Lord Conroy über dieses „oder so“ am Ende der überraschenden Ansprache seiner Frau, dann nickte er zustimmend und fragte: Ach, hatte ich auch eine Brille? Die liegt bestimmt beim Schlüssel.

Eines Tages vermisste Lord Conroy sein Ponie. Es stand nicht wie sonst an seinem Platz links vom Zelt. Nicht das Lord Conroy noch viel geritten wäre, aber trotzdem, Ponie ist Ponie und das gehörte links neben das Zelt. Entrüstet wandte sich Lord Conroy an seine Frau: Weib! Wo ist mein Ponie? Ruhig, sachlich, der Situation angemessen antwortete diese: Ach, das. Das steht rechts vom Tipi im Carport, du weißt doch, das weiße Ding da, das du gestern gebaut hast.

Eines Mittags im Winter saß Lord Conroy nach dem Essen am Lagerfeuer und grübelte über das Problem der weltweit zur Neige gehenden natürlichen Rohstoffe und wie man am besten Feuer machte, wenn man kein Holz mehr hatte. Ihm kam der blitzgescheite Gedanke, dass man doch einfach. Als er das dann zwei Minuten später seiner Frau erklären wollte, hatte er es wieder vergessen. Dafür war ihm eingefallen, dass sein alter Freund Broken Morning seit etwa dreißig Jahren etwas schuldete. Er wusste nicht mehr genau wem oder was, aber das, da war er sich sicher. Und genau das sagte er dann auch seiner Frau.

Lord Conroy Darbow Earthmyst III.

Wie schon im vorherigen Artikel erwähnt, verstarb Lord Conroy, der älteste bekannte Indianer der Welt, mit 114 Jahren, weil er absurderweise rückwärts auf seinem Pony durch einen Wald ritt. Dabei dengelte er mit seinem schon haarlosen Hinterkopf an einen tiefhängenden Ast und das war’s dann. In einem äußerst freundlichen Kommentar wurde auf eine anschließende Auferstehung Lord Conroys als Lori Lemur hingewiesen, erstaunlich ist der dazu gelieferte Videobeweis.

Das es nun leider nicht mehr möglich ist, Interviews mit Lord Conroy zu führen, bekanntlich sprechen Tote und Lemuren recht wenig, folgen hier nun einige wertfrei zusammengestellte Anekdoten aus dem Leben des großen Indianers.

Wie Lord Conroy zu seinem Namen kam
Als junger Indianer traf Conroy den sehrsehrsehr berühmten und völlig uneitlen Häuptling Sitting Bull. Der hatte gerade eine Schlacht erfolgreich geschlagen und war in Geberlaune. Da er nichts weiter besaß, verschenkte er Namen. So kam Conroy zu Darbow und Earthmyst. Der eine Name erinnerte Sitting Bull an eine koffeinfreie Kaffemarke, den anderen verstand er als Würdigung eines vollkommen unbekannten Erdnebelgeistes – wovon Sitting Bull jedoch niemandem etwas mitteilte. Er vergab Namen und Conroy Darbow Earthmyst durfte sehn, wie er damit zurechtkam.
Später traf Conroy dann den „Mann, den sie Pferd nannten“. Der war, wie er behauptete, Lord und zu Hause gäbe es noch einen Lord mehr, nämlich seinen Vater. Conroy war begeistert. Zu Ehren dieses zweilordigen Mannes, eines, unter uns gesagt, lausigen aber charakterköpfigen Schauspielers, gab er sich nun selbst den Lordstitel und zwar den dritten in der Reihenfolge der Lords, von denen er wußte. So kam Lord Conroy zu seinem Namen.

