Nacht am Strand.

Meine letzte Nacht am Strand war, na, sagen wir mal anstrengend. Ich war volltrunken, verwirrt und blind, warum auch sollte der Mond gerade dann scheinen, wenn ich da herumwanke, über Steine stolpere und Sandburgen niederwalze.
Von einer Seite hörte ich ein irritierendes Rauschen und Donnern, als ob der Gott der Dampfwalze seinen üblichen Tätigkeiten nachging, bis mir klar wurde, das Wellen im Grunde das machen, was sie am besten können: mit Krach den Strand prügeln. Ich fiel kopfüber in einen Sandburggraben und wusste ganz plötzlich wie Strand schmeckt. Zur Erinnerung: Ich war so angetrunken, dass ich, wenn es hier keine weißen Mäuse gegeben hätte, ich niemals mit ihnen gesprochen hätte.
Ich hatte Sand in den Augen, Ohren und im Mund vorne, hinten, oben und zwischen den Zähnen, auf den Zähnen und unter der Zunge. Ich rede hier nicht von natürlichem Sand, etwa wie den in der Sahara, wo es ja Stellen geben soll, die noch nie ein Mensch betreten hat, nein, ich spreche von gebrauchtem Strandsand. Ich zähle jetzt nicht auf, was ich auf dem Bauch liegend im Dunkeln aus dem Sand herausschmeckte, nur, genau an der Stelle in die sich mein Mund eingegraben hatte, muss vor nicht allzu langer Zeit ein großer haariger nasser Hund gesessen haben. Oder ein Mensch, der unten rum wie ein großer haariger nasser Hund schmeckte. Es wirkte auf mich genau so wie das, was ein Hund macht, wenn er am Strand sitzt und gelangweilt Kindern hinterherguckt, die an derselben Stelle, an der ich liege, das machen, was ein Hund auch gemacht hätte, wenn er zwei Jahre alt und das erste Mal ohne Windeln unterwegs gewesen wäre. Da, wo ich lag, schmeckte es nach Alete Wurzelpüree mit Hund. Ehrlich.

Am nächsten Morgen wusste ich dann ganz plötzlich wieder wer ich war und warum ich nackend im nicht-nackend Strand auf dem Rücken lag und aller Welt das darbot, was sowieso niemand zu sehen wünschte: Meinen Bauchnabel. Tja, erklärte ich den aufgeregten Kindern, den Eltern der aufgeregten Kinder und deren Hunden, ich bin dann der neue Strandwart, gehen Sie bitte einfach weg.

Günter?
Ja, Gisela?
War das vor meiner Zeit?
Ja, Gisela.
Ich kann mich auch nicht an deinen Bauchnabel erinnern, zeig doch noch mal.

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Der Zeitungsleser.

Heute, anstatt wie üblich kurz und knapp, habe ich mal etwas für Längerleser vorbereitet. Eine Kurzgeschichte. Hach, werden da einige sagen, eine Kurzgeschichte! Nun ja, eine Kurzgeschichte ist, nur so als Beispiel, genauso gut wie, äh, zum Beispiel ein Ruderboot, nur um da mal einen Vergleichswert zu haben. Wer hätte nicht gerne ein Ruderboot? Oder eben eine Kurzgeschichte.

Die Geschichte hat 4 Seiten und 1.248 Wörter. Ich habe sie mindestens fünfhundert Mal auf Fehler durchgesehen und korrigiert und so, was man so tun, wenn man eine Kurzgeschichte schreibt. Bis auf die Rechtschreib-, Grammatik- und Kommasetzungsfehler habe ich alle Fehler entfernt.

Ich habe die Geschichte als PDF angehängt, wer mag, findet sie über den folgenden Link:

Der Zeitungsleser

 

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Liebesschwüre.

Ich liebe dich. I love you. (Typisch deutsche Liebesschwüre.)
Laba da. (Lieber da – sämischer Wegweiser.)
Brahmaputra brama brama sams. (Der große weiße Elefant liebt auch dich – indische Lebensweisheit.)
Oregano Oregano Oregano. (Liebesbekundung unter Pizzabäckern und -bäckerinninnen.)
Umslabuk puk nutri. (Läppischer Liebeshinweis: Du bist noch viel schöner als mein schönstes Rentier.)
Maga da, wodu ganz hast ka Hafte o ka bach. (Ich mag dich, auch wenn du keine Hüften und keinen Bauch hast. Frühmittelalterliche Liebesbeschwörung.)
Bingo? (Kurzform für: Du mich auch?)
Glöck, Glöck, do dö mö hö. (Komische Form von: Was für ein Glück, das du mich hast.)
Mine Glöck is dine Glöck. (Ernstere Form von: Mein Glück ist so ähnlich wie dein Glück.)
Olmenhauer da ganz. (Ich mag Olmenhauer oder Ich mag dich wie Olmenhauer. Wer oder was ist Olmenhauer?)

