Fix. Detektiv. 3. Kotopax.

Fix sah von seinem Notizbuch auf in die unergründlich dunklen Augen der Frau Lola Montez. Sie trug eine Sonnenbrille. Dann lispelte sie atemlos eine kurze Erklärung.
Mein Schwager wird seit einigen Tagen bedroht und heute morgen ist sein Hund verschwunden. Eine Foxterrier-Basset-Mischung namens Peggy Sue.
Fix nickte. Er verstand kein Wort. Wer nennt denn einen Hund Peggy Sue?
Mein Schwager ist Richter am Oberlandesgericht, müssen Sie wissen (mützen Tzie witzen).
Fix nickte erneut. Richter, klar. Richter geben ihren Hunden komische Namen. Er zog die Mundwinkel zu einem leichten Lächeln nach außen.
Und Peggy Sue? Ist sie wertvoll?
Peggy Sue ist ein Rüde, aber das ist eine andere Geschichte (Getzichte). Die Drohungen kamen von Kotopax.
Ach?
Ja, Kotopax.
Fix hatte keine Ahnung, was Kotopax sein sollte. Vielleicht eine Organisation zur Befreiung von Foxterrier-Basset-Mischungen mit komischen Namen?
Frau Montez, wie kann ich Ihnen helfen?
Lola.
Frau Lola Montez, was soll ich für Sie tun?
Nur Lola.
Fix zweifelte langsam an seinen detektivischen Fähigkeiten. Hieß sie jetzt nur Lola oder Nur Lola oder was? Gab es da nicht mal eine Königin Nur? Oder wollte sie nur eine Lola und hatte doch einen größeren Sprachfehler? Was denn jetzt?
Meinetwegen, Lola. Was kann ich tun?
Küssen Sie mich, jetzt, schnell, bevor sie uns sehen.

Alle Folgen Detektiv Fix. Siehe hier…

 

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Fix. Detektiv. Lola.

Fix hatte drei wiederkehrende Albträume. Im ersten musste er eine Jungfrau vor dem Sprung von einem Doppeldeckerbus (Stadtrundfahrt, oben offen) retten. Im zweiten, einem Straßenlaternen-Albtraum, versuchte er nachts verzweifelt eine Szenerie von etwa zweihunderttausend Mücken zu erfassen, die irre geworden um das Licht einer Straßenlaterne tanzten. Im dritten Albtraum wurde er am Kopf operiert, lobotomiert wie Jack Nicholson in ‘Einer flog über das Kuckucksnest’. Glücklicherweise besaß Fix die für einen Detektiv ungewöhnliche Gabe, Dinge sehr schnell wieder zu vergessen (das half ihm auch bei seiner Buchhalterei). Was er morgens nicht aufschrieb, konnte er Mittags schon nicht mehr erinnern. Fix war ein Vergesser.
Positiv am Vergessen war, fand Fix, dass es ihm nichts ausmachte, jeden Abend in seinem Lokal erfolglos auf einen Auftrag zu hoffen, weil er morgens, wenn ihn seine Lobotomie noch beschäftigte, schon nicht mehr wusste, was er abends gegessen hatte. (Es war immer dasselbe: Irgendetwas und Nudeln mit Ketchup.)

Der Abend eines verregneten Februarfreitags im Jahre 2012 (also gestern) war anders. Der Besitzer stand mit einem Bandscheibenvorfall jammernd und schimpfend hinter dem Tresen und Fix hatte eine leichte Migräne. Eine unglaublich gut aussehende Frau mit langen glänzenden schwarzen Haaren, die Fix noch nie hier gesehen hatte, betrat das Lokal. Sie stellte sich neben Fix und sagte zu ihm: Ich bin Lola Montez. Fix nickte, als sei das selbstverständlich. Frau Lola Montez bat um detektivischen Beistand: Ich habe Sie gesucht. Ich brauche ihre Hilfe.
Fix erinnerte sich urplötzlich an die Mücken, seine Lobotomie und die Jungfrau vom Doppeldeckerbus. Das verwirrte ihn. Bekommt ein Detektiv so einen Auftrag? Er schrieb Lolas Namen in sein Notizbuch (es war sein erster Eintrag). Hinter den Namen notierte er: Keine Jungfrau.

