Hundertmeterlauf

Füße lüpfen,
federnd hüpfen,
komm‘ ich hampelnd nach dem Start
bei 20 Metern schon in Fahrt.

Die nächsten 15 lauf ich flott,
elfengleich, ein junger Gott.
Knapp hinter 40 fehlt mir Luft,
gottgleiches Elfentum verpufft.

Bei 45 und bei 50
stehts mit mir nicht allzu günstig.
Verflixt, verzweifelt, zugenäht,
dass Wind immer von vorne weht!

Die 60 nehme ich enthemmt,
bin ich der letzte, der noch rennt?

70 strauchelnd, 80 fliegend,
den Rest zum Ziel verbring‘ ich liegend.

Bei 95 im Abendrot,
sterb ich dann den Schwanentod.
5 Meter zum geplanten Ziel,
meine Güte, da fehlt nicht viel.

Winterschlussverkauf.

Des Menschen höchstes Gut
ist, was er sagt und was er tut.

Alle niederen Gefühle
zeigt bei Karstadt das Gewühle.

Mensch lässt sich leicht verlocken,
von supergünstig grauen Socken.

So ist des Lebens Lauf
im Winterschlussverkauf.

Es zeigt sich in der Tat
der Mensch, der tut, was er gesagt.

Was für ein Bohei?
Die Gedanken sind frei.

Zikade.

Zikade aus Sizilien
zogs zu ihren Lieben hin.
Die zirpten gerade Lieder
auf einem Haufen Flieder.

Die Lieder waren kurz und flotti
von Eros Ramazotti.
Es gab ein bisschen Gezankel
bei Simon und Garfankel.

Von Oben sprach der HERR:
Ich hätte gerne mehr
über den freien Willen.
Habt ihr was von Dylan?

So sangen alle Zikaden geschwind
Blowin in the wind.

Und zum Schluss, wie alle Jahre,
zirpten sie: Volare.
So ist es in Sizilien,
da zieht es alle Sänger hin.

 

Auf seinem Grabstein.

Auf seinem Grabstein steht in blau:
Er war eine Sau.

Und in verblasstem lila:
Beim Abwasch war er nie da.

Und auch:
Er besaß Auto, Haus und Hof,
ansonsten war er doof.

Er lächelte nie, war niemals heiter,
er fiel dann von der Leiter.

Er starb im frühen Morgenlicht,
besonders beliebt war er nicht.

Anmerkung:
Der Grabstein war ganz schön lang…

 

Ziellinie.

Wenn du erschöpft hinter der Ziellinie kniest,
um dich herum in die Gesichter siehst,
wenn Übelkeit dich quält und plagt,
wenn niemand nach deinem Namen fragt,
wenn der Hundertmeterlauf zu Ende ist,
dann weißt du, dass du Letzter bist.

Wenn Laufen nichts bringt, geh einfach schwimmen,
da kannst auch du noch was gewinnen.
V-förmiger Oberkörper, Bauchmuskeln bis zum Hals,
springst du ins Wasser und gewinnst, falls
du nicht hüpfst wie ein Korken oder Flummi,
mit Schwimmflügeln in rot aus Gummi.

An die Medaillen kommst du niemals ran,
Verlierer stellen sich hinten an.

Doch dann, ganz am Ende, im Dunkeln ein Licht:
Du gewinnst mit dem dusseligsten Gesicht.
Denn, das geht jetzt ganz tief rein,
die Letzten werden die Ersten sein.

Ein Gedicht.

Nach jahrelanger Dunkelheit
war Gott endlich auch so weit.
Er sprach: Ich mache jetzt mal Licht,
dann schreib ich ein Gedicht.

Und Gott in seinem hohen Alter
suchte nach dem Lampenschalter.
Er schnipste, schnalzte, fluchte:
Das gibt’s gar nicht, wonach ich suche.

Miesepetrig unzufrieden
hat er sich dann umentschieden.

Fürs Dichten und zum Jubilieren
krabbelt er auf allen Vieren
in den warmen Sonnenschein.
So sollt es sein.

Wenn die Sonne baden geht.

Die Sonne hat so eine Macke,
beim Baden trägt sie Badekappe,
wo Fische ihre Runden drehn,
kann man sie beim Baden sehn.

Am Ufer eine Muschel kichert
und dem Ostseekrebs versichert:
Die badet nicht, die gluckert.
Der Krebs hat gar nicht hingeguckert.

Im Hintergrund beim Horizont,
nicht wie sonst, ganz ungewohnt,
hört man dieses Jaulen,
die Sonne war am Kraulen.

Erst schnell, dann nur noch munter,
nach fünf Minuten ging sie unter.

Ich und mein Pferd Emmerich.

Ich und mein Pferd Emmerich,
wir froren beide fürchterlich.
Bei Schnee und Eis und Wellengang
ritten wir die Küste lang.

Es stürmte, schneite, toste, brauste,
der Wind von links herüber sauste,
Hände, Hufe froren ein,
das sollte so nicht sein.

Da sprach ich zu Emmerich:
Mein Gott ist das widerlich.
Emmerich zu mir:
Was wollen wir dann hier?

Und tief gefroren, jämmerlich
hoppelte dann Emmerich
mit mir zurück nach Hause.
Ohne Pause.