Günter?
Ja, Gisela?
Kannst du jetzt endlich den Sylvesterhut und diese Nasenbrille abnehmen?
Ja, Liebling.
Nenn mich nicht Liebling.
Menno.
Und auch nicht Menno.

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Der Lurchi und der Hörrikehn.

Ich träume jetzt ja öfters davon, dass ich der Lurchi bin, dieser schwarz-gelbe, feucht-schuppige Feuersalamander mit Tirolerhut, Erfindung eines LSD-umnebelten Kinderschuhentwicklers. Ich hüpfe nachts durch die Straßen, treffe mich mit Fix und Foxi, dem Wastl und dem Mecki, den Helden der Kindheit. Dazu  gesellen sich die fünf Freunde von Enid Blyton und Hanni und Nanni und die Mädels vom Immenhof. (Und selbst im Traum frage ich mich, ob Enid ein Mann oder eine Frau war und wie Eltern darauf kommen, ihr Kind Enid zu nennen.) Ich renne durch die Gegend wie diese Rennechse aus “Die Wüste lebt”, ich kann über Häuser springen wie dieser Mann aus “Immer wenn er Pillen nahm” und bin sozusagen der Silversurfer der Vorinternetzeit, der Lurchi eben.
Und gestern fiel mir dann auf, dass ich weder in meiner Jugend noch in meinen Träumen englisch reden oder verstehen konnte. Auch kein Chinesisch oder Spanisch oder Französisch. Ich weiß gar nicht, wie ich das alles überlebt habe als Kind, so ganz ohne Fremdsprachenkenntnisse, ohne Globalisierungsknowhow und ohne Enid Blyton im englischen Original gelesen zu haben. Und jetzt frage ich dich, Gisela, ist das, was da draußen tobt und bläst und wütet und stürmt, ein Stuarm, ein Teifun oder ein Hörrikehn, oder was jetzt?

Günter?
Ja, Gisela?
Du hast geträumt. Du bist nicht der Lurchi.
Ach. Und Fix und Foxi? Sind die etwa nicht echt?
Nein, Günter.
Mist.

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Kurze Liebesgeschichten.

Als sie sich kennen lernten, waren sie beide um die siebzehn. Später war sie dann immer die jüngere.

Sie lernten sich kennen und heirateten bald. Sie fuhren einmal in Urlaub nach Sankt Moritz. Nach der Scheidung bekam sie den Wagen, das Haus und die Kinder. Er behielt die Skisachen.

Nach der Hochzeit liebten sie sich genauso wie davor. Es war nichts anders. Außer, dass er ihr keine Blumen mehr mitbrachte.

Sie war klüger, er konnte besser kochen.

Die meisten Tage ihrer sehr langen Ehe verbrachten sie Händchen haltend und auf Kissen gestützt am Fenster. Irgendwann grüßten sie nur noch die Nachbarn, die sie wirklich mochten. Sie starben am selben Tag, er morgens, sie mittags. Sie wurden mit ihren Kissen begraben. Niemand hatte je von einer glücklicheren Ehe gehört.

Er behauptete, dass sie gesagt hätte, er hätte den Verstand eines elfjährigen. Sie nickte. Er lächelte zufrieden. Mehr war nicht.

Nach jedem Streit lagen sie sich heulend in den Armen. Irgendwann stritten sie sich nicht mehr und lagen sich trotzdem in den Armen. Nur so. Für gut.

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Am Ostseestrand. Pinkelnd.

Der Ostseestrand ‘ne lange Gerade,
leicht plätschernd klatscht da keine Welle,
ich pinkel eine kleine Delle.

Die Luft ist lau, das Wasser trübe,
das macht ja nix, ich übe.

Es rauschelt nichts, noch hör ich’s atmen,
dies Meer, dies glatte, kräuselnd meine Haare,
kein Windchen weht, kein Fähnchen dreht,
ich habe keine große Eile,
und pinkel noch ‘ne Weile.