Fortsetzung folgt…
Fortsetzung von: Fix. Detektiv.

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Fix. Detektiv.

Fix saß im Restaurant um die Ecke am Tresen und prägte sich mit zusammengekniffenen Augen die Szenerie ein. Für Fix war alles Szenerie, seine Wohnung, eine Straße, Menschen in der U-Bahn. Fix hielt sich, obwohl er es gar nicht war, für einen Detektiv, eigentlich arbeitete er als Buchhalter.
Was die Angelegenheit mit den Szenerien, den zusammengekniffenen Augen und der Vorstellung vom Detektivsein wirklich kompliziert machte, war die Erwartung, die Fix an seine Umwelt stellte. Fix wollte, dass alle, die ihn sahen, dachten, er sei wirklich Detektiv. Und er wollte, dass niemand bemerkte, dass er gar kein Detektiv war (sondern Buchhalter), dass er aber sehr gut ein Detektiv hätte sein können. Fix. Detektiv, der in diesem Restaurant an einem Fall arbeitet. Die Leute sollten mehr so nebenbei bemerken, dass er Detektiv war, nicht weil er das beabsichtigte oder weil er wie ein Detektiv aussah, mehr so aus dem Augenwinkel heraus: Oh, ein Detektiv. Er sah wirklich nicht wie ein Detektiv aus, was für einen echten Detektiv ja eine gute Tarnung ist. Tatsächlich sah er einem Buchhalter viel ähnlicher als einem Detektiv. Fix wollte, dass man ihn wie zufällig am Tresen sitzen sah und vielleicht auf den Gedanken kam, er könnte ein Detektiv bei der Arbeit an einem wichtigen Auftrag sein. Gleichzeitig aber war es genau das, was Fix als Detektiv natürlich nicht zulassen durfte. Ein Detektiv lebt aus dem Verborgenen, niemand sollte in ihm den Detektiv sehen, ein erkannter Detektiv ist wie ein nicht bellender Hund, fand Fix. Buchhalter zum Beispiel, meinte Fix, sind wie Hunde, die nicht bellen.

Diese Momente am Abend in seinem Restaurant, wenn er auf sein Essen wartete,   machten ihn fertig. Entweder man hielt ihn für einen Detektiv, dann machte er etwas falsch, oder man hielt ihn nicht für einen Detektiv, dann macht er etwas anderes falsch. Das  konnte einen Menschen zerreißen, dachte Fix, und das war der Grund, warum er die meiste Zeit am Tresen den Kopf schüttelte und die Augen zukniff. Gäste des Restaurants, die Fix zum ersten Mal sahen, mussten ihn für betrunken oder einen Menschen mit zerebraler Hirnlähmung halten, glaubte Fix. Das Einzige, was ihn aus diesem Dilemma befreien konnte, war ein Auftrag, irgendein Auftrag.

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Marsmaushausen.

In Marsmaushausen, das vorwiegend von Mäusen bewohnt wird, lebte es sich weitaus angenehmer als in den Marswüsten. Während man in den Wüsten als Marsmaus an Käsemangel eingeht, trifft man sich in Marsmaushausen an Käseecken und diskutiert über mögliche Erdinvasionen. In der Wüste fristet nur die gemeine Wüstenmarsmaus ein käseabstinentes, würdeloses Dasein.

Innerstädtische Marsmäuse haben Gehirne, die sich je nach Tageszeit aufblähen oder mimosenhaft zu kleinen Knäueln zusammenziehen. Mit großen Gehirnen planen sie Überfälle auf die Erde, mit kleinen Gehirnen suchen sie nach verloren geglaubten Dingen, meistens nach Lesebrillen oder Kleiderbügeln.