Wie Lord Conroys Frau hieß und wie er sie rief
Lord Conroys Frau war eine als Kind mit ihren Eltern nach Amerika eingewanderte und dann von Indianern gekidnappte Finnin. Kennt man ja. Braucht man auch gar nicht drüber zu lamentieren, das ist nun mal so. Sie hieß Mielikki Lemmikki Kastelhelmi Hakaleinen Holopainen Jupp, womit sie in der Summe zwei Namen mehr besaß als Lord Conroy, wenn man seinen Titel nicht mitzählte. Conroy entschied daher kurz nach der Hochzeit, sie ‚Frau‘ zu nennen, nicht dass da jemand noch auf falsche Gedanken käme. Als ‚Frau‘ starb, trauerte Conroy Darbow Earthmyst siebzig Tage und Nächte. Er hatte ‚Frau‘ sehrsehrsehr geliebt und, wenn sie in den kalten Winternächten ganz nah beieinander lagen, leise Mielikki gerufen, sein heimlicher Lieblingsname.

Unerfüllte Erwartungen

Als Gregor Samsa an diesem einen, ihm bestimmten Morgen aufwachte, hatte er gewisse Erwartungen an den neuen Tag. Sein Pech, dass er, als Bestandteil einer Geschichte Franz Kafkas, auf dem Rücken liegend die Augen öffnen musste. Nichts an diesem und allen anderen Tagen wurde so, wie er sich das vorgestellt hatte. Er blieb den Rest seines Lebens ein Käfer.

Harry Houdini, der weltbekannte und sehr kurze (um die 150 cm) Entfesselungskünstler, hatte geplant, seinen Lebensabend als Rentier in Florida, genauer gesagt in Key West, mit einer riesigen Ansammlung Mai Tais, Kaluhas und ein paar netten Pokerpartien zu verbringen. Er starb nach einem Faustschlag in den Magen an einer Appendizitis mit anschließender Bauchfellentzündung im Alter von nur 52 Jahren.

Paris, Silvesterabend 1970. Der Exilperuaner Ramon Ramon Jaime Mueller entscheidet sich spontan, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er plant einen unerlaubten, tödlichen Sprung vom Eiffelturm. Als er dort ankommt, darf er sich in eine Schlange von einem halben Kilometer Länge einreihen. Am frühen Morgen des ersten Januar 1971, nachdem er Achtstundenundfünfundvierzigminuten angestanden hatte und endlich in den Fahrstuhl nach oben (ins Glück, in den Tod) steigen durfte, war er so entnervt vom langen Warten, dass er unverrichteter Dinge (und lebend) wieder nach Hause marschierte. Er starb (seltsamerweise) im Alter von 98 Jahren in Key West während einer Pokerpartie. Das hatte er nicht erwartet.

Der älteste bekannte Indianer der Welt (Lord Conroy Darbow Earthmyst III., genannt „der fliegende Pinguin“) starb mit 114 Jahren rückwärts auf einem Pony durch einen Wald reitend, weil er mit seinem Kopf an einen niedrighängenden Ast andengelte. Seine letzten Worte: „Verfluchte Sch$%§$!“ – tatsächlich hatte er sich seinen Tod etwas heroischer vorgestellt.

Der Sachbearbeiter Horst P. der AOK Nord, zuständig für die Inseln Pelworm, Poel, Borkum und Norderney litt Zeit seines Lebens an einem kleinen Sprachfehler. Er sagte immer Bellworm, Böll, Porkum und Morderney. Deswegen, so meinte er, wurde er bis zu seiner Rente im Jahre 1989 nie befördert. Recht hat er gehabt. Die Welt ist unfair, hinterlistig und gemein.

Der dramatische dänische Schauspieler Rumgard Rasmussen spielte nie den Hamlet im berühmten ‚Det kongelige Teater‘ in Kopenhagen – auch wenn er sich das so sehr gewünscht hatte. Stattdessen wurde er an der deutsch-dänischen Grenze bei Padborg berühmt als der ‚Poelsemann‘ (erste Tankstelle rechts, dann links hinten auf dem Parkplatz). Risted Hotdog med det hele en roede poelser. Roede groede med floede. Tak for det.

Ich habe gestern Lotto gespielt. Keine Zahl richtig, auch nicht die Zusatzzahl. Das hatte ich mir anders vorgestellt.