Von weitem hört man Hunde bellen,
einen oder zwei, vielleicht auch vier.
Mir reicht’s, das ist so öde hier.

Der Ostseestrand am Weihnachtsmorgen,
steh pinkelnd hier, hab keine Sorgen.
Das Meer wird langsam etwas gelber,
versuch’s doch mal, pinkel doch selber.

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Weihnachtsgrüße.

Euch allen da draußen in den tosenden Winterstürmen, den Schneebergen und den Verwehungen, den Tiefsttemperaturen und den fünfzig verschiedenen Begriffen für Schnee, Schneefall und Eisesglätte, und ihr da hinten auf den billigen Weihnachtsplätzen in den sonnigen Gefilden des Südens (ja, ihr abtrünnig Urlaubmachenden), ihr da zwischen den Tannenspitzen, den glitzernden Eiszapfen und niemals wieder dahinschmelzenden Fahrbahnrandschneemassen, ihr Gläubigen und Ungläubigen, ihr Kirchgänger, ihr Leichtmütigen und in gehobener Weihnachtsstimmung Herumlaufenden, ihr Geschenkbeladenen und von Geldentwertung Betroffenen, ihr krisengebeutelt standhaft den Wogen der Zeit Entgegengehenden, ihr Gesunden und ihr Kranken, ihr Furchtlosen und ihr Mutigen, ihr Kauflustigen und ihr sonst und überhaupt Lustigen, ihr Weihnachtsmänner und Weihnachtsmännerinnen, ihr von Dü (Fondue) oder Kartoffelsalat mit Würstchen Essenden, ihr Wassertrinker und Weingenießer, ihr Gartenbauer und Baumfäller, ihr SUV- und Fahrradfahrer, ihr Läufer und Gewichtheber und Muckitrainierer, ihr Waschbrettbäuchigen und ihr Waschtrommelbauchträger, ihr Schnellfahrer und Langsamparker, ihr Ampelrotignorierer und Fußgänger, ihr Fotografen und Webseitenbauer, ihr Designer und Werber und Anwälte und Häuserbauer und Ladenbesitzer, ihr Kindererzieher, ihr Dicken und ihr Dünnen, ihr Großen und ihr Kleinen da draußen, ich, äh, Mist, jetzt habe ich den Faden verloren. Sag du doch auch mal was, Gisela.

Ja, Günter? Fröhliche Weihnachten euch allen.
Sag ich doch.

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Der neue Gott.

Hallo! Ich bin dann mal der Neue hier. In meinen Fußspuren wachsen Gänseblümchen, Löwenzahn und Rosen, falls du das nicht wusstest. Ich atme Kummer ein und Glück aus, ich niese niemals und wenn ich jemandem diesen Finger an die Stirn halte, wird er augenblicklich ein freundlicherer, gesünderer Mensch.
Ich liebe alles und jeden, auch Schaben und Mäusekötel. Ich dufte nach frisch gemähtem Gras und wenn mir jemand begegnet, der mich nicht kennt, nicke ich aufmunternd und sage: Hallo, hallo! Was haben Sie für ein wunderschönes Gesicht! Oder, falls das mit dem Gesicht gerade mal nicht passt, verschenke ich kleine Päckchen mit Leckereien wie Teewurst, Senfgurken von Oma oder selbstgetrocknete Apfelchips.
Ich habe an den Seiten meiner Füße kleine Flügel, und wenn ich möchte, schwebe ich leise summend vor mich hin. Ich kann durch Mauern gucken, das Alter von Lebkuchen am Geschmack erkennen und weiß, wo Hase und Igel so tun, als würden sie sich nicht grüßen.
Ich habe ein schlichtes Gemüt, weiß aber im Prinzip alles über Kunst, gewaltlosen Widerstand und in welcher Reihenfolge Buntwäsche am besten gewaschen wird. Ich bin ein total superguter Unterhalter.
Ich könnte einen Sturm loslassen, wenn ich wollte, oder ein Rudel Wölfe. Ich kann eine Liste von hundert vollkommen überflüssigen Dingen zusammenstellen. Und das Beste zum Schluss: Ich lächle immer.

Was sagst du dazu, Gisela?
Günter. Danke, dass es dich gibt.
Bitte.

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Der mürrische Weihnachtsmann.