Im Zentrum von Marsmaushausen liegt ein Kino. Dort werden nur Filme gezeigt, die Marsmäuse positiv darstellen und in denen es ihnen immer gelingt, die Erde zu erobern. Der einzige Film, der sich jemals kritisch mit diesen Erdinvasionen auseinandersetzte, wurde schon während der ersten Vorstellung von aufgebrachten Marsmäusen verbrannt (genau wie das Kino). Im Film wurde behauptet, die Bewohner der Erde seien im Prinzip wie Mäuse, nur etwas größer.

Der Präsident von Marsmaushausen ist Robert Megamaus III. Seine Aufgabe sieht er darin, andere für sich husten zu lassen. Seine Frau, die sich nach einer berühmten Käsesorte “Siglinde” nennt, kann die Geräusche der nächtlichen Wüste nachahmen. Damit erschreckt sie regelmäßig ihren Mann, der daraufhin jemand anderen für sich husten lässt.

Marsmaushausen unterscheidet sich in nichts zum Beispiel von Bottrop. Außer, dass es eben auf dem Mars liegt.

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Life on Mars.

Seit ich mit offenen Augen durchs Leben gehe, sehe ich Dinge, die andere nie sehen würden, zum Beispiel habe ich gestern bei einem Blick durch mein Teleskop Leben auf dem Mars entdeckt. Zuerst war es nur ein Lichtreflex, vielleicht eine Irritation der Augen, dachte ich, eine Täuschung, auf dem Mars gibt es kein Leben, nie und nimmer. Aber, ich muss es so sagen, es war etwas zu sehen, ganz deutlich. Gut, werden Sie jetzt sagen, er spinnt. Von mir aus, erwidere ich ganz sachlich, auf der sachlich-zwischenmenschlichen Ebene sozusagen, aber, und ich zeige es Ihnen gerne, das ist eindeutig etwas Lebendiges. Gut, werden Sie jetzt ergänzen, er hat einen Hackenschuss, hatte er ja schon immer. Nein, lehne ich entschieden ab, das, was Sie da sehen, ist ein Wesen, jawohl, ein Wesen, das aussieht wie, na, sagen wir mal, eine Maus, die auf einer Ecke Camembert durch die Wüste reitet, äh, ja genau, Maus mit Camembert. Wie groß die Maus ist? Na, ich würde sagen, sie ist ungefähr so groß wie eine normal gewachsene Marsmaus, oder? Wohin sie reitet, wollen Sie wissen? Ganz klar erkennbar, finde ich, in die Hauptstadt der Marsmäuse nach Marsmaushausen, wie man auf dem Ortsschild deutlich lesen kann. Ach, warum ich plötzlich marisanisch lesen kann? Wenn schon: Mausmarsianisch, bitte, schließlich wohnen da noch andere. Und wenn Sie’s wissen wollen: Ich sag jetzt gar nichts mehr. Ich flieg da jetzt hin. Mit Käse. Und wenn Sie in einer Woche oder so bitte durch mein Teleskop gucken wollen, dann winke ich Ihnen von da oben zu, zusammen mit einer Marsmaus. Oder so.

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Die Heizung ist kaputt.

Schreib doch mal was darüber, dass die Heizung kaputt ist, Günter.
Die ist ja gar nicht kaputt, Gisela, mein Liebling. Was soll ich denn da schreiben?
Denk dir doch einmal im Leben etwas aus.

Es begann mit den gefrierenden Wassertropen am Fenster. Während sie die Scheibe herunterliefen, froren sie ein. Nee! Doch. Und dann die Eiszapfen an der Heizung und an den Nasen. Nee! Doch, wegen der Erkältung, wir waren alle so erkältet und die Nasen die liefen und im Bad stand diese gefrorene Wassersäule aus der Dusche und im Flur segelten die Wollmäuse auf Schlittschuhen durch die Eiskanäle. Wie in Holland? Genau. Opa schnitzte mit seiner Motorsäge Eisskulpturen in der Küche, Oma saß angefroren neben dem Herd fest, Tante Ilse schüttelte ihr gefrorenes Haar, was dann natürlich einfach abbrach, und ich musste mal. Mein Gott! Ja, das sag ich dir. Hinterher durfte ich mich mit einem Feuerzeug loseisen, angefrostet am Toilettendeckel. Schlimm! Sag ich doch. Die Kinder hatten sich vom Wohnzimmer aus eine Bobbahn in den Keller gebaut. Und ich? Du wurdest von Polizei, Feuerwehr und Technischem Hilfswerk aus dem Eiskratersee im Schlafzimmer befreit. Eingebrochen in antarktisch kaltem nächtlichen Schwitzwasser. Nee! Doch.

Reicht das, Gisela?
Ja, ja. Kannst du nicht ein bisschen näher rücken? Mir ist plötzlich so kalt unten rum.

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Zahlen.

Seit ich alleine lebe und nichts mehr zu sagen habe, beschäftige ich mich mit Zahlen und Zählen. Heute Nacht bin ich dreimal aufgewacht, habe mich zweimal umgedreht und bin einmal zur Toilette gegangen. Auf der Toilette war ich etwa drei Minuten. Alleine. Ich habe mir keinmal die Hände gewaschen, aber einmal auf dem Rückweg ins Bett den großen Zeh gestoßen.
Gestern bin ich dreimal am Leben verzweifelt, zweimal habe ich mich dadurch aufgerichtet, dass ich mir gesagt habe, dass es mindestens zweikommadrei Menschen in diesem Moment ähnlich oder genau so gehen muss, einmal habe ich vergessen, warum ich gerade am Verzweifeln war.
Vorgestern habe ich über den Tag verteilt sechs Menschen gesehen, die ich gerne näher kennen gelernt hätte. Drei von ihnen hatten keine Zeit, zwei wollten sich nicht auf der Straße ansprechen lassen und einer sprach nur chinesisch.
Heute morgen habe ich fünf Schlucke für meinen O-Saft gebraucht und zehn Minuten für einen Artikel über Griechen, griechische Befindlichkeiten und die griechische Geschichte. Ich hatte null Ahnung.

Gerade kam mir dann noch eine Erleuchtung: Ein frierendes Eichhörnchen und noch ein frierendes Eichhörnchen sind zwei Eichhörnchen, die sich, wenn sie sich mögen würden, ganz doll aneinander wärmen könnten. Deshalb nehme ich mich jetzt selbst in meine beiden Arme.

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Ich und mein Pferd Emmerich.

Ich und mein Pferd Emmerich,
wir froren beide fürchterlich.
Bei Schnee und Eis und Wellengang
ritten wir die Küste lang.

Es stürmte, schneite, toste, brauste,
der Wind von links herüber sauste,
Hände, Hufe froren ein,
das sollte so nicht sein.

Da sprach ich zu Emmerich:
Mein Gott ist das widerlich.
Emmerich zu mir:
Was wollen wir dann hier?

Und tief gefroren, jämmerlich
hoppelte dann Emmerich
mit mir zurück nach Hause.
Ohne Pause.

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Engelin 4. Schluss damit.

Gut, dachte ich noch, da ist er endlich, der Japaner. Gütiger Himmel! Ich muss mal wieder unter Leute, ich werde langsam verrückt. Ich sehe mitten in der Nacht Engel und fremde Japaner, die aussehen wie Belgier. Engelin streifte mich mit einem ihrer Stummelflügel und rückte meine Weltsicht gerade.

Es herrschte eine gespannte Stille, die womöglich lauter knisterte als Alufolie kurz vor dem Ofen, ich sage womöglich, weil es eventuell Tante Ilse war, die gerade einen Bonbon auspackte, oder Dancer mit einem knisternden Zungenschnalzen. Um es kurz zu machen: Der Japaner, der gar kein Japaner war, wie jeder sehen konnte, der japanische Belgier mit seinen neun Fingern nickte freundlich distanziert in die Runde und sagte etwas sehr sehr Bedeutendes. Auf Japanisch. Ehrlich. Ich verstand kein Wort.