Dies ist eine tragische Weihnachtsmanngeschichte, nur so vorweg, als Einstimmung, dass jeder auch Bescheid weiß.

Der mürrische Weihnachtsmann war der letzte seiner Art, zumindest an diesem 24. Dezember um diese Uhrzeit in diesem Regal. In gefühlten drei Minuten würde der Laden schließen und er, rot-weiß staniolverpackt, stand immer noch hier im Regal, neben den Schokoküssen, über den Marzipankartoffeln, und rechts hörte man die Chipstüten knistern. Was für eine Scheiße! So ein Mistsack, dieser verfluchte 24. Dezember, dieser miese letzte Weihnachtsverkaufstag das. In drei Tagen wäre er nur noch ein Viertel wert und würde zwischen alten Schokolebkuchen und gummeligen Rumkugeln als Grabbelware angeboten werden. Irgendein dummes Kind würde auf ihm herumdrücken, eine Mutterhand das Kind wegreißen mit dem Hinweis, der Weihnachtsmann sei ja alt und sähe auch vertrocknet aus. Und wenn es ganz schlecht liefe, würden sie ihn zurückschicken in die Fabrik, und abgerubbelt, verschreddert, gekrümelt und verkleinert als Osterhasenschokoladenmasse wiederverwerten. Meine Herrn, was für ein grausames Schicksal!

Im Moment der letzten Möglichkeit tauchte von irgendwo her dann dieses Kind mit seinen freundlichen Kinderhänden und den fröhlich glitzernden Kinderaugen auf. Es ergriff ihn, den letzten Weihnachtsmann, zaghaft zuerst, mit einem fragenden Blick zur Mutter, dann, weil diese weihnachtlich zustimmend nickte, fest und wissend: Dies ist mein Weihnachtsmann,  mein schönstes Geschenk.
Wie gut war im Grunde doch das Leben, ein Fest dieser wunderbare Tag. Still und demütig nickte der Weihnachtsmann in sich hinein und dankte seinem Schicksal. Auch ihn erfüllte nun die seligmachende Freude, die den heiligen Abend zu diesem unverwechselbaren Tag machte. Er war gerettet. Er würde kein Osterhase werden.

Draußen dann vor dem Laden zeigte das Kindlein sein kindliches Gemüt. Mit einem Riss fiel des Weihnachtsmannes rot-weiße Umhüllung, es knisterte, es knasterte und mit einem Biss in den Kopf endeten die Geschicke des letzten seiner Art. Ein später Gedanke des mürrischen Weihnachtsmannes war, wenn man es so sehen will, wohl auch eine Verfluchung: Na, schönen Dank auch.

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Glückskerl, eingebildeter.

Ich bin’s, der Glückskerl. Da, wo ich bin, regnets nur, wenn es ein muss. Die Kartoffeln sind dicker als die Bauern und schmecken nach Sonne, die sowieso den ganzen Tag scheint, dass das klar ist.
Mir hat noch nie jemand aus Versehen auf den Teller gehustet. Essen schmeckt mir immer, ist immer genug, und selbst wenn es sich übersichtlich auf dem Teller verteilt, habe ich hinterher ein angenehmes Völlegefühl.
Ich hinke nicht. Andere mögen hinken, ich nicht. Wenn ich gazellengleich durch die Gegend laufe, werde ich aus den Augenwinkeln beneidet und bewundert.
Das Wasser, das ich trinke, hat immer irgendeinen leckeren Geschmack.
Ich bin noch nie krank gewesen, außer dass ich alle Kinderkrankheiten hatte, besonders die schlimmen, die man als Erwachsener nicht mehr bekommen darf.
Ich überfliege intellektuell anspruchsvolle Zeitungsartikel und verstehe sie auf Anhieb. In zwanglosen Gesprächen lasse ich ohne Schwierigkeiten Fremdwörter einfließen, dass es niemals übertrieben wirkt.
Ich weiß alles im Voraus, Unterhaltungen mit mir kann man sich sparen.
Ich bin besonders wenig eingebildet und vollkommen nicht arrogant. Ich bin kritikresistent und bei jungen Hunden und Kindern äußerst beliebt.
Ich bin total witzig.

Wah?
Wie wah?
Günter! Wenn du eins nicht bist, ist es witzig.
Aber der Rest stimmt doch, oder?
Nee, auch nicht.
Mist.

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