Ich machte ein Gesicht und zeigte es Engelin: Ist das jetzt dein Ernst? Das war das, was du meintest? Wie soll mir das denn aus der Krise helfen?
Engelin schüttelte den Kopf, zuckte entschuldigend mit den Schultern und flatterte aufgeregt zur Tür. Sie machte dem Japaner klar, wo der Hammer hängt, zog an seinen Ohren, zeigte auf seinen Mund und machte das Halsabschneider-Zeichen. Das hätte selbst ich jetzt verstanden.

Der Japaner fing noch mal an: Äh, sorry jetzt auch, ich bin der, den alle hier für einen Japaner halten, obwohl ich gar keiner bin, und es spielt auch überhaupt keine Rolle. Das vorweg. Und jetzt die Botschaft für, Moment, ich hab’s gleich.
Er holte umständlich einen Zettel aus einer Tasche und versuchte etwas darauf zu entziffern. Er guckt hilflos in die flitzebogenmäßig gespannte Runde: Können Sie mir vielleicht sagen, was da steht? Das ist doch ein Name, oder? Sind Sie das vielleicht?
Er hielt mir den Zettel vor die Nase. Tatsächlich, da stand mein Name.
Gut. Sie bekommen das einmalige Angebot als Wolkenfotograf zu arbeiten. Sie können doch fotografieren?
Ich konnte nicht.
Na, macht nix, der letzte Wolkenfotograf hatte auch dreißig Jahre Zeit das zu üben. Sie mögen doch Wolken oder wissen zumindest, was eine Wolke ist?
Ich zog die Mundwinkel nach unten. Es ist ja nicht so, dass ich was gegen Wolken habe. Also, ok, ich mag Wolken, Wolken sind wirklich dufte.
Dufte? Gut. Ihr Vorgänger ist letzte Nacht beim Fotografieren abgestürzt, er wurde absentiert, abgefertigt, auf und davon, verstehen Sie? Nein? Er ist weg, weit weit weg, nicht mehr da, wir brauchen einen neuen Fotografen. Und Sie haben nun die einmalige Chance zu entscheiden, ob Sie die Wolken lieber von unten oder von oben fotografieren möchten, verstehen Sie? Stehend oder fliegend, hier unten oder da oben.
Ich nickte, so wie man nickt, wenn man kein Wort versteht. Wolken? Oben, unten? Häh?
Ich guckte zu Engelin, die mich trauriger als bisher ansah. Sie zeigte mit einem Finger nach oben und blickte über ihre Schulter nach hinten zu ihren Stummelflügeln. Oben Flügel, unten keine, kapiert? Dann plinkerte sie ihren lieblichsten Engelblick und flatterte ein bisschen.
Ich schluckte und verstand langsam. Wolken von oben fotografieren. Das hätte ER aber auch einfacher haben können. Ich nickte dem Japaner zu und zeigte nach unten, denn unten ist das Leben, das war meine Entscheidung.

Hippo dachte, ich meinte sein Loft, Gumbo brachte einen Loft-Witz und Dancer schnippte eine hawaiianische Fahrstuhlmelodie. Ilse knabberte an ihrem Bonbon als wäre nichts gewesen, es machte ‘Plopp’ und der Japaner verschwand. Stattdessen lag da eine dieser typischen Wolkenkameras auf dem Boden, kennt man doch, Wolkenkamera, kennt irgendwie jeder. Es machte ‘Pling’ und Engelin hatte große Flügel, irgendjemand pupste, ich glaube Onkel Werner, und ich fiel in Ohnmacht.

Das war’s. Ich habe Engelin letzte Woche beim Aldi getroffen, da saß sie irgendeinem armen Schlucker auf der Schulter, ein vollständiger Engel, große Flügel, guter Flug, mein Engel.
Meine Krise endete mit einer Woche Murmeltierdauerschlaf und dann tat ich das, was der Japaner vorgeschlagen hatte. Ich wurde der berühmteste jemals gewesene Wolkenfotograf, ich fotografiere Kumulus und Strato und Schäfchen und Wolken, die aussehen wie Engel oder Hasen oder, äh, Wolken. Und alles von hier unten. So war das und so sollte das wohl sein.

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Engelin 3. Hippo, Gumbo, Dancer.

Engelin sorgte in dieser Nacht für eine offene Tür, so dass irgendwann auch Mister Mancini von “Mancinis Mini Lofts” bei mir im Flur stand. Mister Mancini war mein Vermieter und ich schuldete ihm drei Monatsmieten. Ich gehöre zu den Menschen, die alles im Griff haben, außer Monatsmieten und nächtliche Gespräche mit Vermietern. Glücklicherweise war Mister Mancini ein guter Kerl, er setzte sich neben Ilse und plauderte mit Onkel Werner über Poker, Pferdewetten und Kirchenbingo, als sei das üblich mitten in der Nacht. Engelin flatterte herum und sorgte für Sternenstaub und frisch aufgebackene Mehrkornbrötchen. Ich grübelte und wartete auf den Japaner.

Hippo, Gumbo und Dancer tauchten ebenso unaufgeregt auf wie ihre Freundinnen, deren Freundinnen, Mütter, Schwiegerväter und Großeltern, Onkel, Tanten, Nichten, Hund, Katze, Maus. Hippo war Rapper oder Hip Hopper und wohnte unter mir in einem von Mister Mancinis Mini Lofts. Die Mini Lofts waren nichts anderes als kleine Räume ohne Innenwände, dafür mit Eckküche, Eckbad und Eckschlafnische, Loft hörte sich einfach besser an, fand Mister Mancini. Hippo war sehr dick, Gumbo sehr witzig und Dancer redete nie, stattdessen schnalzte er mit der Zunge und schnippte mit den Fingern. Wenn Dancer besonders gut drauf war, machte er Bewegungen mit einem Fuß. Die drei und der Rest ihrer Großfamilie kamen herein, Hippo schüttelte für mich seinen Speck, Gumbo machte darüber einen Witz und Dancer schnippte seltsam beruhigend Mull of Kintyre von Paul McCartney. Es war sehr unterhaltend und meine krisengebeutelte Gedankenwelt fiel langsam in sich zusammen.

Engelin setzte sich auf meine Schulter, sie sah jetzt noch kleiner aus, und flüsterte mir ins Ohr, dass SEINE Botschaft eigentlich noch ein bisschen länger gewesen war, er hätte nämlich auch von Transzendenz und Transparenz oder Konsistenz und Koinzidenz gesprochen, das hätte sie erstens gar nicht verstanden und zweiten auch nicht behalten, und was man nicht behalten kann, kann man auch nicht weitergeben. Da habe sie eben die drei Jungs angesprochen, dass es sich lohnen würde hier vorbei zu kommen, das würde helfen und außerdem gäbe es aufgebackene Mehrkornbrötchen, mitten in der Nacht. Ich stimmte ihr zu, ich an ihrer Stelle hätte das genauso gemacht.

Ja, und dann kam endlich der neun-Finger-Japaner. Er guckte mich von der Tür aus an und ich wusste sofort, wer er war. Er kam von IHM und würde mir etwas anbieten, was ich nicht abschlagen konnte. Ich nickte ihm zu und er nickte zurück. Ich nickte nochmal und er auch. Bis auf uns beide nickte aber niemand, dem Rest der Gesellschaft stockte der Atem. Anscheinend wussten alle das, was ich auch wusste. Was wir nicht wussten, war, was der Japaner anzubieten hatte. Außer Engelin. Die meinte, das sei auch gar nicht wichtig, das sei ja eigentlich gar kein Japaner.

Fortsetzung und Schluss folgt.

Teil 1: Engelin. Eine Fortsetzungsgeschichte.
Teil 2: Engelin 2. Der Japaner.

 

 

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